Frankfurter Buchmesse

Bücher hinter Gittern

Von Michael Hierholzer
 - 14:07

Designstudenten aus Saint-Étienne haben den Pavillon entworfen, der gestern um die Mittagszeit schon dem Besuch von Angela Merkel und Emmanuel Macron entgegenzufiebern schien. Rotgestreiftes Absperrband trennte ihn in zwei Teile, viel Polizei war unterwegs und auch französische Gendarmerie, darunter gesetzte Herren, die wie dem Französisch-Buch entsprungen wirkten.

Überall wuselten Mitarbeiter herum, die etwas mit dem Auftritt des Gastlandes Frankreich auf der Frankfurter Buchmesse zu tun hatten, eine gewisse nervöse Nonchalance machte sich breit, eine leicht überreizte Stimmung, schließlich wird es nun eine knappe Woche lang Hunderte von Lesungen und andere Veranstaltungen geben. Das Gastland-Programm „Frankfurt auf Französisch“ geht in die heiße Phase.

Der visuelle Eindruck des Pavillons ist der einer gewissen Nüchternheit. Naturbelassene Holzleisten bilden endlose Reihen von Regalen. Alles sieht ein wenig verbastelt, aber überaus stabil aus. Die traditionellen Büchermöbel durchziehen den gesamten Raum, bilden Nischen und offerieren eine unüberschaubare Zahl von Büchern. Und digitalen Medien. Und zwischendrin zur Abwechslung eine Druckerpresse. Bei den hölzernen Verstrebungen, hinter denen die Publikationen aufgestellt sind, denkt man unwillkürlich auch an Gitter, Käfigstäbe, Verbarrikadierungen, was allerdings nicht im Sinne der Gestalter ist. Diese wollten, warum auch immer, nicht nur Regale schaffen, sondern auch an ein Baugerüst erinnern. Sie haben die einzelnen Abteilungen mit großen Schildern versehen: „La grande Bühne“ steht da zum Beispiel in Riesenlettern, damit auch keinerlei Zweifel bleiben, dass sich hier demnächst Autoren leibhaftig vorstellen.

Vielfalt an beiden wichtigen Märkten

Es sei darum gegangen, die gesamte Vielfalt der frankophonen Literatur abzubilden, sagt Frédéric Boyer, der als literarischer Berater des Ehrengast-Auftritts fungiert. Und man habe die Idee der Gastfreundschaft in den Mittelpunkt gestellt. Dazu gehöre es, auf die Vielzahl der Übersetzungen hinzuweisen, die es von französischsprachigen Büchern gebe.

Wie ist die Lage derzeit? „Sehr gut“, findet Boyer, Deutschland sei ein wichtiger Markt für Übersetzungen aus dem Französischen. Es sei die zweithäufigste Sprache, aus der Bücher ins Deutsche übertragen werden. In Frankreich stehe die deutschsprachige Literatur an dritter Stelle, nur aus dem Englischen werde mehr übersetzt. Und aus dem Japanischen. Was mit der Vorliebe der Franzosen für Mangas zu tun habe. Wo das Nachbarland doch selbst zahlreiche erstklassige Comic-Zeichner hervorbringt und gerade mit Graphic Novels auf dem deutschen Markt sehr präsent ist, wie man auch in dieser Ausstellung sehen kann.

Dass die kulturelle Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich nicht der Geschichte angehört, wird einem bewusst, wenn man gleich am Eingang das neue Buch von Michel Houellebecq hinter der Vergatterung hervorholt: Zwar schreibt er im Vorwort, es beschleiche ihn das Gefühl, dass seit 1860 nichts wirklich Bedeutendes mehr gedacht worden sei, dann aber interpretiert er Abschnitte aus Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ auf eine äußerst originelle Weise.

Ist das nun hier der richtige Ort und der angemessene Zeitpunkt, um sich in eine Lektüre zu vertiefen? Die Geschäftigkeit rundherum suggeriert das Gegenteil, aber nein, für einen Moment fühlt es sich gut an, in eine Gedankenwelt zu entfliehen, die zwischen zwei Buchdeckeln zur Verfügung gestellt wird, und sich darüber zu freuen, dass der deutsch-französische Austausch noch fruchtbar ist. Und wenn uns danach ist, kommen wir morgen wieder, um Autoren dabei zuzusehen, wie sie höchstselbst die erste Seite ihres zuletzt in Deutschland erschienenen Buchs auf der nachgebauten Gutenberg-Presse drucken.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hierholzer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hierholzer
Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.
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