Abtreibungen in Hessen

Keine Zeit, keinen Partner, keine Nerven

Von Marie Lisa Kehler
 - 15:25

Die Taschentücher liegen immer in Griffweite. Tränen gehören zum Arbeitsalltag von Claudia Hohmann. Sie arbeitet als Geschäftsführerin bei Pro Familia in Frankfurt. Zu ihr und ihren Kolleginnen kommen Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen. „So etwas geschieht niemals leichtfertig“, sagt Hohmann. Denn nach Paragraph 218 des deutschen Strafgesetzbuches ist eine Abtreibung grundsätzlich gesetzwidrig – unter bestimmten Voraussetzungen aber trotzdem straffrei. Deshalb müssen die Frauen eine anerkannte Beratungsstelle wie Pro Familia aufsuchen.

In Hessen haben sich im vergangenen Jahr 7984 Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden. Vor 20 Jahren waren es noch 10 391. Trotz der sinkenden Fallzahlen haben einige Beratungsstellen Alarm geschlagen. Denn im ersten Quartal 2017 ist die Zahl der Abtreibungen erstmals seit Jahren wieder leicht angestiegen – um 1,5 Prozent. Das Bistum Limburg reagierte prompt. Der Fonds für die im Bistum tätigen Caritas-Beratungsstellen wurde um 160 000 Euro aufgestockt. Zuvor war die Zahl der sogenannten Schwangerschaftskonfliktberatungen um zehn Prozent gestiegen. Von den 5240 Frauen, die 2016 bei den Caritas-Beratungsstellen im Bistum Limburg Rat suchten, hatten etwa 50 Prozent Migrationshintergrund, gut zehn Prozent davon waren Flüchtlinge.

621 von ihnen älter als 30

Eine Steigerung der Fallzahlen beobachten die Mitarbeiter der verschiedenen Beratungsstellen in Frankfurt nicht – andere Zahlen drängen in den Fokus. Denn die Mehrheit der Frauen, die sich 2016 in der Mainmetropole zu einer Abtreibung entschieden, war älter als 30 Jahre. Claudia Hohmann wundert das nicht. Als Sexualpädagogin arbeitet sie häufig mit Jugendlichen zusammen und weiß: „Die jungen Frauen haben große Angst vor einer Schwangerschaft. Sie passen extrem gut auf.“ Bei Älteren sei diese Angst nicht mehr so ausgeprägt. Manchmal komme sogar ein unterdrückter Kinderwunsch hinzu – selbst dann, wenn ein Kind gar nicht zur aktuellen Lebenssituation passe. In die Beratung von Pro Familia kamen im vergangenen Jahr 1540 Frauen, 621 von ihnen waren älter als 30 Jahre, 126 zwischen 15 und 19 Jahre.

„Wir bilden die komplette Frankfurter Bevölkerung ab“, sagt Hohmann. Alleinerziehende, verheiratete, berufstätige, arbeitslose, finanziell gut gestellte und finanziell weniger gut gestellte Frauen – „die Gründe, sich gegen ein Kind zu entscheiden, sind vielfältig.“ Manche Frauen hätten die Familienplanung abgeschlossen, andere steckten mitten in der Ausbildung oder im Studium. Der unpassende Zeitpunkt, der unpassende Partner, die Angst vor Überforderung würden oft als Gründe genannt. Manchmal ist es laut Hohmann aber auch Geldnot, die hinter einer ungewollten Schwangerschaft steckt. Denn seit 2004 übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Verhütungsmittel für Sozialhilfe- und Arbeitslosengeld-II-Empfängerinnen nicht mehr. „Dann sparen die Frauen eben daran“, weiß die Beraterin.

Wie viele Frauen mehrfach einen Abbruch vornehmen lassen, verrät die Statistik nicht – die Beratungsgespräche sind stets anonym. „Es kommt sicher vor. Für Frauen aus manchen Kulturkreisen ist Abtreibung eine Verhütungsmethode“, sagt Hohmann. Bei einem Abbruch ohne medizinische Notwendigkeit müssen die Patientinnen selbst für die Kosten aufkommen; zwischen 300 und 600 Euro werden, je nach Methode, veranschlagt.

Drei gesetzlich anerkannte Beratungsstellen gibt es in Frankfurt: außer Pro Familia und dem Familien- und Gesundheitszentrum Frankfurt auch die Beratungsstelle des Diakonischen Werks. Dort arbeitet Karin Kühn. „Bis zu 80 Prozent der Frauen, die zu uns kommen, haben sich schon vor dem Gespräch für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden.“

Kühn und ihre Kolleginnen wollen nicht richten, sondern beraten. Sie stellen Fragen, wie ein Leben mit Kind aussehen könnte, zeigen den Frauen Unterstützungsmöglichkeiten auf. „Manchmal gibt es nach 20 Minuten einfach nichts mehr zu besprechen“, sagt Kühn. Dann wird der Beratungsschein ausgehändigt, der Voraussetzung für einen Schwangerschaftsabbruch ist.

Dass eine Beratung trotz einer schon getroffenen Entscheidung sinnvoll sein kann, davon sind sowohl Claudia Hohmann als auch Karin Kühn fest überzeugt. „Hier können die Frauen zur Ruhe kommen. Es geht immer darum, eine Lösung zu finden, mit der die Frauen später leben können“, meint Hohmann.

Manche Gespräche gehen der Beraterin dabei nicht mehr aus dem Kopf. Etwa, wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung entstanden ist. In solchen Fällen besteht für die Frauen allerdings keine Beratungspflicht. Rechtlich reicht ein Gespräch mit einem Arzt aus – menschlich kann die Beratung trotzdem eine Hilfe sein. „Solche Situationen sind hochdramatisch“, sagt Hohmann.

Immer dann, wenn für die Frauen durch die Schwangerschaft eine gesundheitliche Gefahr – physisch oder psychisch – bestehe, seien die Gespräche besonders dringlich, sagt die Beraterin und berichtet zum Beispiel von jungen Krebspatientinnen, deren Gesundheitszustand sich in der Schwangerschaft rapide verschlechtert hatte und die sich zwischen ihrem eigenen und dem Leben des ungeborenen Kindes entscheiden mussten. In anderen Fällen waren es Frauen, bei denen eine Routineuntersuchung ergeben hatte, dass ihr Kind behindert zur Welt kommen würde. „Die Behinderung eines Kindes ist kein Freibrief für eine Abtreibung“, macht Hohmann deutlich. „Sie darf kein Grund für einen Abbruch sein – es ist immer die Frage, wie es der Frau körperlich und psychisch geht.“

„Spätabbrüche zum Glück extrem selten“

Das Recht auf die eigene körperliche und seelische Unversehrtheit steht an oberster Stelle. Ist also die Gesundheit der Mutter in Gefahr, darf auch noch nach der zwölften Schwangerschaftswoche, im Extremfall sogar bis kurz vor der Geburt, abgetrieben werden. „Solche Spätabbrüche sind zum Glück extrem selten“, sagt Hohmann. Hessenweit machten die medizinisch begründeten Abbrüche im Jahr 2016 nur acht Prozent aus – wobei diese Zahl keine Auskunft darüber gibt, zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft abgetrieben wurde.

Die Beratungsstellen bemühen sich stets um eine entspannte Atmosphäre bei den Gesprächen. Die Räume erinnern nicht an eine Klinik. Die Frauen sollen ihre Entscheidung in Ruhe treffen, sich nicht bedrängt fühlen. Trotzdem geht es manchmal auch hektisch zu. Dann etwa, wenn die Frauen den Beratungstermin hinausgezögert haben. Denn die deutsche Gesetzgebung schreibt vor, dass zwischen dem Beratungsgespräch und dem Eingriff mindestens drei Tage liegen müssen. Kommt eine Frau kurz vor Ablauf der Frist, spricht Hohmann von einer „Notfallberatung“. Dann werde alles in Bewegung gesetzt, um den Frauen noch die Möglichkeit der Wahl zu geben.

In Nachbarländern wie Frankreich und Luxemburg ist überhaupt keine psychosoziale Beratung vorgeschrieben. In Dänemark, Österreich, der Schweiz und Großbritannien gibt es zwar eine Beratungspflicht, dafür aber keine gesetzlich vorgeschriebene Wartefrist zwischen Beratung und Eingriff. „Am Ende des Tages geht es nur darum, den Frauen Entscheidungsfreiheit zu geben“, sagt Hohmann.

Quelle: F.A.Z.
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