Kontrollen für Kampfhunde

„Ein Hund gehört nicht in solche Hände“

Von Katharina Müller-Güldemeister, Offenbach
 - 14:47

In einer Straße, die zum Main führt, geht ein Mann mit zwei Hunden spazieren. Sie sehen aus wie American Bulldogs. Und die gehören in Offenbach zu den sogenannten Listenhunden– den Rassen also, die besonders oft zubeißen. Sascha Zimmer fährt das Fenster des Polizeiautos herunter. „Wo ist denn die Leine?“, ruft er über die Straße.

Seit sechs Jahren fährt er für die Offenbacher Stadtpolizei Streife. Er ist 39Jahre alt, schlank, trägt Schnauzbart und hat einen Knopf im Ohr, damit er keinen Funkspruch verpasst. Neben ihm sitzt seine Kollegin Denise Rodenhäuser: wache, grünblaue Augen und rote Wangen, 35 Jahre, seit drei Jahren bei der Stadtpolizei. Vorher war sie wie Zimmer bei der Bundeswehr. Am Streifefahren mag sie die Abwechslung, wie sie sagt. „Man weiß nie, was kommt.“

750 Euro Bußgeld für Listenhund ohne Leine

„Tut mir leid“, stammelt der Hundebesitzer. Schnell nimmt er die Hunde ans Halsband. „Ich bin aber gleich zu Hause.“ Im Stadtgebiet Offenbach herrscht Leinenzwang. Wer sich daran nicht hält, muss mit einem Bußgeld in Höhe von 50 Euro rechnen, bei Listenhunden sind es sogar 750 Euro. Der Mann fiel schon mehrmals auf. Weil unklar war, ob seine Hunde zu den Listenhunden zählen, musste ein Gutachter sie untersuchen. Ergebnis: Es sind keine reinrassigen American Bulldogs, und sie sind gutmütig.

Ihr Besitzer kommt an diesem Morgen mit einer mündlichen Verwarnung davon. Denn der Streifenwagen blockiert den Verkehr, und Zimmer entscheidet sich, weiterzufahren. „Das nächste Mal angeleint!“, ruft er dem Mann noch zu.

Wären es Listenhunde gewesen, hätten Zimmer und Rodenhäuser den Hundebesitzer nicht einfach so gehen lassen. „Jeder Hund kann zur Beißmaschine gemacht werden. Aber bei einem Rottweiler hat es andere Auswirkungen als bei einem Dackel“, sagt Zimmer.

Wesenstest für Listenhunde alle paar Jahre

Seit 2003 gibt es die Liste der gefährlichen Hunde. Jeder Offenbacher, der so ein Tier halten will, braucht eine Erlaubnis. Er muss volljährig sein und darf keine gravierenden Einträge im polizeilichen Führungszeugnis haben. In einer Prüfung muss er nachweisen, dass er die Regeln kennt: Listenhunde dürfen nur einzeln ausgeführt werden und müssen alle paar Jahre einen Wesenstest bestehen. Wer gegen die strengen Auflagen verstößt, hat mit drakonischen Strafen zu rechnen. Vergleichbar mit denen des Waffengesetzes.

Etwa 160 Listenhunde sind in Offenbach gemeldet. Hin und wieder stoßen die Beamten bei Routinekontrollen und dem „Hundekontrolltag“ auf nicht angemeldete Vierbeiner. Zweimal im Jahr prüfen die Polizisten stichprobenartig, ob Gassigeher Steuermarke, Leine und Hundetüten parat haben. Bei Listenhunden fragen sie außerdem nach dem Hundepass. Er weist aus, wer das Tier hält und wer es ausführen darf. Diesen Pass muss der Begleiter immer mit sich führen – wie Führerschein und Fahrzeugpapiere beim Autofahren.

Nicht der Hund, sondern der Halter ist schuld

Das Halten gefährlicher Hunde über hohe Steuern zu regulieren, das halten die Stadtpolizisten für den falschen Weg. In Frankfurt kostet die Steuer für Listenhunde 900 Euro im Jahr, in Offenbach zahlt man für einen Pudel genauso viel wie für einen Bullterrier, Rottweiler oder türkischen Hirtenhund Kangal: 90 Euro. Oft sei weniger der Charakter des Hundes schuld an Beißattacken, sondern der Halter, sagt Zimmer. Der American Staffordshire Terrier etwa, der in Hessen auf der Liste steht, werde in Amerika auch Nanny-Dog genannt und sei dort ein beliebter Familienhund.

Zimmer und Rodenhäuser fahren weiter. Ein paar Ordnungswidrigkeiten später piept das Funkgerät. Kollegen in Zivil haben Probleme mit einem Mann, der einen Listenhund ausführt. „Manchmal hilft es schon, wenn Beamte in Uniform dazu kommen“, sagt Zimmer. Er stellt Blaulicht und Sirene an. Für die Strecke, die normalerweise kaum unter sieben Minuten zu schaffen ist, braucht er zwei.

In der Nähe des Krankenhauses sehen Zimmer und Rodenhäuser ihre beiden Kollegen sowie einen Mann mit dem American Staffordshire Terrier. Das Tier zerrt wild an der Leine. „Wir wollten den Hundepass kontrollieren“, erläutert die zivile Beamtin. „Aber er ist sofort renitent geworden“, sagt ihr Kollege.

„Warum sind Sie denn so aggressiv?“

„Wie heißen Sie?“, fragt Zimmer. Der schmächtige Mann, etwa Ende Dreißig, nuschelt etwas. Der Hund zerrt weiter an der Leine. „Wie bitte?“, fragt Zimmer. „Können Sie nicht zuhören, oder was?“, bellt der Mann. „So nicht“, sagt Zimmer ruhig. „Haben Sie einen Ausweis dabei?“ Mit den Personalien könnten die Polizisten über Funk abfragen, ob der Hund gemeldet ist und der Mann ihn führen darf. „Nein“, sagt der Nuschler, „hab ich schon den anderen gesagt.“

„Warum sind Sie denn so aggressiv?“, fragt Zimmer. „Weil ich Erfahrungen mit der Polizei habe. Sie halten mich doch nur an, weil ich ins Muster passe.“ – „Wie kommen Sie darauf?“, fragt Zimmer. „Schauen Sie doch, wie ich aussehe.“ Er hat leicht struppige Haare unter dem Käppi, trägt ausgewaschene Jeans und Turnschuhe. Seine Haut ist fahl. Er sieht weder auffällig noch unauffällig aus. „Wir machen hier nur unsere Arbeit“, stellt Zimmer klar.

Hund wird auf die Wache gebracht

„Wenn Sie sich nicht ausweisen können, müssen wir Sie auf die Wache nehmen, um Ihre Identität festzustellen“, sagt der Stadtpolizist. Der Mann zieht einen Brief aus der Hosentasche. Er ist an eine Frau adressiert, die seine Schwester sein soll. Ihr gehöre auch der Hund.

Der American Staffordshire Terrier zerrt noch immer. Das massige Tier will an Rodenhäuser hochspringen. Sie macht zwei Schritte zurück. „Wenn du Angst vor Hunden hast, haste vielleicht den falschen Beruf gewählt“, sagt der Mann. Er wirkt nun selbst nervös und aufgekratzt.

Zimmer reicht es jetzt. „Sie kommen mit auf die Wache!“, befiehlt er. „Nein“, lautet die Antwort. Zimmer packt ihn am Arm, aber der Mann windet sich aus dem Griff, der Hund springt an dem Polizisten hoch und schnappt nach ihm. Aber Zimmer bekommt das Tier zu fassen, und die Zivilkollegen drücken den Mann gegen eine Mauer und legen ihm Handschellen an. Wenige Augenblicke später ist der Terrier im Kofferraum eingesperrt, nur noch dumpfes Bellen dringt auf die Straße. Der Mann weigert sich weiter, mitzukommen, doch die Phase der Deeskalation ist vorbei. Als Zimmer ihn entschlossen zum Wagen führt, schreit der Mann immer wieder „Aua“– wohl auch in der Hoffnung, dass Passanten ihm zu Hilfe eilen. Kurz darauf ist sein Fluchen aus dem Auto zu hören.

Mann stand unter Drogen

„Ein Hund gehört nicht in solche Hände“, sagt Zimmer. Stünde der Mann unter Drogen, Zimmer wäre davon nicht überrascht. Er reibt sich den Unterarm, der Hund hat ihn erwischt. „Klar, der verteidigt sein Herrchen“, sagt Zimmer. Der Armschutz gegen Hundebisse lag im Kofferraum– er hatte keine Zeit, ihn anzuziehen.

Zimmer und die Zivilbeamtin bringen den Hund ins Tierheim. Dort bleibt er, bis die Besitzerin ihn abholt. Rodenhäuser und der Zivilkollege fahren den Mann zur Landespolizei, die den Fall übernimmt.

Der Drogenschnelltest ergibt: positiv. Hätte der Mann sich unauffällig und einsichtig verhalten, das Ordnungsamt hätte ihm eine Verwarnung oder ein Bußgeld von bis zu 300 Euro auferlegt, weil er die Unterlagen nicht mit sich führte. So aber erlässt es am nächsten Tag eine Verfügung, dass er den Hund nicht mehr führen darf, weil er dazu „körperlich und geistig nicht in der Lage“ sei. Wenn er dagegen vorgeht, muss er sich einer amtsärztlichen Begutachtung stellen.

Quelle: F.A.Z.
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