Start-up aus Rhein-Main

Shirts mit Elektroden und Kühlboxen mit Code

 - 15:27

In Gesprächen über Start-ups reden viele über Berlin oder Hamburg – oder gleich über das Silicon Valley. Das Rhein-Main-Gebiet steht selten an erster Stelle, wenn es um junge Firmen mit pfiffigen Ideen geht. Allerdings entstehen genau dort mehrere junge Firmen aus der in Rhein-Main traditionell stark vertretenen Gesundheitsbranche. Sie machen sich die Standortvorteile zunutze und entwickeln unterschiedliche Produkte, die meist auf innovativer Technik fußen. Damit reagieren sie auf die Trends in diesem Wirtschaftszweig, die vor allem in digitaler Vernetzung und Personalisierung von Angeboten bestehen.

In dieses Muster passt Antelope, eine Sportkleidung, die auf elektrischer Muskelstimulation basiert und von Philipp Schwarz entwickelt wurde, um sportliche Aktivität möglichst effektiv zu gestalten. In den enganliegenden Shirts und Hosen befinden sich Elektroden aus Silikon, die durch elektronische Impulse den Muskelaufbau befördern sollen. Die Antelope-Kleidung soll „das Beste aus der begrenzten Zeit rausholen“ und somit die „Effektivität der Aktivität“ erhöhen, wie Schwarz es formuliert. Das Produkt eigne sich somit für jedermann, doch zeigten sich vor allem Berufstätige zwischen 30 und 35 Jahren interessiert, die vorgeblich wenig Zeit für Sport hätten. Schwarz hat die Individualisierung der medizinischen Behandlung im Blick. Um in diesem Prozess mithalten zu können, brauche es Offenheit für neue Techniken und Behandlungsmethoden sowie Durchhaltevermögen, meint er.

2016: Fertigung des ersten Prototyps

Für die Standortwahl der Gründer der Nelumbox GmbH waren diese Faktoren ebenfalls entscheidend. „In Berlin gibt es so viele Start-ups, da ist man nur einer von vielen, hier dagegen kennt man sich auch untereinander“, sagt Ina Brecheis, bei der Firma zuständig für Marketing und Design. Gemeinsam mit Gründer Martin Voigt sowie Nico Höler und Julian Poths arbeitet sie an einer Kühlbox, die so heißt wie das Unternehmen. Die mit einem Zahlencode gesicherte Box kann Arzneimittel und medizinische Proben durch Strom bis zu 48 Stunden kühlen, deren Temperatur und Ort durchgehend überprüft werden können. Die Energie fließt aus Batterien, das macht sie vom Stromnetz unabhängig. 2018 will die Firma mit der regulären Produktion beginnen. Laut Brecheis keine Sekunde zu früh.

Sie sagt, Arzneien für Studien oder gegen seltene Krankheiten würden vermehrt direkt an den Patienten geliefert. Oft seien neue Mittel sehr spezifisch, geringste Temperaturschwankungen könnten ihnen daher bereits schaden. Damit die Nelumbox dagegen abgesichert ist, möchten sich die Gründer pharmazeutisch fortbilden. Das Darmstädter Unternehmen solle aber in erster Linie ein Dienstleister in der Logistik sein. 2016 wurde das Unternehmen zudem unter die „Top 50 Start-ups in Deutschland“ gewählt.

Ebenfalls als Dienstleister versteht sich die Lime Medical GmbH, deren Gründer das medizintechnische Gerät Herax entwickelten. Damit soll die Reha nach Handverletzungen oder Schlaganfällen effizienter und kürzer werden. Nicht immer komme der Patient oft genug in den Genuss von Nachsorge durch Physiotherapeuten, sagt Gründer Pascal Lindemann. Das verzögere die Gesundung oder mache sie unmöglich. Herax soll das ändern. Das Gerät wird an die verletzte Hand angelegt und mit einer App gesteuert. Es soll durch gezielte Bewegung der Hand die Behandlung unterstützen, aber den Physiotherapeuten keinesfalls ersetzen, wie Lindemann hervorhebt.

Sein Kollege Dominic Libanio stellte 2016 den ersten Prototyp fertig. Einen Monat nach ihrem Abitur eröffneten die jungen Gründer ihr erstes Büro in Bad Kreuznach, wo sie das Start-up aufbauen möchten. So blieben ihre Kosten niedrig, und sie seien nicht weit vom Universitätsklinikum Mainz entfernt. Auf ein Studium verzichten die beiden Preisträger des Innovationsforum 2016 der Frankfurter Goethe-Universität aber erst einmal. Sie wollen vorerst Herax weiterentwickeln, Investoren suchen, den Vertrieb planen und ihr Netzwerk ausbauen. Als Kunden wollen sie vor allem Kliniken und Sanitätshäuser gewinnen, die Herax wiederum an Patienten verleihen.

Nicht direkt in die Healthcare-Branche gehört die Sulfotools GmbH von Sascha Knauer und Christina Uth, die 2014 an der TU Darmstadt die sogenannte Clean Peptide Technology entwickelten. Peptide sind organische chemische Verbindungen aus Aminosäuren, die für die Produktion von pharmazeutischen, therapeutischen oder kosmetischen Produkten benötigt werden, zum Beispiel für Anti-Aging-Cremes. Diese Peptide entstehen durch die Verwendung von Lösungsmitteln, die laut EU-Chemikalienverordnung Reach besonders besorgniserregend für Gesundheit und Umwelt sind. Laut Knauer und Uth ist der Vorteil ihrer CPT vor allem, dass damit die Peptide nun aus Wasser hergestellt würden.

Auch wollen sie Aufbereitung und Überwachung von Abwässern verbessern. Dadurch entstehe kein Sondermüll, und die Materialkosten könnten bis um die Hälfte reduziert werden, sagen die Chemiker.

Quelle: F.A.Z.
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