„Jesus Christ Superstar“

Fröhliche Globalisierungsgegner

Von Matthias Bischoff
 - 17:29

Als das Rock-Musical „Jesus Christ Superstar“ 1971 in New York uraufgeführt wurde, gab es zahlreiche Proteste christlicher Gruppen. Das Skandalöse des Stücks mag sich uns kaum noch erschließen, doch gäbe es heute gewiss Tumulte, wenn jemand derlei über den Propheten Mohammed schriebe. Vor fünfzig Jahren wird ein gläubiger Christ ähnlich aufgebracht reagiert haben, wenn er den Erlöser und Gottessohn als Hippie gewandet knutschend mit der Prostituierten Maria Magdalena auf der Bühne sah.

Was im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden kraftvoll und als perfekt durchchoreographierte Rock-Oper gezeigt wird, lässt sich auf diese aktuellen Bezüge nicht ein. Zwar holt die Inszenierung von Iris Limbarth die Passionsgeschichte aus der bunten Blumenkinderwelt der Entstehungszeit in eine diffus gehaltene Gegenwart mit martialisch gekleideten Polizisten und fröhlichen Globalisierungsgegnern. Doch bleiben Kostüme (Heike Korn) und das an ein linksautonomes Zentrum erinnernde Bühnenbild (Bettina Neuhaus) nur vordergründig. Das Graffiti- Konterfei Jesu auf Hauswänden und Jutebeuteln weist aber darauf hin, dass wir im 21. Jahrhundert sind.

Stilmix mit System

Doch die jüdische Geistlichkeit erinnert eher an orthodoxe Priester, der römische Statthalter Pontius Pilatus (Frank Bettinger) lässt sich in seinem dunklen Phantasiegewand keiner Epoche zuordnen, der köstlich dekadente Herodes (Uwe Kraus) zelebriert in einer der auch in Wiesbaden dankbarsten Nummern des Musicals das Klischee des Tycoons mit Sonnenbrille und schillerndem Anzug. Der Stilmix hat also durchaus System, eine eindeutige Zuordnung war ganz offensichtlich nicht beabsichtigt. Ohnehin wird hier ja letztlich eine zeitlose Geschichte erzählt.

So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

Der eigentliche Konflikt spielt zwischen Jesus (Björn Breckheimer) und dem hier wichtigsten Jünger Judas (Ulrich Rechenbach), den seine Zweifel an der ganzen Bewegung, seine Angst auch vor der selbstmörderischen Radikalisierung der Gruppe in die Arme der Hohepriester treiben. Seinen Verrat bereut er schnell, sein Song vor dem Selbstmord zählt zu den ergreifendsten des Musicals.

„Jesus Christ Superstar“ zählt zu den frühen Erfolgsstücken des Musical-Traumduos Andrew Lloyd Webber und Texter Tim Rice. Die Musik, die in Wiesbaden von sechs Musikern produziert wird, hat sich erstaunlich gehalten, ist eine noch immer wirksame Mischung aus rockigen Ohrwürmern und Softrock-Balladen, vor allem der Titelsong mit der prägnanten Fanfare wurde neben einigen anderen Songs zum Hit, die ganzen neunzig Minuten sind voller wiedererkennbarer Melodien.

Oohne Hippieatmosphäre

Etwas seltsam prallen in Wiesbaden deutsche und englische Sprachpartikel aufeinander, „Jesus Christ“ wird immer englisch gesungen und wirkt in dem oft doch arg simplen Deutsch als irritierender Fremdkörper. Weshalb nun ausgerechnet ein englisches Musical, im Gegensatz zu italienischen oder französischen Opern, übersetzt gesungen wird, erschließt sich nicht ganz, wird doch die Wirkung von Rock-Songs durch das englische Idiom maßgeblich geprägt.

Doch tragen in Wiesbaden vor allem die hervorragend besetzten Hauptdarsteller, wozu auch Nyassa Alberta als Maria Magdalena mit wuchtiger Soul-Stimme zählt, sowie der tänzerisch und darstellerisch höchst flexibel agierende Chor zum stimmigen Gesamtbild bei. Unter der Leitung von Christoph Stiller lässt es die Band Vanden Plas im Graben ordentlich krachen; man hat sich in Wiesbaden für die reine Rock-Version ohne Streicherbeiwerk entschieden, schlank und auf den Punkt. „Jesus Christ Superstar“ funktioniert auch ohne Hippieatmosphäre, und wenn auf der Bühne die Theatertechnik so klug eingesetzt wird und die stimmlich präsenten Hauptdarsteller mit derartiger Präzision agieren, bleibt wenig zu wünschen übrig.

Nächste Vorstellung am Samstag

Quelle: F.A.Z.
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