Graf Matuschka-Greiffenclau

Ein Visionär unter der Last der Familienehre

Von Oliver Bock, Oestrich-Winkel
 - 18:05

An diesem Samstag sind zwei Jahrzehnte vergangen, seit Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau sich an einem Aussichtspunkt auf dem Greiffenberg mit Blick auf sein geliebtes Schloss Vollrads mit einem Revolver, Kaliber 38, das Leben nahm. Tags zuvor hatte die Nassauische Sparkasse als Hausbank und Hauptgläubigerin des Grafen mit einem Insolvenzantrag die Notbremse gezogen. Da hatte der Graf schon fünf Jahre lang keine Zinsen mehr auf seine Kredite gezahlt, die sich in der Summe auf rund 25 Millionen Mark addiert hatten.

Dass die Bank wohl schon viel früher hätte einschreiten müssen, zeigte sich Monate später beim Versuch, Schloss Vollrads zu veräußern. Die mehr oder weniger seriösen Investoren gaben Gebote ab, die zwischen sechs und 13 Millionen Mark lagen. Das war selbst der Naspa zu wenig, die zudem unter dem Druck der Region stand, Schloss Vollrads als Vorzeige-Weingut ungeschmälert für den Rheingau zu erhalten.

„Winzer in der 27. Generation“

Der Favorit der Naspa, der Frankfurter Unternehmer Claus Wisser, zog sich nach zum Teil persönlichen Anfeindungen wieder zurück. Schließlich nahm die Naspa Schloss und Weingut wieder vom Markt und 1999 in eigenen Besitz. Vorübergehend, wie es damals hieß, schließlich sei es nicht Aufgabe einer regionalen Bank, ein Weingut zu betreiben und ein Schloss zu besitzen. Doch inzwischen scheinen sich die Banker daran gewöhnt zu haben, auch Weingutsbesitzer und Schlossherren zu sein. Von einem Verkauf ist jedenfalls keine Rede mehr.

Die Naspa hat vielmehr im Lauf der Jahre beträchtliche Summen in ihr Schmuckstück investiert, und die Weinqualität ist unter der Leitung des seinerzeit von der Naspa verpflichteten Geschäftsführers Rowald Hepp noch besser geworden. Schloss Vollrads, dessen erste Weinrechnung aus dem Jahr 1211 überliefert ist, hat die Rebfläche in den vergangenen Jahren deutlich erweitert, exportiert heute in 50 Länder und schreibt schwarze Zahlen. Und der ehemalige Familiensitz der Ritter von Greiffenclau ist weiterhin ein äußerst beliebter Anziehungspunkt in der Region.

An Graf Erwein, der sich auch ohne Fachausbildung gern als „Winzer in der 27. Generation“ vorstellte, erinnert aber viel mehr als das Schloss und seine Weine. Tradition und Ehre hatten Erwein 1977 veranlasst, seine Managerkarriere bei Olivetti abzubrechen und nach dem Tod des Vaters Richard zwei Jahre zuvor die Führung des Familienweingutes zu übernehmen, auf die sein älterer Bruder Karl verzichtet hatte. „Er war ein Visionär des regionalen Marketings“, sagt Hepp und erinnert sich an eine „vielschichtige, komplexe Persönlichkeit“, die für den Rheingau viel geleistet habe.

Die Initiierung einiger Weinfeste zählt ebenso dazu wie die Entwicklung der Rheingau-Flöte als gebietstypische Weinflasche. Graf Erwein hat die Rheingauer Schlemmerwochen mit angestoßen und den Blick für die enge Verbindung zwischen Wein und Essen geschärft. Die Charta-Bewegung einiger Weingüter, die einen Riesling als perfekten Essensbegleiter kreierten, geht ebenso auf Erwein zurück wie die Glorreichen Rheingau-Tage als große Veranstaltungsreihe außerhalb der Saison. Er gab dem umweltschonenden Weinbau neue Impulse. Und im Rheingau war er einer der Erfinder des leichten Sommerweins als regionale Antwort auf die Pinot-Grigio-Modewelle.

Im Rheingau sind die Leistungen Erweins präsent

So groß das Lob der Region für Graf Erweins Verbandsarbeit und für sein Engagement für den gesamten Rheingau ausfällt, so zurückhaltend ist es im Hinblick auf seine unternehmerischen Entscheidungen für das eigene Weingut. Der Botschafter deutschen Weins war beim Management des eigenen Betriebs nicht so glücklich: „Ich habe kaufmännische Fehler gemacht“, schrieb er selbst in seinem Abschiedsbrief an die Öffentlichkeit: „Dafür muss ich bezahlen.“

Von jenen, die ihm in der kritischen Zeit finanziell beispringen wollten, ließ er sich nicht helfen, weil er die uneingeschränkte Kontrolle über das ihm übertragene Familienweingut nicht abgeben wollte. Pflichtgefühl und Familienehre erwiesen sich als schicksalhafte Bürde. Eine Einschätzung, die auch der Rheingauer Journalist Wolfgang Junglas teilt, der gerade ein Buchporträt über den „Wein-Graf“ veröffentlicht hat.

Nach dem Freitod von Matuschka-Greiffenclau gab es ein unwürdiges Gezerre um das Schloss. Die Familie scheiterte mit dem Versuch, auf gerichtlichem Wege den Familiensitz zurückzugewinnen, und geriet darüber selbst in Streit. Mit tragischen Folgen. Im Winter 1999 erhängte sich Erweins jüngerer Bruder Ernst, nachdem er von seinem Neffen Markus, dem Sohn des ältesten Bruders Karl, wegen Rufschädigung verklagt worden war.

Im Rheingau aber sind die Leistungen Erweins präsent, auch unter seinen Nachfolgern: Der heutige Rheingauer Weinbaupräsident Peter Seyffardt spricht von einem beeindruckenden Unternehmer „mit Ecken und Kanten“, der im Rheingau eine Lücke hinterlassen habe.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis.
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