Hilfe bei der Personensuche

Eine neue Familie nach 55 Jahren

Von Mona Jaeger
 - 15:17

Ingrid Zacher versprach, keine Fragen mehr zu stellen. Nicht nach der Zukunft, dem Glück oder dem Namen. Und sie versprach, sich auch selbst nicht danach zu fragen, wie es ihr jetzt ging, nachdem man ihr den Sohn aus den Armen genommen hatte. Ein Kind in Kanada zur Adoption freizugeben bedeutet, dass es aus ist. Und vorbei. Das wusste Ingrid Zacher, und sie entschloss sich dennoch dazu. Der Freund, ein großer Mann mit dem Namen Jacques, verschwand so schnell, wie er einst gekommen war, sobald er von der Schwangerschaft erfuhr.

Das Kind ins Heim, das wollte Ingrid Zacher nicht. Und ihre Eltern in Deutschland, nun, die wären wohl auch nicht sehr begeistert gewesen. Ingrid Zacher hatte doch schon einen kranken Bruder. Es war ja auch eine andere Zeit, sagt sie heute. Nein, weil ihr Sohn ein gutes Leben haben sollte, gab sie ihn frei. Das war im Jahr 1956. Die kanadischen Beamten sagten, er sei nun nicht mehr ihr Sohn. Nur einen Namen konnte sie ihm noch geben. Ingrid Zacher nannte ihn Jacques.

Eine Wahrsagerin wusste was

Fortan war jeder Geburtstag des Kleinen eine Qual für Ingrid Zacher. Aber sie wurde gebraucht. Ihre Mutter wurde krank, die Tochter kam zur Pflege wieder zurück nach Deutschland, vom weiten Montreal zurück ins enge Dannenberg an der Elbe. Ab und zu dachte sie noch an ihre Zeit als Kellnerin. Wie sie von Hotel zu Hotel zog, es eine wunderschöne Zeit war, trotz alledem. Erst spät heiratete Ingrid Zacher, für ein weiteres Kind war es da schon zu spät. Inzwischen hatte sie sogar den Nachnamen des Vaters von einst vergessen, so weit weg war nun Kanada. Nur ihr Mann und der Bruder wussten von dem Sohn, sonst niemand. Warum auch, dachte Ingrid Zacher.

Dann lief die Katze weg. Es war Ingrid Zachers Lieblingskatze. Sie konnte sie nirgendwo finden. Eine Freundin erzählte ihr von einer Wahrsagerin aus dem nahen Hamburg, die habe auch schon ihre Katze wiedergefunden. Eigentlich Hokuspokus, dachte Ingrid Zacher, aber was soll’s. Als sie dann zu dritt auf ihrem Sofa saßen, sprachen sie erst viel über die Katze, aber Ingrid Zacher hatte noch eine andere Frage, die sie stellen wollte. Sie habe einen Sohn in Kanada, sagte sie, ob die Wahrsagerin da vielleicht etwas sehen könne? Ja, da sei ein Mann, und sie werde ihn in vier Jahren treffen. Ingrid Zacher war starr. Nur ihre Freundin fasste wieder Worte. Den Sohn, sagte sie, würden sie nun suchen.

Je nach Land werden andere Informationen benötigt

Es vergingen vier Jahre und nichts geschah. Die Freundinnen fragten bei verschiedenen Organisationen an, sogar beim Fernsehen, doch niemand konnte helfen. Vor einem Jahr dann riefen sie bei der kanadischen Botschaft an. Nein, helfen könne man ihnen auch nicht, aber vielleicht ein Frankfurter Verein. Dessen Zentrale liegt in einem Wohngebiet, in der Nähe des Marbachweg. In den paar Räumen im Souterrain klingelt oft das Telefon. Am anderen Ende sind dann Söhne oder Töchter, die ihre Eltern suchen. Oder den Bruder in Nordamerika. Ihre Geschichten sind verschieden und doch ähnlich. Vor einem Jahr rief auch Ingrid Zacher in Frankfurt an. Zum ersten Mal wurde sie nicht abgewimmelt. Sabine Benisch von Familie International Frankfurt versprach, es zu versuchen.

Dafür brauchte sie ein paar Informationen, irgendetwas. Je nach Land, sagt Benisch, seien andere Daten wichtig. Ingrid Zacher wusste nicht viel, selbst der Nachname des Vaters fiel ihr ja nicht mehr ein. Aber einen Versuch sei es wert. Benisch und ihre beiden Kolleginnen sehen sich vor allem in der Rolle des Beraters, denn wie auch immer die Suche ausgehe, es seien immer eine Menge Gefühle im Spiel. Viele schämten sich, sagt Benisch. „Bin ich komisch, weil ich nach so langer Zeit doch wieder einen Kontakt will?“ Auch das Umfeld reagiere oft skeptisch auf den Wunsch, nach den eigenen Wurzeln zu graben.

Meistens kommt der Kontakt zustande

Deswegen sprechen die Mitarbeiter des Frankfurter Vereins gleich auch über die Möglichkeit, dass ihre Suche nicht erfolgreich sein könnte. Oder, für viele noch schlimmer, dass sie erfolgreich ist, doch der Gesuchte keinen Kontakt will. Das komme immer wieder mal vor, sagt Benisch. Oft dann, wenn ein deutscher Sohn, ein „Besatzungskind“, seinen amerikanischen oder kanadischen Vater sucht. Der hat vielleicht inzwischen eine neue Familie, erzählte der dann zwar vom Krieg, nicht aber von seiner Beziehung zu einer jungen Deutschen. Will der Gesuchte keinen Kontakt, wird seine Adresse nicht herausgegeben. Das Internet hat die private Suche erleichtert. Dennoch glaubt Mitgeschäftsführerin Benisch, dass der Verein auch in Zukunft Verwandte suchen werde. Vielleicht werden es später einmal Kinder aus Afghanistan sein, die ihre Väter in Deutschland suchen.

In 90 Prozent der Fälle findet der Verein die gesuchte Person, sagt Benisch. Und in der überwiegenden Zahl dieser Fälle komme es auch zum Kontakt. Die hohe Erfolgsquote ergibt sich aus der Erfahrung, die der Verein in Frankfurt hat. Er ist Teil eines weltweiten Netzes mit 19Zweigstellen und überall verteilten Korrespondenten, die bei der Personensuche helfen. Seit 20 Jahren werden sie zur Personensuche eingeschaltet, doch in den vergangenen zehn Jahren sind es immer mehr Anfragen geworden. Benisch sagt: „Das Thema Herkunft hat in Deutschland an Bedeutung gewonnen.“

300 Anfragen pro Jahr

Der Verein ist keine Detektei und arbeitet auch nicht mit den Methoden eines Privatdetektivs. Er versteht seine Arbeit als Sozialdienst. 2004 löste sich der Verein aus dem Internationalen Sozialdienst heraus und wurde eigenständig, arbeitet aber noch immer eng mit dem Dienst zusammen. Für die Suche, unabhängig davon wie aufwendig sie ist, nimmt der Verein eine Pauschale von 385 Euro. Viele lehnten dann ab und suchten lieber alleine weiter. 385 Euro seien ihnen zu viel.

Etwa 300 Mal im Jahr wenden sich Personen an den Frankfurter Verein, in der Hälfte der Fälle kommt es zum Suchauftrag. Rund 40 Mal werden die Deutschen von einer der weltweiten Zweigstellen eingeschaltet, um jemanden hier zu suchen. Im Mai wurde eine Hotline eingerichtet, unter der alle Fragen zum Thema Herkunft gestellt werden können. Sie ist unter 069/95630744 erreichbar.

Nach 55 Jahren ein Brief auf englisch

Gab es aber ein erstes Gespräch und dann noch immer den Wunsch, die Person zu suchen, gehen alle verfügbaren Informationen von Frankfurt aus in das jeweilige Land zur Zweigstelle oder zu den Korrespondenten. Der erste Weg führt dann oft zu den Meldeämtern, danach fragen die Mitarbeiter bei Universitäten, alten Arbeitgebern oder Rathäusern an. Es kann Tage dauern oder Wochen oder Monate, bis sie etwas haben. Dann klingelt das Telefon. Als das bei Ingrid Zacher geschah, acht Tage war ihr Gesuch erst alt, setzte sie sich erstmal hin. „Wir haben ihren Sohn gefunden“, sagte die Mitarbeiterin. Ingrid Zacher wurde bang. „Und?“, fragte sie. „Ja, er will Kontakt.“ Über den Vornamen, das Geburtsdatum und den Geburtsort waren sie fündig geworden.

Nun also ein Brief. Auf Englisch, nach 55 Jahren. Womit beginnen, was erklären? Ingrid Zacher schrieb von sich und von den fünfziger Jahren. Sie hoffte auf Verständnis. Als der Brief fertig war, faxte sie ihn zu Familie International Frankfurt, denn jeder Kontakt läuft zunächst über den Verein. So soll es einen geschützten Raum geben, in dem sich die fremden Verwandten einander nähern können. Bald kam von Jacques ein Brief zurück. Er erzählte von sich, dass er nach einem Dreivierteljahr von einer kanadischen Familie adoptiert wurde, auf diese Weise einen Bruder bekam. Inzwischen ist er Tischler, baut Holzhäuser, hat eine Frau und zwei Kinder. Ingrid Zacher hatte nun auf einmal, mit 81 Jahren, Enkel. Schon in den nächsten Wochen wollte der Sohn zu Besuch nach Deutschland kommen.

Oft lockerer Kontakt

Es stellte sich heraus, dass der Sohn schon 1990 einmal versucht hatte, seine Mutter zu treffen. Hätte Kanada vor zwei Jahren nicht seine Gesetze etwas gelockert, hätten die beiden sich wohl nie gefunden. Der Gedanke hinter der ursprünglich strengen Gesetzgebung war, dass Eltern auch ein Recht darauf haben, mit der Sache abzuschließen, indem sie ihr Kind zur Adoption freigeben. Auch Sabine Benisch von Familie International Frankfurt weiß das, denn der Verein ist auch Vermittlungsstelle für Adoptionen.

Manchen leiblichen Eltern mag es nicht recht sein, wenn ihr Kind sie nach Jahrzehnten sucht. „Deswegen beraten wir nur, wir überreden niemanden. Wir machen aber deutlich, wie wichtig die Anfrage für den Suchenden ist. Wenn jemand keinen Kontakt will, dann ist das sein gutes Recht.“ Manchmal halten einige Klienten noch Kontakt mit ihr oder einer ihrer Kolleginnen, und sie erfahren, dass die Verbindung zu der gesuchten Person nur sehr locker ist. Immerhin muss man sich auch erst einmal verstehen. Oft sei der Umgang mit neu gefundenen Geschwistern einfacher als der zu den Eltern, weil man sich eher freundschaftlich begegnen könne.

Oder es gibt Eifersucht. Die Adoptivmutter von Ingrid Zachers Sohn erzählte zwar früh von der Adoption, ein wenig unwohl war ihr aber schon, als sie ihren 55 Jahre alten Sohn nach Deutschland fliegen ließ. Der bestaunte bei seinem ersten Besuch in Dannenberg das große Haus seiner Großeltern und den schönen Garten. Ingrid Zacher fielen seine Augen und die Hände auf. Sie glaubt, er habe viel von ihrer Mutter mitbekommen. Als sie nach ein paar Tagen wieder am Flughafen standen, um sich zu verabschieden, hatte Jacques noch eine Frage: „Wie soll ich dich nennen?“ Das sei ganz seine Entscheidung, sagte Ingrid Zacher. Zum nächsten Muttertag schickte er Blumen. Es gab noch einen Besuch und viele Briefe danach. Irgendwann begann er einen mit den Worten „Dear Mom“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jaeger, Mona
Mona Jaeger
Redakteurin in der Politik.
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