Zukunft der Bildung

Der Wert der Nebenflüsse und der Prüfungen

Von Matthias Trautsch
 - 17:32

Ein rohstoffarmes Land wie Deutschland müsse in die Köpfe investieren, heißt es allenthalben. Mindestens ebenso wichtig sei Bildung für jeden Einzelnen: als Schlüssel zu beruflichem Aufstieg und Wohlstand. Eine merkwürdige Sichtweise, findet Jürgen Kaube. „Als ob Bildung ein Mittel ist, etwas anderes zu erlangen“, sinniert der für das Feuilleton zuständige F.A.Z.-Herausgeber. Bildung bedeute nicht, aus der Not eine Tugend zu machen, sondern sei eine Tugend an sich.

Zumal Rohstoffarmut nach Kaubes Ansicht keine Not darstellt. Der Blick auf Länder wie Russland oder die ebenso ressourcenreichen wie gescheiterten Staaten Afrikas lege nahe, dass Deutschland sich glücklich schätzen dürfe, nicht allzu viel Gold, Diamanten und Erdöl im Boden zu haben. Hätten die Menschen die Wahl, lebten die meisten lieber hier als in Saudi-Arabien. Das hohe Bildungsniveau sei einer der Gründe dafür.

So gesehen, ist Alexander Lorz nicht der Verwalter des Mangels, als der er sich im Alltag oft fühlen muss, sondern reicher als jeder Ölscheich. Der hessische Kultusminister und CDU-Politiker sitzt mit Kaube auf dem Podium im Holzfoyer der Oper. Moderiert von Werner D’Inka, dem für die Rhein-Main-Zeitung verantwortlichen Herausgeber, geht das F.A.Z.-Bürgergespräch der Frage nach, was Bildung bedeutet - auch auf den Spuren des Buchs „Im Reformhaus. Zur Krise des Bildungssystems“, das Kaube im vergangenen Jahr veröffentlicht hat.

Aufgaben des Bildungssystems

Die Schule müsse auf die Zukunft vorbereiten, darüber sind sich der Soziologe Kaube und der Jurist Lorz einig. Doch welche Zukunft ist gemeint? „Bildung ist erfunden worden, weil wir die Welt nicht kennen, auf die wir uns vorbereiten“, sagt Kaube und zieht daraus den Schluss, dass der Lehrstoff nicht allzu konkret sein dürfe. Es gehe nicht darum, dass Schüler telefonieren lernten - niemand wisse, ob diese Technik in 20 oder 30 Jahren noch gefragt sei. Einen Roman zu lesen könne hingegen ein Schritt in der Entwicklung zum mündigen Bürger sein. Und die Fähigkeit zum Urteil und zum Widerspruch sei auch noch in 20 oder 30 Jahren gefragt. Es sei sinnvoll, dass Schüler lernten, „alle Nebenflüsse der Weschnitz aufzuzählen“, auch wenn sie später einmal Zahnarzt würden.

Eine Portion Konkretion gehöre schon zur Schule, meint Lorz. Er unterteilt die Aufgabe des Unterrichts in drei Sphären. Zum einen das Handwerk: Lesen, Schreiben, Rechnen. „So ungewiss die Zukunft ist - das haben wir in den vergangenen 3000 Jahren gebraucht und das brauchen wir auch in Zukunft.“ Daneben gehe es darum, einen Bildungskanon zu vermitteln. An den amerikanischen Eliteuniversitäten würden noch immer Horaz und Homer gelehrt, obwohl antike Literatur im späteren Berufsalltag der wenigsten Studenten eine Rolle spielen dürfte. Doch die Auseinandersetzung mit solchen Klassikern schärfe den Geist. Die dritte Sphäre sei vor allem am Ende der Schullaufbahn angesiedelt, sagt Lorz. „Da wollen wir Anstöße geben, wie es danach konkret weitergehen könnte.“

Gegen solche Ratschläge sei nichts einzuwenden, meint Kaube. Angesichts einer zunehmenden Ausrichtung an ökonomischen Maßstäben müsse man sich aber bewusst sein, dass das Leben, auf das die Schule vorbereiten solle, nicht nur aus Wirtschaft bestehe. Das gelte selbst für das Berufsleben: Ein Bischof, ein Beamter oder ein Journalist beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiteten nicht nach Marktprinzipien. Im Übrigen seien wir auch Eltern, Kinder oder Eheleute und müssten uns somit in vielen Lebensbereichen als Menschen und nicht als Werktätige bewähren.

Lernbereitschaft der Schüler liegt in der Verantwortung der Eltern

Was aber, wenn Schüler gar nicht lernen wollen, wenn sie im Unterricht ein bestenfalls notwendiges Übel sähen, fragt Moderator D’Inka. Es sei nicht nur Aufgabe der Schule, Neugier und Motivation zu wecken, sagt Lorz. „Primär ist das die Verantwortung der Eltern und der Familie.“ Allerdings seien die Lehrer in der Pflicht, diese Anlagen zu pflegen und zu fördern. Nach Ansicht Kaubes, der auf die Idee des „geheimen Lehrplans“ verweist, können auch unmotivierte oder sogar widerwillige Schüler von der Schule profitieren.

Die Bildungslaufbahn fange damit an, dass Kinder in der Schule erstmals erführen, wie es ist, in einer Institution zu sein. Anders als in der Familie fielen Rolle und Person auseinander: Den Unterricht oder die Pausenaufsicht führten unterschiedliche Menschen - aber jeder sei Lehrer. Zur Sozialisation trage auch die Erfahrung bei, dass es Prüfungen gebe und dass Noten idealerweise nach Gerechtigkeitsprinzipien und nicht nach persönlichem Wohlwollen vergeben würden.

Zensuren verlieren an Aussagekraft

Mit dem Sinn von Prüfungen und Abschlüssen ist ein Thema angesprochen, das im Publikum auf großes Interesse stößt. Es gebe im deutschen und auch im hessischen Bildungswesen die Tendenz, Standards zu senken, etwa beim Abitur und in der Bewertung der Orthographie. Dem stimmt Kaube zu: Die Krux beim Landesabitur sei, dass die Bildungsstätten sehr unterschiedliche Niveaus hätten, sich aber keine Regierung es leisten könne, Abitursjahrgänge ganzer Schulen durchfallen zu lassen, weshalb die Schlechtesten den landesweiten Anspruch bestimmten.

Eltern, Lehrer und Schulleiter im Holzfoyer äußern die Sorge, dass Abschlüsse ihren Sinn verlören, wenn sie jeder erlangen könne. Kaube nennt das Verhalten mancher Lehrer „Freundlichkeit aus Verantwortungslosigkeit“. Keiner wolle eine schlechte Note geben, von der Grundschule über Gymnasium und Universität bis zur Promotion. „Man verschiebt die Härte auf die nächste Ebene.“ Das heiße aber, den Schüler im Unklaren über seine Leistungsfähigkeit zu lassen. Der Trend, nur noch Einsen vor dem Komma zu vergeben, führe zu sozialer Ungerechtigkeit: Wenn Zensuren keine Aussagekraft mehr hätten, dann entschieden Faktoren wie Geld oder Vitamin B über Lebenswege.

Die Schule werde mit Anforderungen überfrachtet, sagt ein Vater von vier Kindern. Vor lauter, teils auch politisch motivierten „Querschnittsthemen“ gerate die Wissensvermittlung ins Hintertreffen. Doch Lorz dämpft die Erwartung, dass Aufgaben wie „Medienbildung“ demnächst aus dem Schulgesetz gestrichen würden. Er als Minister müsse vielmehr dafür kämpfen, dass Interessengruppen den Schulen nicht noch viel mehr aufbürdeten. Ginge es nach Kaube, dann sollte Lorz auch auf einem anderen Feld Kampfkraft beweisen: In der Kultusministerkonferenz solle sich Hessen für hohe Standards einsetzen, zur Not auch um den Preis von Unterschieden zwischen den Bundesländern. Denn so oft komme der vielzitierte Fall, dass ein Schüler von Bremen nach Bayern ziehen wolle, in der Realität auch wieder nicht vor.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Trautsch- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Trautsch
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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