Fredrik Rydman

Die heilige Kuh tanzt Hip-Hop

Von Christian Riethmüller
 - 14:21

Er hat es wieder getan. Ein weiteres Mal hat der schwedische Choreograph Fredrik Rydman eine der heiligen Kühe des klassischen Balletts geschnappt, und zwar nicht durch den Wolf gedreht, aber doch gehörig auf Trab gebracht. Ob er mit seiner Version des „Nussknackers“ ein Heiligtum entweiht hat, liegt schon wie bei seiner Adaption von „Schwanensee“ ganz im Auge des Betrachters.

Als Rydman im Jahr 2011 diesen Klassiker im Drogenmilieu ansiedelte, die Schwäne als von Dealer Rotbart abhängige Prostituierte zeichnete und auch noch Peter Tschaikowskys berühmte Musik remixen und mit Hip-Hop-Beats unterlegen ließ, stieß er gewiss einige Zuschauer vor den Kopf, während viele andere von dem Tanzspektakel hingerissen waren. Mehrere erfolgreiche Tourneen brachten daher immer wieder die Frage auf, wann Rydman sich denn den „Nussknacker“ in ähnlicher Manier vornehmen würde.

Ballett trifft Streetdance

Allerdings zögerte der heute 43 Jahre alte Choreograph und Regisseur, dessen Karriere in den neunziger Jahre mit der schwedischen Bounce Streetdance Company begann, lange Zeit vor dem in seinen Augen allzu naheliegenden: „Ich will ja nicht nur Ballett-Klassiker remixen, obwohl Tschaikowskys Musik großartig ist und auch die Handlung einigen Spielraum lässt. Aber ich brauchte eine Geschichte“, sagt Rydman, der zwar immer mal wieder mit der „Nussknacker“-Idee spielte, anderen Projekten dann aber Vorrang gab. So entwickelte er Choreographien für die schwedischen Shows zum Eurovision Song Contest, arbeitete mit dem Cullberg Ballet, inszenierte in Stockholm eine Adaption von Shakespeares „Macbeth“ und wirkte als Kreativdirektor bei der schwedischen Version der Musik-Castingshow „X Factor“ mit.

Diese Erfahrungen spiegeln sich nun in „The Nutcracker Reloaded“ wider, wie Rydman sein neues Tanzmärchen genannt hat, bei dem wieder klassisches Ballett auf Streetdance trifft, wobei für Divertissements oder Pas de deux kein Platz ist, sondern Breakdance und Hip-Hop-Moves die rasanten Tanzszenen bestimmen.

Geschichte gründlich verändert

Auch die ursprüngliche Geschichte der kleinen Clara, die einen Nussknacker geschenkt bekommt, der sich nach einigen Irrungen und Wirrungen in einen echten Prinzen verwandelt, hat Rydman gründlich verändert. Clara lebt nun auf einer Müllkippe, sehnt sich nach ihren Eltern, die irgendwo betteln müssen. Statt Claras Patenonkel Drosselmeier macht sich nun ein gewissenloser Organhändler dieses Namens an das Mädchen heran, das zufällig die gleiche Blutgruppe wie eine reiche Kundin hat, die am Nussknacker-Syndrom leidet und ein Spenderherz braucht.

Dieser Drosselmeier schenkt Clara einen ramponierten Nussknacker mit Beinprothesen aus Abfall. Bevor der allerdings zum modernen Prinzen werden darf, wollen zahlreiche Abenteuer in dank 3D-Videoprojektionen besonders phantastischen Welten bestanden sein. Dort tummeln sich auch berühmt-berüchtigte Figuren wie Dracula, Darth Vader und sogar Super-Mario, was mit der guten alten „Nussknacker“-Welt zwar so wenig zu tun hat wie der charmante, doch eigentlich recht überflüssige Erzähler Kalle Westerdahl, allerdings für spektakuläre Schauwerte sorgt. Und auf solche kann der Reload eines Klassikers nicht verzichten.

„The Nutcracker Reloaded“ ist vom 30. Januar bis zum 4. Februar in der Jahrhunderthalle Frankfurt zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Riethmüller Christian
Christian Riethmüller
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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