Jugendorganisation der AfD

Unter der Bikinilinie

Von Denise Peikert
 - 19:48
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Tim Wiemer legt sein iPhone auf den Tisch und fragt, ob es okay sei, wenn er das Interview mitschneide. Er hat das noch nicht so oft gemacht, Interviews geben, und deshalb will er hinterher hören, wie er war.

Tim Wiemer ist 22 Jahre alt, im hessischen Landesvorstand der Jugendorganisation der Alternative für Deutschland (AfD), und der iPhone-Mitschnitt zählt 47 Minuten und 55 Sekunden, als er zum ersten Mal einen Satz sagt, der nicht so klingt, als habe er ihn vorher geübt. „Ich dachte immer, in meiner Generation bin ich mit meiner Meinung alleine“, sagt Wiemer, und kurz ist da die Hoffnung, es könne interessant werden, bevor der Moment an den Stichworten Staatsschuldenkrise, Zinssätze und Diskussionskultur zerschellt.

Womöglich sind es die zwei, drei spontanen Sätze dazwischen, über die sich Wiemer hinterher ärgern wird, wenn er sich den Mitschnitt anhört, weil er sie für nicht kalkuliert hält. Tatsächlich sind es die einzigen, mit denen Tim Wiemer einen Seitenblick auf sich selbst riskiert. Am Ende helfen sie aber auch nicht bei der Frage, warum jemand mit 22 Jahren Mitglied der AfD wird. Dabei wäre die Antwort doch bestimmt spannend.

Plakatkampagne gegen Feminismus

Im Juni 2013 wurde die Junge Alternative (JA) gegründet, aber bis Mitte März hatte davon keiner etwas gemerkt. War aber auch kein naheliegender Gedanke, dass es die gibt, bei den eher älteren Männern, die bei der AfD sonst auftreten. Aber tatsächlich wäre die Partei in den Bundestag gekommen, hätten nur die Wähler unter 29 Jahren darüber entscheiden dürfen: Von denen gaben sechs Prozent ihre Stimme der AfD. Die JA katapultierte sich im März ins Bewusstsein mit staatstheoretisch erstaunlichen Sätzen wie diesem: „Ich bin keine Feministin, weil mein Mann mein Fels in der Brandung ist - und nicht mein Klassenfeind.“

Eine junge Frau mit Steppweste hatte den Satz auf ein Plakat geschrieben und in die Kamera gehalten. Es war eine Aktion der JA, rund 20 Leute machten mit. „Ich bin keine Feministin, weil ich als Frau auch selbst in der Lage bin, über mich zu bestimmen“, schrieb eine andere Frau. Und unter anderem, weil das so logisch ist wie das Bekenntnis, auf keinen Fall einen Schrebergarten zu pachten, weil man so gerne Unkraut jäte, wurde die JA im Internet mit Häme überschüttet.

Oft war die Kritik kaum besser als die Kommasetzung auf einigen der Plakate. Auf persönliche Anfeindungen gehe man nicht ein, heißt es dazu aus dem Bundesvorstand der JA, aber: „Wir konnten ein ganz ordentliches politisches Statement abgeben“, sagt Damian Lohr, der in dem Vorstand sitzt und die Plakataktion mit beschlossen hatte.

„Der Zustand der Gleichberechtigung ist erreicht“

Die Junge Alternative hat sich den Antifeminismus ausgesucht, sie will damit um Stimmen kämpfen für die Europawahl Ende Mai. „Der Zustand der Gleichberechtigung ist erreicht“, sagt Tim Wiemer, der seinen Mitgliedsantrag für die Junge Union schon ausgefüllt hatte, als gerade die AfD gegründet wurde und er sich spontan anders entschied. „In meiner Generation gibt es sehr, sehr wenige Frauen, die sagen würden, sie fühlen sich nicht gleichberechtigt.“

Zwar habe der Feminismus in der Vergangenheit Großes geleistet, man denke an das Frauenwahlrecht und die Frauenerwerbstätigkeit. „Wenn er aber in seiner jetzigen Form weiterbetrieben wird, laufen wir Gefahr, dass es zu einer Benachteiligung des Mannes kommt“, sagt Wiemer. Der Slogan der JA ist „Verstand statt Ideologie“, und die Verteilung ist klar: Der Feminismus ist die Ideologie, die JA, das sind die mit dem Verstand.

Mit nackten Frauenpos ins Europaparlament

Vergangene Woche hat die JA ein Plakat ins Internet gestellt, auf dem fünf Frauen am Strand zu sehen sind. Sie tragen Stringtangas und umschlingen sich ganz natürlich gegenseitig an den Hüften. Unter ihren nackten Hintern steht der Slogan „Gleichberechtigung statt Gleichmacherei“ und dann noch die rätselhaften Worte: „P(r)o Vielfalt in Europa!“ Das ist offenbar eine politische Botschaft, für die sogar der Berliner Landesverband der AfD „die Jungs in der JA“ öffentlich kritisierte: Sie bestätigten jedes Klischee.

Tags darauf lud die JA ein neues Plakat hoch, mit einer Frau im kragenbesetzten Lederbustier, die mit Handschellen für „Kriminalität härter angehen!“ wirbt. Die JA reagierte damit, sozusagen, auf die Kritik am Strandbild. Sie schrieb über die Handschellen-Frau: „In Zukunft werden wir darauf achten, dass unsere Motive wieder hochgeschlossene Kleidung tragen.“ Zu lokalisieren, wo genau bei diesen Plakaten jetzt der Verstand sein soll, nun: Das ginge unter die Gürtellinie.

An sich ist der Antifeminismus aber natürlich ein gutes Thema für die Jugendorganisation einer nationalkonservativen Partei. „Das ist einfach der Geist unserer Zeit, den wir aufgefangen haben“, sagt Tim Wiemer, und damit könnte er sogar recht haben: Vergangene Woche zum Beispiel ist das Buch „Tussikratie: Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können“ erschienen, in dem zwei Autorinnen schreiben, warum Frauen sich mit der ganzen Gleichberechtigung selbst im Weg stehen.

JA beruft sich auf den Zeitgeist

Auch ansonsten ist es keine überraschende Erkenntnis, dass in Tim Wiemers Umfeld (er studiert Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt) noch niemand mit einer Ungleichbehandlung von Mann und Frau zu tun hatte: Bis Anfang zwanzig läuft es für die Mädchen ja auch statistisch wirklich ganz easy - sie waren besser in der Schule, sie sind an den Unis in der Überzahl, sie sind jung und schön.

Bei einer Organisation mit Verstand kann ein schnöder Verweis auf den Zeitgeist natürlich nicht reichen für die doch einigermaßen steile These, um die Gleichberechtigung müsse sich jetzt niemand mehr kümmern. Tim Wiemer sagt, so richtige Parameter habe man dafür nicht, aber „viele sind der Meinung, Gleichberechtigung ist in jedem Fall schon gegeben“. Er sagt dann noch, dass die AfD ja auch einen großen Teil der schweigenden und nicht politisch aktiven Bevölkerung repräsentiere. Das scheint dann immer das Leichteste zu sein: Thilo Sarrazin macht das so, der Schriftsteller Akif Pirinçci und AfD-Chef Bernd Lucke natürlich. Kann eh keiner nachprüfen, was die schweigende Mehrheit sagen würde, wenn sie es denn täte.

Wenig Frauen als Chefs? „Ein Trägkeitsphänomen“

Aber gut, einmal angenommen, wir sind alle voll gleichberechtigt: Warum gibt es dann, einfaches Beispiel, so wenige Frauen in den Chefetagen großer Firmen? „Das ist ein Trägheitsphänomen“, sagt Wiemer. Die Gleichberechtigung gebe es ja noch nicht immer, und jetzt, da es so weit sei, dauere es halt noch ein bisschen, bis sich das bis ganz nach oben herumgesprochen habe. Und der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau? „Bei Statistiken ist es wichtig, zu wissen, wie sie aufgebaut sind. Auch die Fragestellung ist entscheidend, da kann man suggestiv einwirken.“

Der Bundesvorstand der JA nennt in dem Zusammenhang eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung von 2013 sinnvoll. Bei dieser wurden erstmals die Nettogehälter statt der Bruttogehälter von Frauen und Männern miteinander verglichen. In der Studie steht, dass der Unterschied im Westen Deutschlands je nach Höhe der Stundenlöhne zwischen 37 und 27 Prozent betrage. Das ist natürlich jetzt komisch, die Differenz erscheint ziemlich groß. Aber möglicherweise ist es für die JA nicht so wichtig, was drin steht in der Studie, wenn sie richtig aufgebaut ist und niemand suggestiv eingewirkt hat.

Frauen öfter einmal hinterherpfeifen

Tim Wiemer hat das Interview gut durchgehalten, das wird er feststellen, wenn er sich den Mitschnitt anhört. In mehr als einer Stunde hat er viele Politikersätze gesagt und gut erklärt, dass die JA „auf gar keinen Fall homophob eingestellt sei“ und viele Mitglieder habe, „die sich zur Homosexualität bekennen“. Es gab nur ganz wenige Sätze zwischen solchen sorgsam sauber gekehrten, mit denen der Mensch Tim Wiemer etwas gesagt hat. Zum Beispiel hat er erzählt, seine Freundin sei neulich in Mexiko gewesen und habe sich da wie ein VIP gefühlt, weil man ihr an jeder Ecke hinterhergepfiffen habe. Wiemer erzählt das mit Stolz und er bringt es, kein Scherz, in einen Zusammenhang mit Kritik an sozialer Kälte in Deutschland.

Normalerweise gehört die Mexiko-Episode nicht in die Zeitung, weil sich Tim Wiemer da vielleicht nur kurz rhetorisch verfahren hat, und normalerweise wäre es nicht fair, das auszunutzen. Aber dann fallen einem wieder die fünf Frauenpos am Strand ein, die die Organisation, der Wiemer angehört, benutzt, um für sich zu werben. Und weil das nicht nur nicht fair ist, sondern ein Frauenbild offenbart, von dem man bei Rainer Brüderles Dirndl wenigstens noch hoffen konnte, dass es ausstirbt, ist die Mexiko-Episode nun doch hier zu lesen. Sie passt ganz gut: Sonne und Strand und schöne Mädchen und so. Wird man doch noch!

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Peikert Denise
Denise Peikert
Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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