Frankfurter Galerien

Frauen und Eierspeisen an Sommertagen

Von Christoph Schütte

Friedrich Nietzsche muss Frankfurter gewesen sein. Wahrscheinlich wohnte er in einem Altbau in Bornheim unterm Dach. Jedenfalls weiß er, wie es dort ist. „Lieber Freund! Welch ein Sommer“, schreibt der Philosoph. „Ich denke Sie mir im Zimmer sitzend, mehr Omelette als Mensch.“ Das Bild vom Menschen als labbriger Eierspeise passt zu den Hitzetagen dieses Sommers. Die Urlaubszeit hat begonnen, es locken Badespaß, Grillvergnügen und all die anderen Dinge, für die im Alltag sonst keine Zeit bleibt. Etwa in ein Museum gehen. Nie ist es dort schöner als an den Hundstagen. Dann sind die Tempel der Kunst ziemlich leer, aber die Räume herrlich temperiert. Oder man schlendert wie die Scharen asiatischer Touristen mit dem Sonnenschirm durch die Stadt, macht ein Foto vor dem Goethehaus, isst ein Eis mit Sahne und stellt die bloßen Füße irgendwo in einen Brunnen. Mag sein, auch das wird manchem irgendwann ein wenig fade. Dann los.

An Alternativen herrscht für den Kunstfreund kein Mangel. Schließlich kann man sich vom Programm der Frankfurter Galerien überraschen lassen. Zwar gibt es nach wie vor Kunstadressen, die im Sommer die Läden vor den Schaufenstern herunterlassen. Doch die Zahl der Kunsträume, die ihr Publikum im Juli und August mit mehr oder weniger ungewöhnlichen Ausstellungen beglücken, ist in den vergangenen Jahren zur Freude aller Daheimgebliebenen deutlich gewachsen. Das gilt auch und gerade für die Galerien in der Stadtmitte, selbst wenn Mühlfeld und Stohrer (Fahrgasse 27) ein wenig arg routiniert eine Accrochage mit Arbeiten von sechs ihrer Galeriekünstler zeigen.

Brigitte Maurer mit sechster Sommerausstellung

Dicht an dicht hängen hier die Bilder. Und doch bleibt man gleich zum Auftakt des Rundgangs ein klein wenig länger, sei es, weil Thomas Hildenbrand mit seinen an die Holzschneidekunst der gotischen Meister gemahnenden Figuren schon einmal einen Ausblick auf den im September kommenden Saisonstart gibt, sei es, weil man es kaum glauben mag, was Matthäus Zurowski mit dem Aquarellpinsel auf winzig kleiner Fläche schafft.

Hundert Meter weiter in Richtung Main hat es sich Brigitte Maurer mit ihrer Sommerausstellung auch nicht wirklich schwergemacht, kann man sich doch des Gefühls kaum erwehren, die „Summertime 6“ überschriebene Schau in ihrer Galerie (Fahrgasse 5) präsentiere haargenau die gleichen Bilder wie schon die fünfte, vierte und dritte Folge der Reihe in den vergangenen Jahren. Einerseits. Denn andererseits bieten sich Sigrid von Lintigs Freibadimpressionen und Joanna Jesses Malerei gewordene Erinnerung an einen Kindheitssommer in Schwarzweiß für „Summertime“ natürlich geradezu an. Und Silke Schoeners Landschaften mit vielen weißen Flecken setzen überdies noch einen weiteren leicht melancholischen Akzent.

Zeichnungen mit ungeahnter Verführungskraft

Anregender und überzeugender freilich sind vor allem jene Ausstellungen, die sichtlich mehr wollen, als das Sommerloch mit ein paar hübschen Bildern zu füllen, und den Betrachter mit ungewöhnlichen Präsentationen überraschen. Gleich gegenüber etwa an der Alten Brücke (Kurt-Schumacher-Straße 2), wo die eigentlich für junge, freche und vor allem malerische Positionen bekannte Galerie Jacky Strenz zur Verblüffung des Betrachters ein Dutzend Papierarbeiten aus dem Nachlass Wilhelm von Kaulbachs zeigt. Darauf muss man als Galerie, die der Kunst der Gegenwart verpflichtet ist, auch erst einmal kommen. Schon auf der Art Cologne hat Strenz einen Teil der Blätter im Dialog mit der Malerei des Städelschulabsolventen Max Brand vorgestellt. Hier nun entwickeln die Skizzen, Zeichnungen und Studien des 1874 gestorbenen Malerfürsten noch einmal eine ungeahnte Verführungskraft, weniger trotz, sondern eher aufgrund ihres zum Teil beklagenswerten Zustandes. Da zeigen sich Falten, Risse und reichlich Klebespuren, da hält das Papier nichts als ein Streifen Tesafilm zusammen, da findet sich der Nachlassstempel ohne Rücksicht auf Verluste mitten auf das Blatt und ins Motiv gedrückt. Ein Jammer. Und von bezwingendem Zauber. Wer will, kann sich überdies in die ausliegende Literatur vertiefen und die Zeichnungen zu bekannten Wandarbeiten und Gemälden Kaulbachs etwa in der Münchner Neuen Pinakothek in Beziehung setzen.

Bilder, die wie Rätsel erscheinen, ausgestellt

Ein wenig Muße kann man sich auch auf der anderen Mainseite gönnen, wo die noch junge Galerie Feld + Haus sich ausgerechnet im Junggesellenabschiedsparadies Alt-Sachsenhausen eingerichtet hat (Kleine Rittergasse 11). Nichts haben die vier hier vorgestellten Positionen auf den ersten Blick gemein, und doch lohnt jede einzelne den Besuch. Die teils auf Leinwand gemalten, teils direkt auf die Wand aufgebrachten futuristischen Landschaften von Björn Koop verdienen ihn ebenso, wie das an der Schwelle sanft ironisch lockende, indes ganz und gar malerisch eingerichtete „Frauenzimmer“ einen Blick wert ist, in das der Galeriekünstler Martin Feldbauer den ersten Stock zusammen mit Dirk Paschke, seinem einstigen Kumpel vom „Phantombüro“, verwandelt hat. Im Vergleich dazu erscheinen die „12 Studies for a Landscape“ des Iren Karl Burke zunächst reichlich spröde. Und sind als Ergebnis einer streng konzeptuellen Fotografie doch ziemlich große Klasse.

Als Bilder, scheint es, sind sie sich selbst ein Rätsel, ein permanenter Widerspruch und dabei doch alles zugleich: analog und digital, vage und präzise, ebenso bezaubernd wie nichtssagend, intim und erzählerisch und ganz und gar abstrakt. „Titled“ lautet derweil der Name der Sommerausstellung in der Galerie Heike Strelow (Schwedlerstraße 1–5). Sie zeigt vor allem Bilder „Ohne Titel“. Jedenfalls, wenn man sich zunächst auf die ebenso subtil wie kraftvoll daherkommende abstrakte Malerei Viola Bittls konzentriert, die den hinteren Raum ganz allein bespielen kann. Und während Lena Ditlmann eine Reihe starker Papierarbeiten zeigt und Christoph Esser mit „Adam & Eve & Steve, Roberta & Hank“ auf den ersten Blick eine Art Familienaufstellung in Styropor inszeniert, in Wahrheit aber vor allem klassisch bildhauerische Fragen reflektiert, ist Khaled Barakeh mit einer explizit politischen Arbeit vertreten.

Der „alternativste“ Kunstverein der Stadt

Immer wieder hat der einstige Meisterschüler von Simon Starling mit seinem Werk in den vergangenen Jahren auf seine syrische Herkunft und den Bürgerkrieg Bezug genommen. Mit der im nordirischen Derry entstandenen Skulptur „Materialised Distance“ ändert sich zunächst vor allem der Kontext. Ob man in der Arbeit ein Zeichen der Hoffnung sehen will oder das genaue Gegenteil, lässt sich derweil nicht leicht entscheiden. Gleichgültig aber lässt einen der Blick des Künstlers nicht.

Zum Ende des kleinen Frankfurter Kunstspaziergangs bietet sich unterdessen ein Besuch im alternativsten Kunstverein der Stadt unter der Honsellbrücke an. Denn bei Familie Montez kann man derzeit nicht nur schön mit einem Bier im Freien sitzen und dem Main beim gemächlichen Fließen zuschauen. Vielmehr hat Mirek Macke mit dem Salon Hansa gleichsam auch seine Berliner Vettern dazu eingeladen, sich in Frankfurt vorzustellen. Mitgebracht haben sie Arbeiten von ein paar Dutzend zum Teil auch am Main gut eingeführten Künstlern wie Thomas Draschan, Manfred Peckl und Gregor Hildebrandt. Was der ein wenig kryptische Titel „Um Fleisch auf die Nerven zu bekommen“ sagen will, bleibt dem Betrachter zwar ein Rätsel. Immerhin aber ist das zum Abschluss noch einmal hübsch appetitanregend. Und etwas anderes als Nietzsches längst labbrig gewordenes Omelett.

Alle Ausstellungen mit Ausnahme der beiden Präsentationen bei Maurer und Familie Montez, die schon am 8. respektive am 9.August zu Ende gehen, sind bis Mitte August, zum Teil sogar bis Ende August, geöffnet. Die Gruppenschau in der Galerie Feld + Haus ist nur nach vorheriger Vereinbarung unter der Rufnummer 069/21921538 zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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