Bereitschaftspflege für Babys

Eltern für ein paar Monate

Von Wolfgang Oelrich
 - 19:22

Kerstin und Andreas Möller haben alle paar Wochen ein neues Baby. Sie übernehmen kurzfristig und vorübergehend die Bereitschaftspflege für Kleinkinder, die auf Entscheidung des Kreisjugendamts Gießen zum eigenen Wohl nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben sollen. Ihre Schützlinge sind maximal ein Jahr alt. Zurzeit betreuen sie die vor drei Wochen geborene Mira.

Die Möllers investieren starke Gefühle. „Wir haben jedes der uns anvertrauten Würmer sehr schnell sehr gern“, erzählt die resolute Sechsundfünfzigjährige. „Nach spätestens zwei Tagen ist es unser Kind. So lange es hier ist, tun wir alles, damit es sich wohl fühlt.“ Umso bitterer ist der Abschied – in der Regel nach etwa drei Monaten. Es können aber auch neun Monate werden oder nur drei Tage. „Das Loslassen ist schwer. Da fließen manchmal Tränen“, sagt Kerstin Möller mit einem Anflug von Traurigkeit.

Pflegeeltern seit zwei Jahren

Wenn ein Kind weg ist, räumt sie alles weg. Kleidung, Bettwäsche, Fläschchen und Schnuller kommen in die Schränke. Aber nach ein paar Tagen freut sie sich auf das nächste Pflegekind. Ihr Mann nickt. „Neulich hatten wir zwei Monate Pause. Da wurde ich langsam unruhig und fragte mich, ob ich mal beim Jugendamt anrufen soll, ob sie uns vergessen haben“, sagt Kerstin Möller, Kurzzeitmutter mit Leib und Seele.

Der Job, den die Möllers erledigen, erfordert viel Verantwortung und Flexibilität. Jeder Säugling hat seinen eigenen Rhythmus. Das eine Baby schläft die Nacht durch, das andere wacht alle vier Stunden auf. Ein anderes schreit nachts viel und hört nur auf, wenn man es auf den Arm nimmt und stundenlang mit ihm auf und ab geht. „Aber die Kinder geben auch viel“, sagt der 60 Jahre alte Andreas Möller. „Wenn ich morgens ins Bettchen schaue und das Kleine lacht mich an, dann kann den Rest des Tages passieren, was will.“

Zweimal haben die Möllers auch ältere Kinder betreut. „Das hat uns darin bestärkt, nur Säuglinge aufzunehmen. Das ist einfach unser Ding“, sind sich Kerstin und Andreas Möller einig. Sie heißen in Wirklichkeit anders, möchten wegen ihrer sensiblen Arbeit aber unerkannt bleiben. Nach zwei Jahren als Pflegeeltern sagen sie: „Wir sind froh, dass wir uns für die Tätigkeit entschieden haben.“

Entscheidung intensiv beraten

Bereitschaftspflegeeltern haben viele Pflichten, aber keine Rechte. Ohne Einwilligung der leiblichen Eltern dürfen sie ihre Schützlinge auf Zeit beispielsweise nicht impfen lassen. „Selbst das Aufkleben eines Pflasters kann im Zweifelsfall juristisch als Körperverletzung gewertet werden“, sagt Möller, der selbst Anwalt ist.

Die leiblichen Eltern haben in solch einem Fall den Anspruch, ihr Kind alle zwei Wochen zu sehen, in der Regel für eine Stunde. Dafür hat das Jugendamt in Gießen, das großen Wert darauf legt, dass die Pflegeeltern anonym bleiben, damit sie keinen ungebetenen Besuch bekommen, einen „Umgangskontaktraum“ eingerichtet. „Diese Treffen sind nicht immer einfach“, berichtet Kerstin Möller. „Manchmal könnte ich aufspringen und dazwischengehen, wenn ich sehe, wie die Eltern mit ihrem Kind umgehen. Eines unserer Pflegebabys fing beispielsweise immer an zu schreien, wenn es die Stimme seiner Mutter hörte. Aber in solchen Situationen muss ich mich beherrschen, weggehen und nach einer Stunde das Kind wieder abholen.“

Familie ist den Möllers wichtig. Die drei eigenen Kinder gehen mittlerweile ihrer Wege. Daher war viel Platz im Haus. Nachdem das Paar ein Jahr lang mit dem Gedanken gespielt hatte, Pflegeeltern zu werden, stieß es Anfang 2015 auf eine Anzeige, in der das Kreisjugendamt Gießen zu einer Informationsveranstaltung einlud. „Das war an einem Donnerstag“, erinnern sich die beiden. „Übers Wochenende haben wir intensiv beraten, auch zusammen mit den Kindern. Am Montag meldeten wir beim Jugendamt Interesse an.“

Arbeitszeiten müssen stimmen

Und dann ging es los. Zunächst mussten formelle Anforderungen erfüllt werden. Vorzuweisen waren: erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, ärztliches Gesundheitszeugnis, wirtschaftlich gesicherte Verhältnisse, räumliche Gegebenheiten mit eigenem Zimmer für das Kind. Hinzu kamen mehrere persönliche Gespräche, Hausbesuche und ein viertägiges Seminar an zwei Wochenenden, Rollenspiele inklusive.

Liane Becker, beim Kreisjugendamt Gießen Ansprechpartnerin für die Pflegefamilien, ist mit den Möllers rundum zufrieden. „Wenn beide Elternteile berufstätig sind, dann funktioniert das meist nicht. Aber die Möllers sind perfekt getaktet“, lobt die 38 Jahre alte Mutter zweier Kinder. Anwalt Andreas Möller hat sein Büro quasi um die Ecke und kann sich seine Termine einteilen. Seine Frau arbeitet als Verwaltungsangestellte an Wochenenden an der Pforte des örtlichen Krankenhauses, das zwei Straßen entfernt liegt.

„Vieles kriegen wir leider nicht mit“

„Das Jugendamt ist angehalten, immer zuerst familienerhaltend zu handeln“, hebt Liane Becker hervor. Das heißt: Bereitschaftspflege ist stets die Ultima Ratio. Während dieses befristeten Schritts wird die Perspektive des Kindes geklärt. Es gibt mehrere Möglichkeiten: Entweder wird es den leiblichen Eltern zurückgegeben, oder es wird in eine Dauerpflege- oder Adoptivfamilie gegeben, oder es wird in einem Heim untergebracht. Im Gegensatz zur Kurzzeitpflege ist in der Dauerpflege die Perspektive von Anfang an geklärt: Das Kind bleibt bis zum 18. Geburtstag in der Familie.

Grundsätzlich gibt es zwei Ursachen für die Pflege. Entweder wenden sich die Eltern an das Jugendamt, weil sie das Kind nicht wollen oder nicht mit ihm klarkommen. Das ist eher die Ausnahme. Oder das Jugendamt schreitet ein, weil Missstände vorliegen, die beispielsweise Kinderärzte oder Nachbarn melden. Die Gründe dafür sind vielfältig. „Es ist auch vorgekommen, dass im Krankenhaus bei der Geburt festgestellt wird, dass die Mutter drogenabhängig ist“, berichtet Liane Becker. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Vieles kriegen wir leider nicht mit.“

Krisen nicht vorhersehbar

Der Kreis Gießen zahlt in der Bereitschaftspflege einen Tagessatz von 70 Euro für jedes Kind, zuzüglich Fahrtkosten zu Arztterminen und zu den Begegnungen mit den leiblichen Eltern im Jugendamt. Hinzu kommen einmalige Zuschüsse, um einen Kinderwagen oder ein Bett anzuschaffen. Etwa 100 Pflegefamilien gibt es nach Auskunft von Liane Becker allein im Landkreis Gießen. Und der Bedarf steigt.

Liane Becker sagt, dass Krisen mit gerade geborenen Kindern nicht vorhersehbar sind. „Oft rufen wir bei einer Bereitschaftspflegefamilie an, und eine Stunde später kommt ein wildfremder junger Mensch über die Türschwelle“, schildert sie. „Da ist ein enormes Maß an Flexibilität gefragt. Und in manchen Fällen ist am Anfang nicht klar, ob die Pflege wenige Tage dauert oder mehrere Monate.“

Auskunft erteilt Liane Becker unter der Telefonnummer 0641/93 90 92 04 oder per E-Mail unter der Adresse liane.becker@lkgi.de. Informationen gibt es auch im Internet unter www.pflegekinderdienst.lkgi.de.

Quelle: F.A.Z.
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