Hessen
Wiesbaden

Streit um mehr Naturschutz im Wald

Von Oliver Bock und Erwin Hetrodt, Wiesbaden
© Berthold Steinhilber/laif, F.A.Z.

Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) hat in der Koalitionsvereinbarung den klar formulierten Arbeitsauftrag erhalten, im hessischen Wald mehr für Naturschutz und Artenvielfalt zu tun. Dem Staatsforst fällt dabei die Vorbildrolle zu. Die schrittweise Zertifizierung der Forstreviere nach den Kriterien des FSC Deutschland ist in der Koalitionsvereinbarung ausdrücklich vereinbart. Damit kommt das Land gut voran, die Hälfte ist schon geschafft.

„Mit der FSC-Zertifizierung von 21 Forstämtern des Landesbetriebs Hessen-Forst setzen wir in Hessen ein Zeichen für eine noch nachhaltigere Bewirtschaftung des Staatswaldes“, sagte vor wenigen Tagen Umweltstaatssekretärin Beatrix Tappeser (Die Grünen) bei der FSC-Vollversammlung in Frankfurt und appellierte an Kommunen und Privatwaldbesitzer, ihre Flächen „ebenfalls naturnah und nachhaltig bewirtschaften zu lassen“.

„Ausdruck grenzenlosen Misstrauens gegenüber den Abgeordneten“

Auf 140 000 Hektar Staatswaldfläche werden schon jetzt die mit dem FSC-Standard verbundenen Auflagen erfüllt, die strenger sind als das konkurrierende Zertifizierungssystem PEFC. In der Rhein-Main-Region sind bislang die Forstämter Darmstadt, Dieburg, Lampertheim, Langen, Königstein und Hanau-Wolfgang zertifiziert. Dabei soll es nicht bleiben. Hinz strebt die Zertifizierung des gesamten Staatswaldes an. Allerdings heißt es in der Koalitionsvereinbarung auch, dass „die ökologischen und ökonomischen Ergebnisse bei den Umsetzungsschritten berücksichtigt“ werden.

Daher ist eine Zwischenbilanz in Arbeit, um deren Ergebnisse hinter den Kulissen ein Streit entbrannt ist. Der Landesbetrieb Hessen-Forst, der den gesamten Staatswald und viele kommunale Wälder, die meisten davon nach PEFC-Kriterien, betreut, hat schon vor einem Jahr eine kritische Bestandsaufnahme verfasst. Herausgeben wollen allerdings weder Hessen-Forst noch das Umweltministerium das „interne“ Papier, das Geschäftsgeheimnisse enthalten soll. Allerdings hat das Drängen der Opposition dazu geführt, dass mit der Materie befasste Vertreter aller Landtagsfraktionen das Schriftstück im Ministerium einsehen können. Der forstpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Heinz Lotz, nennt das eine „bodenlose Frechheit“ und „Ausdruck grenzenlosen Misstrauens der Umweltministerin gegenüber den Abgeordneten“. Der Eindruck verfestige sich mehr und mehr, dass Hinz ein ihr nicht genehmes Gutachten nicht veröffentlichen wolle. „Das Agieren von Frau Hinz ist an Intransparenz nicht mehr zu überbieten.“ Die SPD erwarte, dass das Ministerium den Abgeordneten die Stellungnahme vollständig und ohne Schwärzungen zur Verfügung stelle.

Ausgerechnet der Naturschutzbund Hessen, der ein engagierter Verfechter von FSC ist, hat die Kritik von Hessen-Forst veröffentlicht, um sie gleichzeitig heftig zu kritisieren. „Der Wald ist kein Holzacker“, entsetzt sich der Nabu über Hessen-Forst und hält dem Landesbetrieb vor, als Dienstleister den Wunsch des Waldbesitzers hintertreiben zu wollen. Die Kritik von Hessen-Forst lasse „ökologische Fachkompetenz in dramatischer Weise vermissen“. So behaupte Hessen-Forst, aus ökologischer Perspektive sei keine „signifikante Verbesserung“ in zertifizierten Wäldern erkennbar. Solche positiven Entwicklungen brauchen laut Nabu aber mehr Zeit. Der FSC-Standard verlange eine natürliche Waldentwicklung auf zehn Prozent der Waldfläche, was eine herausragende Verbesserung für die Natur darstelle. Das gelte auch für die Vorgabe, zehn Bäume pro Hektar dauerhaft stehen zu lassen statt bisher nur drei.

Hessen-Forst prognostiziere eine Zurückdrängung von Schwarzspecht, Rauhfußkauz und Sperlingskauz durch „eine weitere Steigerung der Dominanz von Laubbaumarten“. Auch dies ist für den Naturschutzbund „nicht nachvollziehbar“. Nach einer FSC-Zertifizierung im Staatswald werde es immer noch einen hohen Nadelwaldanteil in Hessen geben, so dass keine Arten verdrängt würden.

FSC biete keine ökologischen Mehrwerte

Die von Hessen-Forst vorgebrachten „finanziellen und volkswirtschaftlich langfristig spürbaren negativen Effekte“ seien „üble Stimmungsmache gegen den Naturschutz“. Hessen-Forst reklamiere Einnahmeausfälle von 2,1 Millionen Euro jährlich durch FSC. Für den Nabu ist das „ein Märchen“. Trotz Holzeinschlagsverzichts auf rund 25 000 Hektar sei die Holzernte nicht rückläufig. Sie liege seit zehn Jahren konstant bei zwei Millionen Kubikmetern. Woher der Naturschutzbund die Argumente von Hessen-Forst kennt, ist allerdings unklar, weil er das Schriftstück nach eigener Darstellung selbst nicht in den Händen hält.

Einen Einblick in die Studie hatte inzwischen allerdings der Waldbesitzerverband, der FSC mit „viel Bürokratie, hohen Aufwendungen, keinen höheren Holzpreisen und wenig zusätzlichem ökologischen Nutzen“ verbindet. Zudem seien in anderen Ländern die FSC-Standards viel niedriger. Hessen-Forst selbst teilt vorsichtig mit, der Landesbetrieb könne „mit der FSC-Zertifizierung gut arbeiten“. Die Einführung sei wegen der innerbetrieblichen Qualitätsstandards „kein Problem“. Mit der Studie berate der Landesbetrieb fachlich das Ministerium. „Entscheidungen werden dann auf ministerieller Ebene unter Abwägung übergeordneter Aspekte getroffen“.

In der 53 Seiten umfassenden Studie selbst heißt es unter anderem, „die sinkenden Nadelholzanteile werden die Ertragslage des Landesbetriebs wesentlich verschlechtern“. Es gebe durch FSC „keine ökologischen Mehrwerte“, aber höhere Kosten und geringere Einnahmen. FSC bringe keine verbesserten Marktchancen, keine Nachfrageimpulse, keine messbaren Preiseffekte, aber dafür den Verlust von 135 Arbeitsplätzen in der Wald- und Holzbranche.

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Die Grünen seien daher auf einem völlig falschen Weg, der ökologisch nichts bringe und ökonomischen Schaden anrichte, meint die hessische FDP. Der forstpolitische Sprecher der Landtagsfraktion, Jürgen Lenders, kritisiert, dass die Warnungen des Landesbetriebs ignoriert werden und Ministerin Hinz grüne Ziele mit der Brechstange durchsetzen wolle. Die FDP sieht sich bestätigt durch den Auftrag für ein zweites, externes Gutachten, das die ökonomischen und ökologischen Folgen der FSC-Zertifizierung bewerten soll. Er sei erst erteilt worden, nachdem die Ministerin durch die unliebsame Stellungnahme von Hessen-Forst aufgeschreckt worden sei.

Diesen Vorwurf weist die Sprecherin des Ministeriums zurück. Schon zu Anfang des vergangenen Jahres sei beschlossen worden, ein externes Gutachten einzuholen. Im Juli seien verschiedene Büros aufgefordert worden, ein Angebot abzugeben. Im Oktober habe das Freiburger Unternehmen Unique den Zuschlag erhalten. Die Stellungnahme von Hessen-Forst solle in das externe Gutachten einfließen.

Quelle: F.A.Z.
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