Hessens Wettrennen

Kulturhauptstadt verzweifelt gesucht

Von Ralf Euler
 - 08:53
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Athen, Florenz und Amsterdam standen am Anfang. Lissabon, Madrid, Berlin, Paris, Dublin und Stockholm durften sich ebenfalls schon mit dem Titel schmücken. Aber auch Graz in Österreich, Mons in Belgien, Guimaraes in Portugal und Aarhus in Dänemark, das schwedische Umeå und selbst das südirische Provinznest Cork zählen zur Riege der seit 1985 alljährlich gekürten europäischen Kulturhauptstädte. 59 mehr oder minder bedeutende Städte, einmal waren es sage und schreibe neun auf einen Schlag, durften sich in den vergangenen drei Jahrzehnten jeweils für ein Jahr zumindest dem Namen nach als kontinentales Kulturzentrum fühlen; in diesem Jahr sind es das niederländische Leeuwarden und Valletta auf Malta.

2025 ist, entsprechend der Vergaberichtlinien der EU, nach Berlin 1988, Weimar 1999 und Essen 2010 wieder einmal eine deutsche Stadt an der Reihe; neben einer Kommune aus Slowenien. Die Bewerbung muss bis September 2019 eingereicht sein. Eine Chance auch für einen Vertreter des an Kultur und Finanzen reichen Landes Hessen, über die Grenzen Deutschlands hinaus für sich zu werben; wenn nicht mit dem Titel, dann doch wenigstens mit einer aufsehenerregenden Bewerbung. So recht traut sich hierzulande aber offenbar niemand den großen Wurf zu. In Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden gab es zwar bereits vereinzelte, eher zaghaft vorgetragene Vorstöße für eine Beteiligung am Rennen um den Kulturhauptstadt-Titel, doch die Reaktionen blieben verhalten bis ablehnend.

Frankfurt als Flaggschiff

In Frankfurt hatte die CDU-Oberbürgermeisterkandidatin Bernadette Weyland im vergangenen Jahr angekündigt, eine Bewerbung mit der Region auf den Weg zu bringen. Falls sie gewählt würde; was wie bekannt dann nicht der Fall war. Das Echo bei der politischen Konkurrenz in der Mainmetropole fiel ernüchternd aus. Eine Bewerbung Frankfurts, das sich auch ohne prestigeträchtigen Titel internationaler Aufmerksamkeit sicher sein könne, sei „gegenüber der hessischen Nachbarkommune Kassel nicht fair“, argumentierte die SPD im Römer. Frankfurt genieße ohnehin schon genug Aufmerksamkeit, äußerte Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD). Kulturhauptstadt, das sei etwas für hessische Städte, die in Sachen überregionaler Beachtung Nachholbedarf hätten – wie Kassel beispielsweise.

Darmstadts Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) deutete als Reaktion auf die Frankfurter Debatte immerhin an, dass er sich eine Bewerbung Darmstadts im Verbund mit anderen Städten aus der Rhein-Main-Region vorstellen könne. „Wir würden das in jedem Fall unterstützen und dabei eine aktive Rolle einnehmen“, sagte er im November und kündigte an, eine interkommunale Bewerbung im Kulturfonds Rhein-Main zum Thema zu machen. Einen Alleingang Darmstadts könne er sich angesichts dort anstehender Vorhaben wie der für das Unesco-Weltkulturerbe vorgeschlagenen Künstlerkolonie derzeit allerdings nicht vorstellen.

Klar ist, dass Frankfurt das Flaggschiff einer regional orientierten Bewerbung sein müsste, so wie es Essen 2010 für das Ruhrgebiet war. Doch der Stein, den Darmstadts Oberbürgermeister ins Wasser geworfen hatte, zog keine Kreise. In Wiesbaden verweist der Kämmerer und Kulturdezernent Axel Imholz (SPD) auf aus seiner Sicht vorrangige Aufgaben: In der Stadt werde mit viel Engagement und Aufwand an einem Kulturentwicklungsplan gearbeitet. Die Kulturhauptstadt-Initiative komme deshalb aus Sicht der Landeshauptstadt zur Unzeit. Eine regionale Bewerbung habe zwar einen gewissen Charme, heißt es auch in Frankfurt, Offenbach und Mainz, aber die Zeit reiche wohl kaum noch aus, um ein solch ambitioniertes Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Das Potential ist in Hessen vorhanden

Um die 2004 und 2007 neu hinzugekommenen EU-Mitglieder möglichst schnell in die Initiative einzubinden, werden seit 2007 jährlich mindestens zwei Hauptstädte ernannt. Zusätzlich können von 2021 an alle drei Jahre mögliche EU-Beitrittsländer Kulturhauptstädte stellen. Über die Bewerbungen entscheidet eine Jury. Das Auswahlverfahren beginnt zunächst national, die EU-Länder sind im Wechsel berechtigt, einen Bewerber zu benennen.

Hessens Minister für Wissenschaft und Kunst, Boris Rhein (CDU), würde sich zwar persönlich über eine hessische Kulturhauptstadt-Kandidatur freuen. „Das Potential dazu ist in Hessen auf jeden Fall vorhanden“, sagt er. Allerdings sei die Bewerbung Sache der jeweiligen Kommune, stellt er im gleichen Atemzug klar. Das Land habe zur Unterstützung eines eventuellen Bewerbungsverfahrens vorsorglich 200.000 Euro im Doppelhaushalt für 2018/2019 bereitgestellt. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

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Doch selbst diese überschaubare Summe wird Hessen nach jetzigem Stand für andere Zwecke ausgeben können. Kassel, das immerhin kurzzeitig offiziell Interesse bekundet hatte, will nämlich inzwischen ganz offiziell nicht mehr Kulturhauptstadt werden. Zu teuer, heißt es in Nordhessen. Die Rathausspitze an der Fulda empfahl Mitte März, die Bewerbung nicht weiterzuverfolgen, weil das die finanziellen Möglichkeiten der Stadt „gewaltig überdehnen würde“, wie Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) sagte. Statt auf die Herkulesaufgabe Kulturhauptstadt wolle sich Kassel lieber auf andere kulturelle Ziele konzentrieren, wie die Neuaufstellung der zuletzt in unsicheres Fahrwasser geratenen Kunstausstellung Documenta. Dazu seien höhere finanzielle Aufwendungen unumgänglich.

Hohe Kosten für eine erfolgreiche Bewerbung

Die Kosten für eine erfolgreiche Bewerbung als Kulturhauptstadt und die mit dem Titel verbundenen Veranstaltungen schätzt die Stadtverwaltung auf 70 Millionen Euro, hinzu kämen 150 bis 200 Millionen Euro für Investitionen; etwa für Neubauten. Kassel sei, trotz eines im vergangenen Jahr erwirtschafteten Haushaltsüberschusses von rund 40 Millionen Euro, noch immer eine Stadt, „die jeden Cent umdrehen muss“, sagte Geselle. Geld werde in den nächsten Jahren beispielsweise für den Wohnungsbau, die Digitalisierung der Verwaltung und die Schulen benötigt.

Mitte 2017 hatte Geselles Vorgänger als Kasseler Oberbürgermeister, der Sozialdemokrat Bertram Hilgen, allerdings noch ganz andere Zahlen genannt: Bekäme Kassel den Titel, so hieß es damals, seien Investitionen von 65 bis 75 Millionen Euro über mehrere Jahre erforderlich, an denen sich auch Bund und Land beteiligen müssten. Die Kasseler CDU bedauert denn auch das abrupte Ende der Kulturhauptstadt-Ambitionen. Die jetzt genannten 150 bis 200 Millionen Euro seien teilweise für Investitionen gedacht, die Kassel auch ohne Bewerbung tätigen müsse und die nur im Falle eines Titelgewinns notwendig würden.

Auf dem Weg zur Kulturhauptstadt hatte Kassel sogar schon Nägel mit Köpfen gemacht. Im November 2015 beschlossen die Stadtverordneten, eine Bewerbung um das Prädikat Kulturhauptstadt Europas prüfen zu lassen. Ein Jahr später entschied sich eine große Mehrheit der Parlamentarier, dass die Bewerbung weiter vorbereitet werden solle. Im Juni 2017 wurde ein Kulturhauptstadtbüro eingerichtet und eine Kulturkonzeption in Auftrag gegeben. Seitdem fanden zudem regelmäßig Veranstaltungen statt, um die Bürger über die Bewerbung zu informieren und in diese einzubeziehen.

Vielfältige Chancen für die Stadt

Damals hieß es, der Titel biete der mit gut 200.000 Einwohnern drittgrößten Stadt Hessens vielfältige Chancen. „Allein der Bewerbungsprozess ist bereits eine Möglichkeit, die eigene kulturelle Identität zu stärken und die Stadt gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern zu entwickeln.“ Der Titel bedeute zudem eine erhöhte nationale und internationale Aufmerksamkeit und damit einhergehend positive Effekte für Tourismus und Stadtmarketing. „Vielen Kulturhauptstädten Europas ist es gelungen, das eigene Image und Selbstverständnis erfolgreich und nachhaltig weiterzuentwickeln.“

Die Kosten für eine Bewerbung wurden damals auf etwa zwei Millionen Euro bis zum Jahr 2020 geschätzt. Bisher hat Kassel nach Angaben des Oberbürgermeisters erst eine halbe Million Euro zur Vorbereitung der Bewerbung ausgegeben; Geld, das zudem nicht ganz verloren sei. Eine bereits erarbeitete Kulturkonzeption, von der die freie Kulturszene profitiere, solle weitergeführt und die für Anfang 2019 geplante Einrichtung eines Documenta-Instituts als Forschungszentrum sichergestellt werden.

Kein Geldsegen aus Brüssel

Ein Geldsegen aus Brüssel ist mit dem Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ tatsächlich nicht verbunden. Nur 1,5 Millionen Euro an EU-Mitteln darf die auserwählte Kommune erwarten. Wohl auch deshalb kamen die Verantwortlichen in Mannheim und Koblenz zu einer ähnlichen Erkenntnis wie die potentielle Konkurrenz in Kassel. Angesichts großer Projekte wie der Bundesgartenschau 2023 und der Generalsanierung des Nationaltheaters könne sich Mannheim eine Kulturhauptstadt-Bewerbung nicht leisten, konstatierte Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD). Koblenz verzichtete letztlich, weil das Land Rheinland-Pfalz signalisiert hatte, dass es eine Bewerbung finanziell nicht unterstützen werde. Zudem will sich die Stadt als Mitveranstalter einer Bundesgartenschau im Mittelrheintal im Jahr 2031 bewerben.

2003 war bereits eine Frankfurter Kulturhauptstadt-Bewerbung gescheitert, weil die damalige Oberbürgermeistern Petra Roth (CDU) die Erfolgsaussichten für zu gering hielt. Auch Kassel und Wiesbaden kamen damals nicht zum Zug. Diesmal kandidiert nun allem Anschein nach keiner der drei Aspiranten. Sechs andere Städte halten ihr Interesse hingegen aufrecht: Magdeburg, Nürnberg, Dresden, Chemnitz, Hannover und Hildesheim. Weitere Städte erwägen noch eine Bewerbung.

Kulturhauptstadt muss man nicht unbedingt sein, um es zu werden, das beweist ein Blick auf die Liste der vergangenen Titelträger. Man sollte es aber zumindest ernsthaft sein wollen. Wie man es machen kann, zeigt Magdeburg. Die Elbestadt geht unter dem Motto „Unscheinbar sein, sichtbar werden“ selbstbewusst in die nationale Endausscheidung. In der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt wird die Bewerbung als ein Anstoß zur Stadtentwicklung verstanden. Am Ende, so Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD), werde nämlich nicht die an Attraktionen reichste Bewerberin, sondern die an Visionen stärkste gewinnen. Und genau daran, an einer zeitlosen Idee, an einer Strategie und an Durchhaltevermögen, mangelt es in Hessen. Das, und nicht das fehlende Geld, ist die wahre Crux.

Quelle: F.A.S.
Ralf Euler
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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