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F.A.Z.-Bürgergespräch

Identitätssuche im Gewölbekeller

Von Katinka Fischer
 - 15:01
Wie steht es um die Kultur in Wiesbaden? .A.Z.-Bürgergespräch „Stiefkind Kultur“ mit (von links) Ewald Hetrodt (Moderator), Margarethe Goldmann (Arbeitskreis Stadtkultur), Kulturdezenent Axel Imholz (SPD), Helmut Müller (Kulturfonds Rhein-Main) und Ernst Szebedits (Murnau-Stiftung) Bild: Frank Röth, F.A.Z.

Stell dir vor, es ist Götterdämmerung, und die, die es interessieren müsste, sehen gar nicht hin. Die Schnittmenge zwischen den Besuchern des „Frankfurter Allgemeine Bürgergesprächs“ am Montagabend im Vortragssaal des Museums Wiesbaden und den Opernfreunden, die am Abend zuvor den letzten Teil von Wagners „Ring“ im Staatstheater miterlebt hatten, war jedenfalls klein.

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Von einem kulturellen Leuchtturm aus betrachtet, sticht es offenbar nicht so sehr ins Auge, dass die Kultur in der Landeshauptstadt als Stiefkind behandelt wird. So lautete jedenfalls die titelgebende These der Veranstaltung. An Belegen für ihre Richtigkeit hat es die Politik in jüngster Zeit nicht fehlen lassen, angefangen mit dem krachend gescheiterten Entwurf des Star-Architekten Helmut Jahn für ein Stadtmuseum. Statt in Bestlage wird örtliche Geschichte inzwischen unterirdisch im Marktkeller aufgeblättert. Da dürfe sich niemand wundern, wenn Wiesbaden erfolglos nach seiner Identität suche, sagte Museumsdirektor Alexander Klar in seiner Begrüßungsrede.

„Provisorien leben unheimlich lange“

Auch die Podiumsgäste der vom Wiesbaden-Korrespondent dieser Zeitung, Ewald Hetrodt, moderierten Veranstaltung äußerten sich unzufrieden über die Lösung für das Stadtmuseum. Margarethe Goldmann hält das Gewölbe für zu klein. Als Standort hätte die Sprecherin des Arbeitskreises Stadtkultur das Alte Gericht bevorzugt. Kulturdezernent Axel Imholz (SPD) wiederum sprach von einer Behelfslösung und der Geschäftsführer des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, Helmut Müller, von einem „Platzhalter“. Der Vorstand der Murnau-Stiftung, Ernst Szebedits, schließlich mahnte: „Provisorien haben die Eigenart, dass sie unheimlich lange leben.“

Zugleich scheinen die Wiesbadener die Dramen und Tragödien, die sich zuletzt im kulturellen Leben ihrer Stadt abgespielt haben, gut weggesteckt zu haben. Dass sich etwa der Magistrat die Stelle eines Kulturdezernenten spart und Kämmerer Imholz diese Aufgaben jetzt in Personalunion übernimmt, regte niemanden im Saal auf. Das mag zunächst mit dem Stadtrat selbst zu tun haben, der nicht den Eindruck machte, als habe er sich das neue Amt einfach aufdrücken lassen. Im Gegenteil: „Meine Leidenschaft für die Kultur hat Geschichte.“ Sie begann vor 25 Jahren als Mitbegründer des Kulturzentrums Schlachthof.

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Mit vielen Kulturschaffenden ist der gebürtige Westfale, der zwischenzeitlich auch Fachausschussvorsitzender war, schon bekannt. Den anderen stellt er sich derzeit in einer Art Speeddating vor. Über sein nach eigener Aussage besonderes Faible für den Film war Szebedits naturgemäß besonders erfreut. Auch Goldmann, die 30 freie Kultureinrichtungen vertritt, versicherte: „Wir trauen ihm zu, dass er das gut machen wird.“

Was der Kulturfonds leistet

Noch offen ist dagegen die Frage nach der Zusammensetzung eines Kulturbeirats, der Imholz’ Arbeit künftig begleiten soll. Unterdessen haben sich zumindest die finanziellen Voraussetzungen für einen Kulturentwicklungsplan verbessert. Statt eines erwarteten Defizits von 45 Millionen Euro sorgen überraschend hohe Gewerbesteuereinnahmen nun für einen warmen Geldregen. Der Löwenanteil fließt dabei ans Staatstheater, während sich Goldmann schon darüber freut, dass Kürzungen, mit denen sich der Arbeitskreis vor kurzem noch konfrontiert sah, jetzt kein Thema mehr seien. Auch die bildende Kunst wäre gerade nach dem Aus für den Kunstsommer wieder einmal dran.

Spektakuläre Ausstellungen kommen nicht selten mit Unterstützung des Kulturfonds zustande. Dass Wiesbaden bislang 2,7 Millionen Euro in die Gesellschaft eingezahlt und dafür gut vier Millionen zurückbekommen hat, rechnete Müller beinahe widerwillig vor. Das Ganze sei schließlich viel mehr als die Summe seiner Teile. Die Zeit für Investitionen in die Wiesbadener Kultur war jedenfalls selten so günstig wie im Moment. Dass sie sich lohnen und das Image einer Stadt steigern können, machte Müller am Beispiel des Guggenheim-Museums von Bilbao deutlich.

Visionär waren die Ideen der Diskussionsteilnehmer für die Zukunft der Wiesbadener Kultur allerdings nicht, sondern blieben eher allgemein. Sehr viel konkretere Vorstellungen hat Reinhard Ernst, der als „Special Guest“ auf die Bühne kam. Der kinderlose Unternehmer möchte für 35 Millionen Euro ein Museum in Wiesbaden bauen und auch betreiben, das Teile seiner etwa 500 Positionen umfassenden Sammlung abstrakter deutscher, amerikanischer sowie japanischer Kunst nach 1945 beherbergen und dereinst in Wiesbadener Besitz übergehen würde.

Das Konvolut, das öffentlich noch nicht zusammenhängend zu sehen war, habe Weltgeltung, versicherte Ernst. Dafür beansprucht er den Platz neben dem Landesmuseum, auf dem ursprünglich das Stadtmuseum hatte entstehen sollen. Ganz einfach, „weil es der schönste Platz dafür ist“. Der von ihm dafür vorgesehene Architekt Fumihiko Maki sei schon in Wiesbaden gewesen, habe aber noch keinen Entwurf vorgelegt, „weil wir noch gar nicht wissen, was man dort bauen darf“. Ernst versprach aber, dass der Japaner der interessierten Wiesbadener Öffentlichkeit gerne einmal seine Ideen vorstellen werde.

Protegiert wurde Ernsts Vorhaben von Museumschef Klar, der noch einmal daran erinnerte, dass Kultur auch radikal sein und auffallen müsse: ein Plädoyer für kulturelle Leuchttürme.

Quelle: F.A.Z.
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