Eintracht-Kommentar

Frühbucherrabatt wäre schöner

Von Peter Heß
 - 11:43

Für Last-Minute-Schnäppchen braucht man auch ein bisschen Glück. Im Reisebüro, aber nicht nur dort. Wer jedoch am Ball bleibt, immer wieder nachsetzt, an die Chance glaubt, der erhöht seine Aussichten, auf den letzten Drücker erfolgreich zu sein, ganz gehörig. Die Frankfurter Eintracht wird in diesen Wochen überreichlich für ihre Hartnäckigkeit belohnt. Zum dritten Mal seit dem 30. September gelang ihr am Samstag in den Schlussminuten der Siegtreffer, was die Zwischenbilanz nach elf Spieltagen gehörig aufhübscht. Mit 18 Punkten sind die Frankfurter mitten im Kampf um die Europapokalplätze.

Manche mögen nun daran glauben, dass die Eintracht genau in diese Tabellenregion gehört. Aber das Zuschnappen in letzter Minute ist keine tragfähige Geschäftsgrundlage. Das wäre eher der Frühbucherrabatt. Aber die spielerische Substanz ist nicht so groß, dass die Eintracht die Möglichkeit hätte, frühzeitig zuzuschlagen, wenn der Moment günstig erscheint.

Bei keinem ihrer fünf Siege in der Liga stellte die Eintracht das bessere Team. Die eindeutigste Demonstration von Überlegenheit in dieser Saison bisher führte in eine 0:1-Heimniederlage gegen Wolfsburg. Was uns das sagt? Um auf die Europa League zu hoffen, fehlt die Basis. Wenn Haller gegen Stuttgart und Bremen sowie Rebic in Hannover nicht ihre Traumtore gelungen wären, stünden die Frankfurter bei zwölf Punkten und müssten sich sorgen, nicht in die Abstiegszone abzurutschen.

Deshalb tut Niko Kovac gut daran, jeden Sieg als Speckschicht für drohende magere Wochen zu sehen und nicht als Sprosse für einen möglichen Aufstieg in höhere Sphären. Die Erinnerung an die vergangene Spielzeit wird dem Eintracht-Trainer helfen, seine Profis auf dem Boden zu halten. Nach 19 Spieltagen hatte die Eintracht die drittmeisten Punkte gesammelt, in den restlichen 15 Begegnungen holte sie die wenigsten aller Bundesligateams.

Nach all den guten Erfahrungen der vergangenen Wochen, das 2:2 gegen Dortmund nach 0:2-Rückstand gehört auch dazu, glauben die Eintracht-Profis in dieser Phase an ihre Comeback-Qualitäten. Aber das muss nicht ewig so bleiben. Vor allem Haller ist gefährdet. Die Spielweise der Eintracht bringt es mit sich, dass die französische Spitze unverhältnismäßig viele aussichtslose Zweikämpfe führen muss und im Gegensatz dazu sehr wenige ohne großen Aufwand verwertbare Zuspiele erhält. Eine paar Spiele ohne die Motivationsschübe, die unverhoffte späte Glücksmomente auslösen, könnten schnell in die gefürchtete Negativspirale bei Torjägern führen.

Mehr spielerische Qualität, die Einführung des gepflegten Flachpasses, die Erhöhung der Passquote von 73 auf mehr als 80 Prozent (ein Wert, der in der Bundesliga üblich ist) wären ein solideres Fundament für die Zukunft als Last-Minute-Schnäppchen.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Heß
Sportredakteur.
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