Frankfurts Kinogeschichte

Auf den Spuren der Lichtspiele

Von Eva-Maria Magel
 - 12:28
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Heute wäre „Die Liebe des gnädigen Fräuleins“ wohl nicht mehr zu haben im Frankfurter Bahnhofsviertel. Seinerzeit, als in August Haslwanters „Kinematographen-Theater“ an der Kaiserstraße derlei „spannende Sensationsdramen aus dem modernen Leben“ zu sehen waren, dachte in den funkelnagelneuen Prachtbauten noch niemand an Rotlichtviertel. Allenfalls ein wenig erotisch-exotisches Prickeln gab es.

Erst recht, als wenig später das geneigte Publikum in Asta Nielsens „Abgründe“ strömte, weil ruchbar geworden war, dass es ebensolche auch auf der Leinwand zu bestaunen gäbe. Den lasziven Tanz der Nielsen um ihren gefesselten Partner herum allerdings haben die Frankfurter nie zu Gesicht bekommen: 1911 schritt die Polizei ein, die anstößigen Filmmeter mussten herausgeschnitten werden.

Filmmuseum bietet Ausflüge an

Auf Christian Setzepfandts Tablet hingegen kann man die fehlenden Sekunden nun ansehen, zwischen Bahnhofsplatz und Kaiserstraße, wo er seinen Rundgang beginnt. An der Hohenzollernstraße stand 1911 das erste Kino, das als solches gebaut worden ist, das „Hohenzollern-Theater“, wo „Abgründe“ seinerzeit im „Allein-Aufführungsrecht“ gezeigt wurde, wie stolz plakatiert war. „Exli“ oder vielmehr „Excelsior-Lichtspiele“ hieß der Nachfolger, eingebaut in ein Hotel. Kuriose Abkürzungen, so lernt man auf den Spuren der Frankfurter Kinos, sind genauso üblich gewesen wie Säle, die in bestehende Gebäude eingesetzt wurden. Nicht selten stößt man, vor allem in den Frankfurter Stadtvierteln, auf einstige Lichtspiele, erahnt hier einen alten Schaukasten, sieht dort, oft bei Umbauten, einen Schriftzug an der Fassade freigelegt.

Gezielte Ausflüge in die Frankfurter Kinogeschichte bietet jetzt das Deutsche Filmmuseum: Ihr hat es anlässlich der Ausstellung „Filmtheater“ mit einem Bilderbogen in deren Vorraum ein Denkmal gesetzt. Den gibt es jetzt auch auf DVD zu kaufen. Viel unterhaltsamer aber ist es, mit Christian Setzepfandt, dem wohl beliebtesten Führer der Stadt, eine Tour durch das Bahnhofsviertel bis zur Hauptwache zu unternehmen. Der Kinofan bietet sie derzeit in Kooperation mit dem Museum an.

Setzepfandt erinnert an die Vorläufer der Kinobilder, die Panoramen und Panoptikum-Variétés, an Leopold Sonnemann, der dort, wo heute der Willy-Brandt-Platz liegt, 1891 eine Internationale Elektrotechnische Ausstellung organisiert hatte. Damals wurde aus der Brache vor dem neuen „Centralbahnhof“ das modernste Viertel der Stadt - und wohl deshalb auch das mit den meisten Lichtspielen.

Das frühe Sterben

Überhaupt war Frankfurt durchaus eine Kinostadt: 1906 gab es zwei Kinos, 1931 waren es schon 58, und nach dem Nullpunkt 1945 im Spitzenjahr 1959 gar 85 Kinos, in die das Publikum strömte. „Der Film ist zur Lebensgewohnheit geworden, eine Tatsache, die unseren Vätern nahezu fremd war“, hieß es am 27. Februar 1950 in dieser Zeitung, als drei neue Großkinos angekündigt wurden - unter anderem das „Europa“ an der Hauptwache, das als „E-Kinos“ bis heute in Familienbesitz existiert. Die marmornen Paläste für mehrere tausend Besucher kann man sich im heutigen Frankfurt kaum mehr vorstellen, Wasserspiele gab es, Bars, Live-Musik - auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg. Legendär ist das „Künstlerzimmer“ des „Europa“ mit seiner Autogrammtapete, die von den Stars anlässlich der Frankfurter Premieren signiert wurde. Im „Europa“ posierte Nadja Tiller, unweit der Kaiserstraße, wo „Das Mädchen Rosemarie“ 1958, nur ein halbes Jahr nach der Ermordung Rosemarie Nitribitts, gedreht wurde.

Das Sterben der großen Kinos begann schon früh: Erst wurden kleine Schachtelkinos daraus, dann kam das Aus. Und erst vor kurzem sind zwei der traditionsreichsten Kinogebäude Frankfurts abgerissen worden. Kaum etwas erinnert an den „Turmpalast“ am Eschenheimer Turm, 1929 als Kino „Groß Frankfurt“ mit dem gebührenden Luxus der Zeit eröffnet, oder an das „Royal“ in der Schäfergasse mit seiner gigantischen gebogenen Leinwand. Niemand, der den Steinweg entlanggeht, weiß, dass an der Stelle der heutigen Buchhandelskette eines der berühmtesten Kinos der Stadt stand: das „Metropol im Schwan“, ein Kino, das 1920 mit grünem Marmor, einem schlossartigen Treppenhaus und Orchestergraben für 40 Musiker prunkte.

Eine demokratische Form des Glamours

Das Gedächtnis ist eine seltsame Sache, vor allem, wenn im Handumdrehen ein neues Gebäude an alter Stelle steht. Dass mit den Kinos gleich das ganze Haus weichen musste, ist gegenüber vom Hauptbahnhof - nicht mehr - zu sehen, wo seit 1905 eines der „Wehmutsgebäude der alten Frankfurter“ stand, wie Setzepfandt es nennt. So alt muss man noch gar nicht sein, um sich an die Reste des legendären Schumann-Theaters zu erinnern. Theater, Boxkämpfe und Filme sahen dort oft Tausende zugleich. Die Bomben von 1944 hatten nur einen Teil des Gebäudes beschädigt, bewundern konnte man den opulenten Jugendstil noch bis 1960. Dann wurde er ebenso rigoros abgeräumt wie so manches andere erhaltenswerte Ensemble in einer Stadt, die sich „schick“, „modern“ und autogerecht wünschte. Eine Nostalgietour an die Orte der einstigen Lichtspiele erinnert auch an eine demokratische Form des Glamours: Die siebte Kunst gab es schon für kleines Geld und den roten Plüschsitz auch.

Heute scheint, nur einen Steinwurf von der blingbling-bunten käuflichen Liebe entfernt, das kalte Neonlicht eines Asia-Supermarkts auf das Pflaster vor der Kaiserstraße 60. Das einst prachtvolle Portal ist, wie bei den Nebengebäuden auch, in scharfen Rechtecken aus der Fassade herausgeklopft worden. Nichts mehr zu ahnen ist vom „Kinematographen“, 1906 das erste Kino der Stadt. Auch nicht vom „Luitpold“, später „Rex“, ein paar Schritte weiter. Obwohl das Haus, heute als Kaiserpassage bekannt, Filmgeschichte geschrieben hat. Hier residierte die Pagu, eine von Frankfurtern gegründete Produktions- und Filmtheater-Gesellschaft. Nach dem grandiosen Erfolg von „Abgründe“ schlossen sie dort 1911 mit der ebenso begabten wie umtriebigen Asta Nielsen einen exklusiven Vertrag. Gleich 24 der damals ganz neuen langen Spielfilme sollte sie innerhalb von drei Jahren drehen. Hollywood am Main: Das hat es tatsächlich einmal gegeben. Wenn man daran denkt, möchte man sofort einen schönen alten Schwarzweißfilm sehen.

Führungen in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum bietet Christian Setzepfandt am 12. und 31. März jeweils um 18.30 Uhr an, Buchung im Internet unter www.frankfurter-stadtevents.de. Die DVD zur Frankfurter Kinogeschichte ist im Deutschen Filmmuseum für 6,80 Euro erhältlich.

Quelle: F.A.S.
Geschenktipps - Die Vorschläge der Kulturredakteure der Rhein-Main-Zeitung Eva-Maria Magel,  Florian Balke, Harald Budweg und Michael Hierholzer
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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