Geplantes Neubaugebiet

Frankfurts Alleingang gilt im Umland als „oldschool“

Von Mechthild Harting
 - 12:53

Eines eint das Umland, die regionalen Gremien und die Ortsbeiräte im Frankfurter Westen: Sie fühlen sich übergangen von der Frankfurter Stadtregierung. Denn sie alle haben erst aus der Zeitung erfahren, dass Frankfurt an der Autobahn 5 einen Stadtteil mit 10 000 Wohnungen für bis zu 30 000 Menschen plant. Nicht jeder schimpft so laut wie Steinbachs Bürgermeister Stefan Naas (FDP), der das Verhalten der Frankfurter als „mittelalterlich“ bezeichnet. Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef (SPD) habe ihm überhaupt erst auf Nachfrage mitgeteilt, dass Frankfurt bis an die Steinbacher Grenze bauen wolle.

Wer ein solches Projekt zum Gelingen bringen wolle, der müsse es gemeinsam mit den Nachbarn entwickeln, sagt Birgit Simon, Erste Beigeordnete im Regionalverband Frankfurt/Rhein-Main. Die Politiker von Frankfurt, Steinbach und Oberursel hätten gemeinsam vor die Öffentlichkeit treten müssen, „das wäre der Standard, der heute in einer Region gefragt ist“, meint die Grünen-Politikerin. Das Vorgehen Frankfurts sei „oldschool“.

Frankfurt hat bis heute offiziell keine Gespräche mit den regionalen Gremien geführt. Dabei sind es der Regionalverband und die Regionalversammlung Südhessen, die entscheiden, ob die Mainmetropole aus einer Fläche, die als regionaler Grünzug und als Kaltluft-Entstehungsgebiet vorgesehen ist, ein neues Baugebiet machen darf.

Wie und wohin sollte Frankfurt seine Fühler ausstrecken?

„Das ist kein einfaches Projekt“, bestätigt Thomas Horn (CDU), der designierte Direktor des Regionalverbands. Es wäre „sicherlich geschickter gewesen, hätten wir vorab davon erfahren“. Mehrere hundert Hektar landwirtschaftlicher Fläche widme man nicht schnell in ein Baugebiet um. Ehe sich das Quartier im Regionalplan wiederfinde, wird „sehr viel Wasser den Main hinunterfließen“, sagt Horn.

Für Jürgen Banzer, CDU-Fraktionschef in der Regionalversammlung, ist die räumliche Abgrenzung der Städte und Gemeinden der „Markenkern der Region, an dem nicht gerüttelt werden darf“. Man wolle keinen Siedlungsbrei. Das müsse auch Frankfurt „bei allem lobenswerten Bemühen, Wohnraum zu schaffen, akzeptieren“, sagt er. Für viele sei die A 5 die Grenze für die Frankfurter Entwicklung. Banzer kritisiert auch die Art, wie Frankfurt das Projekt vorantreibt. Die Römer-Verantwortlichen müssten begreifen, dass sie „nicht im Alleingang“ handeln könnten, sondern nur im Einvernehmen mit den Nachbarn und der Zustimmung der Regional- und Landesplanung.

Für Banzer ist das Vorgehen Frankfurts nicht nur „wenig hilfreich“, sondern es konterkariere die vielen Bekundungen aus dem Römer, das Verhältnis Frankfurts und der Region solle auf Augenhöhe vorangetrieben werden. Das hatte in der Vergangenheit vor allem der Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) für sich in Anspruch genommen. Es sei eben doch etwas anderes, für ein schönes Foto den Oberbürgermeister einer Nachbarstadt mit der Kutsche abzuholen und nach Frankfurt zu fahren, als sich mühsam in konfliktträchtigen Planungsgesprächen abzustimmen, heißt es. Andere Politiker im Umland mutmaßen, dass das Projekt nur parteipolitisch motiviert ist und der SPD in den bevorstehenden Wahlkämpfen, auch um das Amt des Oberbürgermeisters, helfen soll. Schließlich treten die Sozialdemokraten dabei als diejenigen auf, die tatkräftig das Wohnungsproblem angehen.

Regionale Skepsis trotz Wohnraumnot

In der Regionalpolitik erfahrene Frankfurter Genossen hatten Josef geraten, im Römer eine Art Außenminister zu installieren. Frankfurt müsse endlich mit dem Umland besser kommunizieren, ob mit Steinbach oder Niederdorfelden. Josef soll den Hinweis mit der Bemerkung abgetan haben, Frankfurt pflege beste Kontakte zu seinen Nachbarn.

Trotzdem wird sich am Mittwoch voraussichtlich im Bau- und Umweltausschuss der Stadt Oberursel eine Mehrheit gegen den neuen Frankfurter Stadtteil oder zumindest gegen eine Bebauung des Geländes westlich der A 5 aussprechen. Die Mehrzahl der Oberurseler Stadtverordneten sei „sehr skeptisch“, sagt Oberursels Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD). Dabei hatte er sich in der Vergangenheit dafür ausgesprochen, mit Frankfurt eine gemeinsame Lösung zu finden. Ein Neubaugebiet würde die Taunuskommunen schließlich vom Druck entlasten, selbst zu bauen, sagt er.

Ähnlich argumentiert die SPD in Steinbach. Dort ist Josef an diesem Samstag zu Gast, alle Bürger sind eingeladen. Treffpunkt ist das geplante Baugebiet und dort eine Streuobstwiese kurz vor der Brücke über die S-Bahn. Man dürfe den Frankfurter Planungsdezernenten „nicht an den Pranger stellen“, argumentiert die SPD Steinbach, schließlich wolle er endlich bezahlbaren Wohnraum schaffen. Dass es daran in Steinbach keinen Mangel gibt, lassen die Genossen aber ebenso unerwähnt wie die einstimmige Resolution im Steinbacher Stadtparlament gegen den neuen Stadtteil westlich der A 5.

Quelle: F.A.Z.
Mechthild Harting - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Harting
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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