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Kroatien im Halbfinale

Feiern mit den Feurigen

Von Matthias Trautsch
 - 16:17

Da könnte ganz schön was zusammenkommen, liebe Kroaten. Verursachung unnötigen Lärms durch Benutzung eines Fahrzeugs – 10 Euro, nicht ordnungsgemäß angelegter Sicherheitsgurt – 30 Euro, mehr Personen im Auto als erlaubt – 25 Euro, Missbrauch von Hupe, Lichthupe oder Warnblinkanlage während der Fahrt – 5 Euro, Sicherheitsabstand nicht eingehalten – 25 Euro, Bewegen eines Fahrzeugs trotz Beeinträchtigung von Sicht oder Gehör – 10 Euro. Wir könnten noch eine Weile so weitermachen. Im Bußgeldkatalog sind bestimmt noch mehr Punkte zu finden, gegen die ein Autokorso nach einem Sieg gegen England garantiert verstoßen wird.

Aber auf so eine Erbsenzählerei kommt natürlich nur ein frustrierter Deutschland-Fan, der heute Abend selbst gerne im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft stünde. Oder ein übermüdeter Anwohner, der schon nach den bisherigen Kroation-Spielen von den aufheulenden Motoren des rot-weiß karierten Autokorsos um den Schlaf gebracht wurde. Oder auch die Gäste in den Frankfurter Innenstadtcafés, die den lauen Samstagabend gern plaudernd unter dem Sternenhimmel verbracht hätten, aber im Hupinferno nach dem Elfmeter-Krimi gegen Russland noch nicht einmal zu klären vermochten, ob der korrekte Plural Korsos oder Korsi heißt.

„Da drücken wir ein Auge zu“

Wie dem auch sei: Die Frankfurter Polizei gönnt den Kroaten ihre Feierei. „Da drücken wir ein Auge zu“, sagte ein Sprecher gestern auf Anfrage. Natürlich nur, wenn gewisse Regeln eingehalten würden. Mit Oberkörper, Hinterteil oder anderen relevanten Körperpartien aus dem Fenster eines Dreier-BWMs zu hängen sei zum Beispiel nicht erlaubt. Obwohl es nach unserer Beobachtung doch genau das ist, was den Fans der „Vatreni“ (der „Feurigen“) am meisten Spaß macht.

Irgendwie hat man als Frankfurter ja auch eine Nähe zum kroatischen Fußball. Immerhin hat ein gewisser Kovac unserer Eintracht nach 30 Jahren wieder den DFB-Pokal beschert und ein gewisser Rebic das entscheidende Tor gegen die Bayern geschossen. Und wenn der Letztgenannte heute Abend auch die englische Abwehr durchpflügt und am Ende noch den WM-Titel holt (der zählt unter Fußballern fast genauso viel wie der DFB-Pokal), dann werden wir genüsslich die Kopie seines Arbeitsvertrags aus der Schublade ziehen, uns noch einmal vergewissern, dass der bis 2021 datiert ist und dann die Gedanken schweifen lassen, was es Everton, Tottenham oder den Bayern wert ist, unseren Kroaten-Knaller aus dem Vertrag herauszukaufen.

Geht es auch ein bisschen leiser?

Bleibt die Frage, warum Rebics Landsleute nicht etwas leiser feiern können. Darauf weiß der Frankfurter Soziologe Alfred Fuhr eine Antwort. Der Autokorso sei eine „Eroberung des Raums“, der die Regelverletzung inhärent sei, sagte er einmal in einem Interview mit dieser Zeitung. Dass der Verkehr zum Erliegen kommt, ist also nicht Kollateralschaden, sondern Ziel des Ausbruchs aus der Normalität.

Solche soziologischen Einblicke helfen dem, der sich heute Abend nach der Normalität einer Bettruhe sehnt, freilich wenig weiter. Sinnvoller mag es deshalb sein, sich vorsorglich gleich unter die Vatreni zu mischen und feurig mitzufeiern. Rot-weiße Hotspots sind in Frankfurt das Restaurant Diva am Riederwald, die Barkello-Bar an der Berliner Straße und das Millennium-Café an der Waldschmidtstraße, in Mainz treffen sich die Fans am „Haus Zagreb“ in der Oberstadt.

Natürlich ist es – und wir bitten unsere kroatischen Leser, den folgenden Nebensatz zu überspringen – auch denkbar, dass die Engländer gewinnen. In diesem Fall ist, sofern man sich gerade in der Millennium-Bar oder im Haus Zagreb befindet, äußerste Zurückhaltung das Gebot der Stunde. Auf eine ruhige Nacht kann man sich auch heimlich freuen.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Trautsch
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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