Frankfurter Rockmusiker Emirze

Ideelle Heimatverbundenheit

Von Christian Riethmüller
© Michael Kretzer, F.A.Z.

Als Land ist Armenien klein. Ein Fleckchen Erde im Südkaukasus, auf dem knapp drei Millionen Menschen leben. Doch als Utopie ist es riesig, ein Sehnsuchtsort für etwa zehn Millionen Auslandsarmenier, die über die ganze Welt verteilt sind und in Städten wie Paris, Köln, Beirut oder Los Angeles große Diaspora-Gemeinden gebildet haben. „Wenn zwei Armenier aufeinandertreffen, irgendwo in der Welt, dann gründen sie sofort ein neues Armenien“, schrieb einst der amerikanische Schriftsteller William Saroyan, der selbst Kind armenischer Einwanderer war.

Der Frankfurter Musiker Aren Emirze kennt diese ideelle Heimatverbundenheit, die sich eher in einer Verehrung armenischer Geschichte und Kultur ausdrückt, als dass sie jemanden tatsächlich dazu veranlasste, etwa nach Eriwan zu ziehen. Ihn selbst hatte das Interesse daran vor fast 14 Jahren gepackt, obwohl der Anlass ein trauriger war, nämlich der frühe Tod seines Vaters, eines aus Istanbul stammenden Armeniers.

Dylan, Cat Stevens, Simon & Garfunkel

„Als mein Vater 2003 starb, gingen mein Bruder und ich durch seine Platten- und Kassettensammlung, um Musik auszusuchen, die wir auf der Beerdigung spielen konnten“, erinnert sich Emirze. Sie fanden Aufnahmen der Beatles, von Bob Dylan, Cat Stevens und Simon & Garfunkel – Musik, die der Vater geliebt und auch selbst auf der Gitarre zur Unterhaltung von Freunden und Nachbarn gespielt hatte. Sie fanden aber auch eine unbeschriftete Kassette, die einige Lieder enthielt, die der Vater vor Jahren geschrieben und in der Küche aufgenommen hatte. Es waren armenische Songs, die sich mit den alten und neuen armenischen Volksliedern, die der Vater ebenfalls intoniert hatte, zur Musik der Kindheit Aren Emirzes fügten.

Diese sanfte, melancholische Musik hatte allerdings mit der Klangwelt, in der sich der in Obertshausen aufgewachsene Emirze bis dahin bewegte, kaum etwas zu tun. Der dunkelhaarige Hüne war ja Sänger, Gitarrist und Komponist des Noiserock-Trios Harmful, einer der wenigen Rockbands aus dem Rhein-Main-Gebiet, die auch international hatte auf sich aufmerksam machen und in Billy Gould sogar den Bassisten von Faith No More als Produzenten und zeitweiligen Tourmusiker gewinnen können. Also wagte Emirze den musikalischen Spagat, brüllte sich bei Harmful weiter die Seele aus dem Leib und nahm nebenher unter dem Namen Emirsian mehrere Soloalben auf, deren Stücke sich sowohl an der angloamerikanischen Singer-Songwriter-Tradition als auch an altem armenischen Liedgut orientierten.

Nachdem Harmful sich im Jahr 2014 auflösten, hat Familienvater Emirze sich nun ganz auf das Projekt Emirsian konzentriert und darüber auch vielfältige Kontakte mit anderen armenischstämmigen Musikern in aller Welt aufgenommen. Einer dieser Kontakte war Parsegh Topjian, den Emirze auf einer Reise in Kalifornien kennenlernte. Topjian hatte ein große Kollektion an Gedichten in armenischer Sprache zusammengetragen, von denen viele an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden waren und damit nur wenige Jahre vor dem Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915. Diese Gedichtsammlung wollte Topjian gemeinsam mit Emirze und dem ebenfalls armenischstämmigen Gitarristen Ara Dabandjian mit eigener neuer Musik vertonen. Allerdings verstarb der Initiator ganz unerwartet über dieses Projekt, das Emirze und Dabandjian im Gedenken an den Freund aber spontan vollendeten.

„Wir haben die zehn Lieder ohne großes Equipment in Aras Wohnzimmer im San Fernando Valley eingespielt“, erinnert sich Emirze an die Aufnahmen: „Das war sicher nicht optimal, aber Moses Schneider hat das später in Berlin schön abgemischt“, freut sich der Sänger über das Resultat. Unter dem Titel „Papak“ („Wunsch“) ist das Album mittlerweile veröffentlicht worden. Ob es eine Utopie befeuert, vermag nur der Sprachkundige zu sagen. Allen anderen bleibt der Reiz der unbekannten Sprache, die eine hörenswerte Verbindung mit den einfachen Folkmelodien eingeht.

Emirsian & Dabandjian treten am Samstag von 20 Uhr an in der Brotfabrik in Frankfurt auf.

Quelle: F.A.Z.
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