Heimisch werden

Entschleunigung in Darmstadt, Zeitmanagement in Frankfurt

Von Rainer Hein, Darmstadt
 - 15:11

Heimat und Fremde sind Gegensätze. Das eine schließt das andere aus. Wenn ich in der Fremde lebe, bin ich nicht daheim. Fühle ich mich zuhause, dann fühle ich mich wiederum nicht fremd. Zugehörigkeit ist also eine Befindlichkeit, die elementar zum „Heimatgefühl“ gehört. Aber lässt sich diese seit der Nazi-Zeit kontaminierte Emotion wissenschaftlich definieren? Kann man mit Hilfe der Soziologie beispielsweise die vorherrschende Struktur des Fühlens in einer Stadt erforschen und daraus Schlussfolgerungen ziehen, welche „Integrationsleistungen“ ein Zugezogener erbringen muss, um Heimatgefühle zu entwickeln? Etwa in Darmstadt?

Eine erste Antwort ga der Mundart-Dichter Ernst Elias Niebergall mit seinem „Datterich“. Dieser geniale Schnorrer aus Südhessen sagte unter anderem den bis heute von Darmstädtern gerne zitierten Satz: „Ja wohl, die Morgenstunde hat Gold im Munde, absonnerlich, wann mer se vaschläft“. Niebergalls Lokalposse erschien 1841, aber büßte seitdem in Südhessen nichts von ihrer Bedeutung ein. Und das nicht nur im literarischen Sinne. Als die Soziologin und Sprecherin des Profilschwerpunkts „Stadtforschung“ an der Technischen Universität Darmstadt, Martina Löw, zum Abschluss der Reihe „Typisch Darmstadt“ den Versuch einer Charakteristik des Stadtcharakters unternahm, beschrieb sie den Durchschnitts-Darmstädter zwar nicht als verschlafen, aber als „phlegmatisch“: als einen in sich ruhenden, zufriedenen und harmoniebedürftigen Menschen, der Darmstadt als „Entschleunigungsinsel“ schätze.

„Grammatik“ einer Stadt stärkt das Zugehörigkeitsgefühl

Löws Analyse basierte nicht auf zufälligen Feldstudien am Gasthaus-Stammtisch, sondern auf mehrjährigen Untersuchungen im Rahmen des Loewe-Forschungsschwerpunktes „Eigenlogik der Städte“. Integriert war in das Projekt die zusammen mit der Schader-Stiftung organisierte Reihe „Typisch Darmstadt“. Die Aufgabe lautete auch hier: Lässt sich die Gefühlsstruktur der Stadt präzise beschreiben, und lassen sich jene Werthaltungen herausdestillieren, die typisch sind? Also Gefühle, Einstellungen und Verhaltensweisen, die in Darmstadt einen ganz spezifischen Ausdruck finden und sich etwa von dem Lebensgefühl in Frankfurt unterscheiden?

2010 gab Löw zusammen mit anderen am Projekt beteiligten Wissenschaftlern das Buch „Typisch Darmstadt. Eine Stadt beschreibt sich selbst“ heraus. Darin beschrieb sie das Naturell der Kommune ziemlich ausführlich: Eine offene, tolerante und mit sich selbst zufriedene Kommune mit nur wenig „Aufregungspotential“, in der Optimismus, Gelassenheit und Selbstzufriedenheit vorherrschten. „In Darmstadt behält man das Gefühl, dass die Stadt sich nicht aus der Ruhe bringen lässt.“ Diese Form der Entschleunigung bedeute auch, das Probleme gerne durch Verlangsamung gelöst würden.

Konfliktvermeidung, langsame Entscheidungsfindung und Prozesse des Aushandelns seien typisch: „Darmstadts Handlungsmodus zielt auf kommunikativ-integrative Konfliktvermeidung. Die Suche nach Harmonie und Vermeidung von Eskalation leiten das Handeln in der Stadt.“ Wer die Politik in Darmstadt verfolgt, weiß, dass Löws Charakteristik eine hohen Wahrheitsgehalt besitzt. Als Paradebeispiel ließe sich das Projekt Bürgerbeteiligung anführen, das die grün-schwarze Koalition zum Markenzeichen ihrer Politik gemacht hat. Bürgerbeteiligung funktioniert seitdem genau in dem von Löw beschriebenen Sinne: Als ein Instrument der Konfliktvermeidung durch Prozesse des Aushandelns. Es gibt keine zweite Stadt in Hessen, die diesen Weg so konsequent und umfänglich beschreitet. Das Projekt Eigenlogik der Städte ist noch nicht abgeschlossen. Derzeit wird ein Band zur Eigenlogik von Frankfurt, Dortmund, Birmingham und Glasgow vorbereitet. Ein Folgeprojekt läuft zu Wolfsburg, Graz und Luzern. Nach den Erfahrungen in Südhessen wurde die Methodik verfeinert.

Der Fokus richtet sich zum Beispiel nun auf Stadtmarketing, Stadtkrimis oder ökonomische Handlungsmuster. Absicht ist, bestimmte „Basisphänomene“ herauszudestillieren. Zum Beispiel den Umgang mit Zeit. Die Bezeichnung „phlegmatisch“ für Darmstadt hält Löw inzwischen für missverständlich. Denn die weiterführenden Untersuchungen hätten gezeigt, wie fein differenziert kommunale Unterschiede ausfielen. „In Frankfurt“, sagt die Soziologin, „neigt man dazu, Zeit sehr klar zu organisieren. Frankfurter legen Wert darauf, dass Zeit nicht nur vergeht, sondern dass sie ihre Zeit strukturieren und effektiv nutzen.“ In Dortmund habe man diese Einstellung nicht gefunden. Da gebe es starke soziale Konventionen, die sich bis zu den einheitlichen Öffnungszeiten der Friseursalons auswirkten. Man konkurriere also nicht gegeneinander, sondern die Bewohner hielten ganz selbstverständlich an einem Konsens fest, der sich in der Vergangenheit bewährt habe: „Die Dortmunder sehen die Vergangenheit als Ressource an, aus der man Wissen schöpfen und so für die Zukunft lernen kann.“ Für Frankfurter hingegen sei die Zukunft das, „worauf man sich konzentriert und was dem Leben Struktur gibt“. In Birmingham und Glasgow fanden die Wissenschaftler noch einmal ganz andere Einstellungen.

Wie auch immer, für Löb ist klar, dass die Eigenlogik einer Stadt die Bewohner stark beeinflusst. „Wenn man in eine Stadt zieht, muss man lernen, wie sie tickt!“. Das sei ein ganz selbstverständlicher sozialer Prozess. Wer die „Grammatik“ einer Stadt kenne, dessen Zugehörigkeitsgefühl werde gestärkt. Im Falle von Darmstadt könne das bedeuten, dass man nach einer Zeit „langsamer Erwärmung“ ruhiger und entspannter werde, sich also dem Rhythmus anpasse. Oder aber, dass man gegen diese Gefühlsstrukturen und Gewohnheiten rebelliere und sich jeden Tag über die Entdeckung der Langsamkeit aufrege. Passt die Stadt zum eigenen Leben, dann stärkt dies nach Löw auf jeden Fall das Entstehen von Heimatgefühl, bei dem es sich um eine „soziale Konstruktion“ handele.

Quelle: F.A.Z.
Reiner Hein - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Rainer Hein
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.
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