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Im Porträt: Josef Buchmann

Sein Märchen begann in Frankfurt

Von Hans Riebsamen, Frankfurt
 - 18:40
Seine Frau Bareket (links) traf er über den Josef-Buchmann Fellowship-Fund,als sie dort Stipendiatin war: Josef Buchmann. Bild: Eilmes, Wolfgang, F.A.S.

„Es war einmal ein arm Kind und hatt kein Vater und keine Mutter, war alles tot und niemand mehr auf der Welt.“ Dieser Satz, mit dem der hessische Dichter Georg Büchner das Märchen in seinem Drama „Woyzeck“ beginnt, könnte auch am Beginn der Biographie des Frankfurter Immobilienkönigs Josef Buchmann stehen.

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Ganz allein auf der Welt war dieser Junge aus dem polnischen Lodz, als der nationalsozialistische Spuk zu Ende war und die Toten gezählt wurden.Vater und Mutter und fast die gesamte Verwandtschaft waren umgebracht worden. Nur Jossele, wie der kleine Josef genannt wurde, und zwei Schwestern haben den Holocaust überlebt. Buchmann spricht nicht gerne über seine Zeit im Ghetto von Lodz, im Konzentrationslager Auschwitz, im Lager Bergen-Belsen. „Das kann man gar nicht erzählen“, hat er einmal gesagt.

Keine Sekunde durfte er unaufmerksam sein

In Frankfurt begann für ihn ein anderes Märchen. Kein trauriges dieses Mal, sondern eines, das einen staunen machen muss. Das „arm Kind“ hat hier sein Glück gefunden, sein materielles Glück zumindest, der Waisenjunge ist mit den Jahren zum größten privaten Immobilienbesitzer der Stadt geworden, zum reichsten Mann Frankfurts, wie es manchmal heißt. Aber Letzteres kann auch eine Übertreibung sein. Auskünfte über seine Vermögenslage gibt Buchmann nur dem Finanzamt.

Das Leiden in seiner Jugend hat Buchmann traumatisiert, daran gibt es keinen Zweifel. Wie andere Überlebende auch verfolgen ihn die Erlebnisse und Bilder ein Leben lang. Kein Wunder, dass Buchmann vorsichtig ist, misstrauisch sogar. Wer Auschwitz überleben wollte, durfte keine Sekunde unaufmerksam sein - überall lauerten tödliche Gefahren. Buchmann besitzt bis heute ein instinktives Gefühl dafür, wer ihn ausnützen oder hintergehen möchte. Diese Fähigkeit hat ihm im harten Geschäftsleben nicht geschadet.

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Vielen Menschen ist er in ihrer Not ein Wohltäter gewesen

Das Berührende an Buchmanns Leben ist, dass das Böse, dem er in seiner Jugend in extremster Form begegnet ist, das Gute in ihm nicht vernichtet hat. Der harte Unternehmer, der im Geschäftsleben sich hochgearbeitet, ja hochgeboxt hat, ist vielen Menschen in ihrer Not ein Wohltäter gewesen. Oskar Schindler etwa, dem Judenretter, dessen Taten damals nur Wenigen bekannt waren, hat Buchmann jahrelang unter die Arme gegriffen.

Kennengelernt hat er Schindler Anfang der sechziger Jahre. Buchmann baute damals das Haus Moselstraße 46-48 wieder auf und suchte einen Lieferanten für Kunststoff-Bodenplatten. Schindler, der damals eine kleine Fabrik in der Nähe von Hanau betrieb, reichte ein Angebot ein. Beim Gespräch erzählte er Buchmann, er habe im Krieg Hunderte von Juden in Polen gerettet.

„Schindler war ein feiner Mensch“

Der konnte das anfangs gar nicht glauben. Erst als Schindler ihm Dokumente und Presseberichte zeigte, begann er sich näher für diesen Mann zu interessieren. Er zog in Israel bei Überlebenden Erkenntnisse ein über Schindler, und tatsächlich wurde ihm bestätigt, was später im Film „Schindlers Liste“ der ganzen Welt bekannt wurde. „Schindler war ein feiner Mensch“, sagt Buchmann heute.

Ein kühler Rechner sei Schindler nie gewesen, hat er einmal erzählt. In der Tat stolperte der Judenretter von einer wirtschaftlichen Katastrophe in die andere. Dank der Hilfe Buchmanns konnten er und seine Freundin sich jedoch über Wasser halten. Der Freundin hat der Immobilienkaufmann zum Beispiel zwei Räume im besagten Haus an der Moselstraße unentgeltlich für einen Friseursalon zur Verfügung gestellt. Buchmann hat sich nie großgetan mit dieser Tat. Erst nach dem Siegeszug von Steven Spielbergs Schindler-Film wurde diese Episode aus seinem Leben bekannt.

Mit einem Haus fing es an

Besagtes Haus an der Moselstraße steht am Anfang von Buchmanns märchenhafter Karriere als Bauherr und Immobilienkaufmann. Das im Bombenkrieg weitgehend zerstörte Gebäude stand auf einem Grundstück gegenüber der New York City-Bar, die Buchmann Ende der fünfziger Jahre im Bahnhofsviertel aufgemacht hatte. Dafür hatte er vom Bierkönig Bruno Schubert, der damals noch die Henniger-Brauerei sein Eigen nannte, ein paar tausend Mark als Kredit bekommen.

Für den Kauf der Moselstraße und den Bau eines Wohn- und Geschäftshauses hat die Hessische Landesbank Buchmann einen Kredit gegeben. Er betrug 75 Prozent der geschätzten Investitionssumme. Er sei, so erzählt Buchmann, mit den 75 Prozent ausgekommen. Sparsamkeit beim Bauen war auch in späteren Jahren immer seine große Stärke.

Marika Rökk verdiente hier harte D-Marks

Im Erdgeschoss der Moselstraße richtete er einen Nachtclub ein. Das „Imperial“ war eines der besten Varietés in Deutschland, Josephine Baker tanzte hier in ihrem Bananenröckchen, Marika Rökk verdiente hier harte D-Marks, Roberto Blanco hatte hier einen seiner frühen Auftritte. Noch immer ist das Haus an der Moselstraße in Buchmanns Besitz, vor einiger Zeit hat er viel Geld in eine Sanierung investiert.

Wie viel er gebaut hat in Frankfurt, weiß wohl nur er selbst genau. Sein erstes Megaprojekt war das Shell-Haus am Alleenring, Frankfurts erstes richtiges Hochhaus. Von Anfang an hatte Buchmann eine Mietzusage über 20 Jahre vom Shell-Konzern, weshalb es ihm relativ leichtfiel, Kredite von einer Bank zu bekommen. Etwa 13 Millionen hat der Bau damals, 1962, gekostet. Jahre später hat Buchmann das Haus für etwa 70 Millionen verkauft.

Er gilt bei einigen als „Pate Frankfurts“

Bürogebäude oder Wohnhäuser zu veräußern, ist eigentlich nie Buchmanns Sache gewesen. Er hat in der Regel gebaut, um die Immobilien zu behalten. Doch manchmal war der finanzielle Druck so groß, dass er sich zum Verkauf gezwungen sah wie zum Beispiel bei jenem Grundstück, auf dem heute die beiden Glastürme der Deutschen Bank stehen. Buchmann hatte die Idee für ein Hochhaus auf dem Areal des ehemaligen Löwensteinschen Palais. Er hat das Grundstück erworben und sich auch die Zustimmung der Nachbarn erkauft. Als der architektonische Entwurf vorlag und die Bauvoranfrage genehmigt war, geriet Buchmann wegen der damals exorbitant hohen Zinsen und einer Vermietungsflaute unter Druck, weshalb er Grundstück und Entwürfe an die Deutsche Bank verkaufte. Buchmann verdankt Frankfurt auch, dass das Nordwestzentrum, eine der größten Shopping-Malls in Deutschland, floriert. In den neunziger Jahren kaufte er das Zentrum der Familie Faktor ab und baute es für viele Millionen aus.

Im Laufe der Jahre ist Buchmann vielen Anfeindungen ausgesetzt gewesen. Fassbinder könnte mit der Figur des reichen Juden in seinem Skandalstück „Die Stadt, der Müll und der Tod“, die angeblich auf Ignatz Bubis gemünzt war, durchaus auch Buchmann gemeint haben. Überhaupt war die Öffentlichkeit nie zimperlich mit dem Immobilienkönig. In einem Fernsehbeitrag ist er einmal als „Pate Frankfurts“ diffamiert worden, und immer wieder wurde kolportiert, Buchmann habe sein erstes Geld im Rotlicht-Milieu verdient. Er hat dies immer bestritten. In der Tat ist Buchmann nie in irgendeiner Form angeklagt oder gar eines Vergehens schuldig befunden worden.

Menschlichkeit trotz allen Leidens zeichnet ihn aus

Menschen, die ihn besser kennen, haben sich immer mit großer Hochachtung über seinen phänomenalen geschäftlichen Erfolg und seine vielen guten Taten geäußert. Arno Lustiger, auch ein Holocaust-Überlebender, hat ihn kurz nach der Befreiung Deutschlands im Lager Bergen-Belsen als ausgemergelten und halbverhungerten Jungen kennengelernt und ihn später im DP-Lager Zeilsheim wiedergetroffen. Wie Lustiger wollte auch Buchmann damals nichts wie weg aus Deutschland, wie ihm ist es ihm nicht gelungen. Lustiger lässt auf seinen alten Freund nichts kommen. Und ein anderer KZ-Leidensgenosse, der einstige israelische Oberrabbiner Israel Lau, nannte es ein Wunder, dass ein Mann wie Buchmann, der alle Schrecken der Konzentrationslager habe durchmachen müssen, sich seine Menschlichkeit bewahrt habe.

Buchmann hat seinen Reichtum nicht mit vollen Händen unter den Bedürftigen und Notleidenden verteilt. Aber er war oft zur Stelle, wenn Hilfe benötigt wurde. Und er hat viele Projekte unterstützt: in Frankfurt, in seiner Heimatstadt Lodz und in Israel. Es ist kein Zufall, dass Buchmann sich besonders stark für die Bildung junger Menschen einsetzte. Denn er selbst, der in jungen Jahren schon ins Ghetto deportiert worden war, blieb von aller Schulbildung ausgeschlossen. Umso bemerkenswerter muss seine Lebensleistung erscheinen.

Jetzt im Alter hat er es gut

An Buchmanns Person hat sich die alte Lebenserfahrung bewahrheitet, dass wer Gutes tut, sich auch immer selbst belohnt. Im Falle des 1985 von ihm ins Leben gerufenen Josef-Buchmann Fellowship-Fund für Studenten der Universi tät Tel Aviv und Frankfurt ist ihm diese Belohnung in Form einer israelischen Stipendiatin vermutlich vom lieben Gott oder der Vorsehung erteilt worden. Die Frau ist heute seine Gattin und hat ihm Zwillinge geboren.

Im Alter meint es das Leben mit dem arm Kind, das kein Vater und keine Mutter hatt, endlich einmal wirklich gut.

Quelle: F.A.S.
Hans Riebsamen
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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