Taschengeld aufstocken

Abschied vom Ferienjob

Von Tobias Schrörs
 - 17:10

Generation Z kennt das gar nicht mehr: Arbeit für Geld in den Ferien. Das war bei ihren Vorgängern noch anders. Angehörige der Generation Y, das sind diejenigen, die heute älter als 23 Jahre sind und bevorzugt sinnstiftender Arbeit nachgehen, waren sich zu Schulzeiten noch nicht zu fein, das Taschengeld in den Ferien ein wenig aufzubessern. Als Pizzaboten fuhren sie dem Italiener Beulen in den Fiat, sie drückten in einer Produktionsstraße Spreiznieten in Karosserien und sagten den Gästen des Cafés am Rathausplatz mit einem freundlichen Lächeln, dass es draußen leider nur Kännchen gebe. Und was macht die Nachfolge-Generation in den sechs langen Sommerferienwochen? Nichts.

Folgt man dem amerikanischen Magazin „Forbes“, sind die 13 bis 18 Jahre alten Schüler von heute Vertreter ebenjener Generation Z, weil sie zwischen 1996 und 2010 das Licht der Arbeitswelt erblickt haben. Verschanzt hinter Smartphones, verharren sie in Untätigkeit. Das beklagt nach einem Bericht des Deutschlandfunks auch der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Hessen. Tenor des Beitrags: Die Eltern verhätscheln ihre Kleinen und wollen ihnen die Strapazen eines Ferienjobs in der Branche nicht zumuten.

Gleichwohl zeichnen sich anderswo ganz andere Gründe für die vermeintliche Lethargie ab. Man dürfe Minderjährige bei sich gar nicht beschäftigen, lässt eine Frankfurter Brauereigruppe wissen. Bier im Akkord ist in der Tat nicht zu empfehlen. Auch der nüchterne Finanzplatz hat den Schülern im Rhein-Main-Gebiet wenig zu bieten. Man beschäftige keine Schüler, teilt eine Großbank mit.

Faule Generation Z?

Was Main und Rhein nicht bringen, macht die Automobilindustrie am Neckar weiter südlich wett. Dort greift die Jugend nach den Sternen und schafft in schwäbischer Manier. Gleichwohl kommen auch dort nur die Volljährigen zum Produktionszug.

In Zeiten wie diesen, in denen Wissenschaft nur noch zu sein scheint, was sich in und mit Zahlen ausdrücken lässt, würde man die faule Generation Z am liebsten von den Bildschirmen zerren und mit harten Fakten konfrontieren. Doch die Statistiker geben sich bedeckt. Niemand zählt mit, wenn sich ein schulpflichtiger Jugendlicher doch einmal in einen Betrieb verirrt, um für wenig Geld Hand anzulegen. Nicht die Industrie- und Handelskammer, nicht der Spitzenverband des deutschen Einzelhandels und auch nicht der Spitzenverband der Gastronomen.

Bundesagentur für Arbeit führt keine Statistik

Nicht einmal die Bundesagentur für Arbeit führt eine Statistik. Es sei nicht ihre Aufgabe, ausgerechnet Jugendliche in Lohn und Brot zu bringen. Das ist verständlich. Denn wenn die Digitalisierung erst so richtig über uns hereingebrochen ist, gibt es für Generation-Z-Vertreter ohnehin keine Arbeit mehr. Denn vermutlich wird in Zukunft auch die letzte Spreizniete von intelligenten und vernetzten Roboterarmen irgendwo hineingepresst.

Die Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbundes findet allerdings gegen Schüler- oder Ferienjobs nichts einzuwenden, wie es auf der Internetseite des DGB heißt. Solche Jobs seien gut gegen Langeweile, brächten Geld und machten unter Umständen mehr Spaß als ein Urlaub mit den Eltern.

Ob die wiederum ihr Lebensglück darin sehen, sich im All-inclusive-Familienurlaub grüne Armbändchen umbinden zu lassen, Schlauchboote aufzupusten und nach einem wundervollen Tag am Meer puterrot im Hotel anzukommen, sei dahingestellt. Am besten arbeiten die Mütter und Väter einfach weiter – und lassen die unverstandenen Emporkömmlinge der Generation Z in Ruhe.

Popcorn, aber mach ma' zackig

Sie nannten mich Mandelmäuschen oder Zuckerpuppe. Und meist waren sie betrunken. Mein erster Ferienjob war zugleich mein härtester. Aber auch mein schönster. Ich habe auf der Kirmes gearbeitet. Mandeln brennen, Zuckerwatte drehen, Weingummi verkaufen. Was ich gelernt habe? Im Winter ist es kalt, im Sommer ist es heiß, von 22 Uhr an kaufen Männer ihren Frauen die größten Lebkuchenherzen – und zu viel Lakritz macht Bauchschmerzen. Was ich außerdem mitgenommen habe fürs Leben? Brandnarben verblassen nur sehr langsam, und Geld verdienen ist auch in einem Mandelwagen kein Zuckerschlecken.

Zwölf Stunden dauerte eine Schicht meist, An- und Abreise nicht inbegriffen. Ich musste beim Auf- und Abbau helfen, putzen, Ware verpacken, freundlich sein – und das auch bleiben. Selbst dann, wenn die Kunden es längst nicht mehr waren. „Hömma, Mandelmäuschen, zweima’ Popcorn. Und beim Wechselgeld wird nicht beschissen, wa.“ Ich wurde gut entlohnt – und manchmal gab es sogar Trinkgeld. Einen Sommer lang bin ich von Schützenfest zu Schützenfest, von Firmenfeier zu Firmenfeier mitgefahren. Mit dem Geld bin ich verreist, ohne Eltern. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, die Auszeit verdient zu haben.

mali.

Bohren für Lesegeräte

James Bond fotografiert mit einer Minox. Mit einer LX, um genau zu sein. Von 1978 an hergestellt, war der Spionagekamera genannte Winzling ein Markenzeichen dieser Optikfirma aus Heuchelheim bei Gießen. Ein Ferienjob bei Minox war Mitte der achtziger Jahre fast so gut wie einer bei Leitz in Wetzlar, dem Leica-Hersteller. Jobs in der Fertigung bot Minox in der Abteilung an, die Lesegeräte für Microfiches produzierte. Die Teile kannten wir aus der Fernsprechauskunft der Post in Gießen.

Gerade mit dem Führerschein ausgestattet, durften wir morgens um 6 Uhr bei Minox antreten. In Empfang nahm uns der Vorarbeiter. Er zeigte, was zu tun war: Mittig je ein Loch in zwei Zentimeter lange Alu-Bauteile bohren, deren Form einem Schiffsrumpf glich. Zehn Mark pro Stunde gab’s dafür.

Wo die Schiffchen in den Lesegeräten genau eingebaut wurden, ist uns aus der Erinnerung gefallen. Sehr präsent ist aber weiterhin die Mahnung aus dem Mund des Vorarbeiters: „Gerade bohren, immer schön Bohrwasser nehmen, regelmäßig den Bohrer wechseln. Und lasst euch Zeit“, schärfte er den Ferienjobbern ein.

Die Mahnung hörten wir, machten uns aber vor allem mit viel Elan an diese Arbeit, die für Bohrwunden an den Händen und kleinen Alu-Spänen überall sorgte. Bald raunte man uns zu, langsamer zu bohren. „Ihr macht den Akkord kaputt!“ Vor allem aber vergaßen wir Bohrwasser und -wechsel, zum Leidwesen des Meisters: Stumpfer Bohrer wegen gerieten viele Löcher zu groß, ungezählte Schiffchen wanderten gleich zum Altmetall. Den Lohn gab’s glücklicherweise aber trotzdem.

thwi.

Himbeersirup für den Postboden

Bergab freihändig Fahrrad zu fahren ist normalerweise keine Hexerei. Mit einem Postbotenvelo aber schon, denn der mit Gurten quer über dem Vorderrad verspannte Transportkasten verändert die Statik des Drahtesels. Will heißen: Er verstärkt die Neigung des Vorderrades, nach links und rechts auszuschwingen. Nach einer Woche hat man allerdings den Bogen raus. Dann gibt es nichts Schöneres für einen Ferienaushilfspostboten, als hoch auf dem gelben Rad, die Arme lässig vor der Brust verschränkt, den schweren Bock freihändig laufen zu lassen. Und das zweimal am Tag, denn in den siebziger Jahren gab es in der Schweiz noch eine Nachmittagspostzustellung.

Als deutscher Gastarbeiter in der Nähe von Basel einen Sommerferienjob zu finden, war seinerzeit ohnehin eine feine Sache. Gut bezahlt, vorteilhafter Wechselkurs, den ganzen Tag an der frischen Luft, Liebling älterer Damen („So ein netter junger Mann“). Gleichaltrige Mädels waren leider ihrerseits in den Ferien, bis auf Fabienne, aber das ist eine andere Geschichte. Weil der Postbote in manchen Fällen auch die Rente auszahlte, hatte der ganz schnell raus, bei wem es sich positiv auf das Trinkgeld auswirkte, in Mehrfamilienhäusern nicht bloß zu klingeln, aus dem Parterre „Post!“ zu rufen und den Zahlungsempfänger kommen zu lassen, sondern proaktiv in den zweiten Stock hochzugehen. Ganz reizend auch jenes ältere Ehepaar, das schon am dritten Tag sagte: „Es ist doch so heiß, und Sie haben sicher Durst. Bei uns auf der Veranda stehen immer Wasser und Himbeersirup. Da bedienen Sie sich bitte, auch wenn wir nicht daheim sind.“

nka.

Quelle: F.A.Z.
Tobias Schrörs
Volontär.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBundesagentur für ArbeitDGBFiatDeutschlandfunkForbesBier