Kindertagesstätte „Le Jardin“

Am Anfang war das Wort

© Wresch, Jonas, F.A.Z.

Eine Sprachwissenschaftlerin erklärt, wieso bilinguale Erziehung nicht immer
erfolgreich ist.

Zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag viel Glück, zum Geburtstag, zum Geburtstag viel Glück“. Die goldenen Sterne auf der blauen Pappkrone verraten, dass Younes heute zwei Jahre alt wird. Zusammen mit Yves, Marlene und den anderen sieben Kindern in seiner Gruppe der Kindertagesstätte „Le Jardin“ in Rödelheim feiert er den Tag. Seine Mutter hat Schokoladenmuffins gebacken, doch darauf müssen die Kinder noch warten. Nach dem deutschen Geburtstagsständchen singen sie gemeinsam mit ihren drei Betreuern noch „Happy birthday“ und „Joyeux anniversaire“.

„Fais attention! - Pass auf!“

In der Zwischenzeit ist die Krone zum dritten Mal von Younes Kopf gefallen, und der gleichaltrige Alexander hat begonnen, sein Lätzchen anzuknabbern. Nachdem die Schildkröten-Gruppe - die „Tortues“ - dem Geburtstagskind auf drei Sprachen ein Ständchen gesungen hat, ist es Zeit für die Törtchen. „Fais attention! Pass auf!“ - Kuchen zu essen, ohne zu krümeln, scheint auch im neuen Lebensjahr noch eine Herausforderung zu sein. Die Kita „Le Jardin“ in Rödelheim betreut 20 Kinder im Alter von wenigen Monaten bis drei Jahren. Zehn von ihnen - darunter Younes und Alexander - werden bilingual auf Deutsch und Französisch erzogen, die andere Hälfte auf Deutsch und Englisch.

„Good morning, Lara, how are you today?“ Lara Wollmann ist 17 Monate alt und seit einem Jahr in „Le Jardin“, erzählt ihre Mutter. Vanessa Racioppi Wollmann ist Brasilianerin, ihr Mann ein Deutscher. Sie spricht mit Lara Portugiesisch, vom Vater lernt das Mädchen Deutsch, in der Kita zudem Englisch. Dass Lara trilingual aufwächst, unterstützen ihre Eltern: „In dem Alter lernen die Kinder am schnellsten. Und obwohl sie nur einige Wörter Englisch spricht - Baby, Hello oder Cake -, bin ich überzeugt, dass sie schon viel mehr versteht. Uns ist es wichtig, dass sie mit Englisch die Weltsprache lernt, und so später eher eine Anstellung findet.“ Die 280 Euro monatlich für die Betreuung von 8 bis 18 Uhr sowie Frühstück und Mittagessen zahlen die Eltern gerne: „Das ist nicht viel mehr als in einer städtischen Kita, aber hier lernt sie eben noch eine neue Sprache.“

„That’s your cup“

Rhonda Nuber stellt eine kleine Tasse vor Lara, die mittlerweile am Frühstückstisch Platz genommen hat: „That’s your cup.“ Die nächste ist für Tassnim: „That’s your cup.“ Die Australierin erklärt, dass es wichtig sei, einzelne Wörter und kurze Sätze immer wieder zu sprechen. So falle es den Kindern leichter, sich zu einem bezeichneten Gegenstand oder einer Handlung die entsprechende Vokabel zu merken.

Zusammen mit zwei weiteren Muttersprachlern betreut die gelernte Erzieherin die „Ladybugs“-Englisch-Gruppe. Wiederholung im übertragenen Sinn prägt auch den Tagesablauf der „Marienkäfer“-Gruppe, der wie bei den „Tortues“ genau geplant ist. Um 8.45 Uhr beginnt der Morgen mit einem Singkreis in der jeweiligen Fremdsprache, gegen 9 Uhr frühstücken die „Ladybugs“ und „Tortues“ in ihren Gruppen. Bis zum Mittagessen um 11.30 Uhr ist Zeit zum Malen und Lesen, zum Basteln und Bauen. Im Anschluss schlafen die 20 Kinder, dann wird gespielt, bis die Eltern am Nachmittag zum Abholen kommen.

„Der Effekt verpufft“

Manche der Kinder, die „Le Jardin“ besuchen, lernen schon in der Familie eine zweite Sprache neben Deutsch. „Bei ihnen festigt die Kita den Wortschatz, außerdem erfahren die Kinder, dass sie die Sprache auch außerhalb ihres Zuhauses anwenden können“, sagt Petra Schulz, Sprachwissenschaftlerin an der Goethe-Universität. Das trifft zum Beispiel auf Geburtstagskind Younes zu, dessen Vater zu Hause Französisch mit ihm spricht. Andere Eltern, wie die von Lara, legen Wert darauf, ihr Kind schon früh nicht nur mit ihrer Muttersprache vertraut zu machen, sondern zudem mit Englisch dafür zu sorgen, dass das Kind später bessere Berufsaussichten hat.

Damit ist laut Schulz allerdings nur bedingt zu rechnen, da die Zeit in der Kita nicht langfristig wirke: „Der Effekt verpufft.“ Dennoch sei es richtig, die Kinder so früh wie möglich mit anderen Sprachen vertraut zu machen. Grundsätzlich, so Schulz, könnten Neugeborene beliebig viele Fremdsprachen erlernen: „Das Gehirn ist genetisch so ausgestattet, dass es dem Spracherwerb keine Grenzen setzt.“ Mit fortschreitendem Alter werde dies allerdings schwieriger.

„Die Kinder bestimmen schnell eine Lieblingssprache“

Sei die Sprachwissenschaft in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch davon ausgegangen, dass es möglich ist, eine Fremdsprache natürlich bis zum Ende der Pubertät zu erlernen, ist dies aus heutiger Sicht nicht mehr richtig. Um eine natürliche Aussprache zu erlernen, so Schulz, sei es ideal, noch vor dem dritten Lebensjahr mit dem Erlernen der Sprache zu beginnen. Möchte man, dass das Kind die Grammatik wie ein Muttersprachler beherrscht, sollte mit der bilingualen Erziehung vor dem vierten Lebensjahr begonnen worden sein. Einzig der Wortschatz sei ein Leben lang veränderbar.

Probleme wie Sprachverwirrung bringe eine bilinguale Erziehung nicht mit sich, sagt die Sprachwissenschaftlerin: „Die Kinder bestimmen schnell eine Lieblingssprache und können so genau zwischen beiden Sprachen unterscheiden.“ Ebenso falsch sei die Annahme, mit einer bilingualen Erziehung erreichten die Eltern eine ausgewogene Mehrsprachigkeit: „Die Kinder unterscheiden wiederum zwischen verschiedenen Wortfeldern, die sie dann lieber in der einen oder der anderen Sprache nutzen. Gleich gut sprechen sie beide erlernte Sprachen nie.

Das Röhren der Schleifmaschine durchbricht die Ruhe

In jüngerer Zeit, so die Sprachwissenschaftlerin, werde die bilinguale Erziehung immer beliebter. Die Krippe „Le Jardin“ in Bockenheim ist eine von mittlerweile 39 bilingualen Häusern in Frankfurt, neben Englisch und Französisch wird in den Frankfurter Kitas auch Russisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch, Türkisch, Arabisch und Griechisch gesprochen.

Das Röhren der Schleifmaschine durchbricht immer wieder die Ruhe, die Wege um das Gebäude sind noch nicht fertig gepflastert, auf dem Gelände der Kita „Jo-Jo“ riecht es nach frischer Farbe. Im Zentmarkweg in Rödelheim laufen die Arbeiten auf Hochtouren, denn Mitte Oktober soll hier die erste deutsch-chinesische Kita Hessens eröffnen.

Sie stellt sich die Einrichtung recht farbenfroh vor

Zou Stahr, die Leiterin, öffnet die Tür. Sie lebt seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Während ihrer Schwangerschaft vor vier Jahren kam ihr die Idee, zusammen mit einer Bekannten eine deutsch-chinesische Kita zu gründen. Aus der Theorie wurde rasch Praxis, im Oktober vergangenen Jahres erhielt Stahr die Baugenehmigung für das 520 Quadratmeter große Gebäude, Anfang dieses Jahres rückten die ersten Bagger an.

Nun steht die zierliche, 41 Jahre alte Pädagogin im Flur der Kita, zeigt auf ein leeres Regal, das bald eine Bibliothek sein soll, und erklärt, dass sie sich die Einrichtung der noch spärlich möblierten Räume farbenfroh vorstellt. Das Bad hingegen ist fertig, auf den Waschbecken in Hüfthöhe stehen kleine Zahnbürsten und Seifenspender, an der Wand hängen bunte Handtücher. Auch die Küche ist bereits für die Kinder gerichtet. Derzeit werden allerdings nur wenige der kleinen Teller, Tassen, Gabel und Messer benötigt. In den zwei vollständig eingerichteten Spielräumen toben erst fünf chinesische Kinder zwischen Legosteinen und Stofftieren.

„Spielend lernen“ lautet das Konzept der Kita

Geht es nach Stahr, sollen es bald mehr sein. Geplant ist, 30 Kinder auf zwei Gruppen aufzuteilen: Zehn Kinder unter drei Jahren und 20, die zwischen drei und sechs Jahre alt sind. Die Eingewöhnung für die Kinder hat bereits begonnen. Eltern, die Interesse haben, ihr Kind bilingual erziehen zu lassen, können sich schon jetzt ein Bild von der Kita machen und die Kinder stundenweise zur Betreuung geben.

Die Kosten für den Besuch der Kita entsprächen der städtischen Gebührenordnung, sagt Stahr. Demnach kostet eine ganztägige Betreuung für Kinder unter drei Jahren 198 Euro monatlich. Eltern, deren Kind zwischen drei und sechs Jahre alt ist, bezahlen je nach Einkommen zwischen 89 und 148 Euro im Monat. Zusätzlich zu diesem Betreuungsgeld fallen monatlich 85 Euro für Getränke, Mittagessen und kleine Zwischenmahlzeiten an. Dafür werden die Kinder von deutschen beziehungsweise chinesischen Muttersprachlern täglich von 7.30 Uhr bis 17Uhr betreut.

„Jojo“ bedeutet „kleines Reh“

Auf dem Programm steht eine Mischung aus chinesischer und deutscher Kultur: So sollen die Kinder einmal pro Woche die Kampfkunst „Kung Fu“ lernen, mit einer Heilpädagogin können sie lesen oder „Innenweltreisen“ unternehmen. Ob in der Kita eine zukünftige Elite herangezogen, für die internationale Karriere gerüstet wird? „Nein“, sagt Stahr bestimmt. Sie lege Wert darauf, dass jedes Kind, egal welcher Herkunft, willkommen sei und die Kinder ihren persönlichen Bedürfnissen entsprechend gefördert würden. „Spielend lernen“ laute das Konzept der Kita, die auf musikalische Früherziehung ebenso wie auf sportliche Betätigung setzt.

Eine Besonderheit hat die Krippe allerdings: Im Gegensatz zu Kitas, die nur eine fremde Sprache vermitteln, müssen die Kinder der Kita „Jo-Jo“ auch ein neues Schriftsystem erlernen. Einfache chinesische Wörter sollen sie durch Lieder und Gedichte vermittelt bekommen, erklärt Stahr. „Die Zeichen lernen die Kinder am besten, wenn sie sie immer wieder nachmalen, manche kann man sogar mit dem eigenen Körper nachstellen.“ Wie zum Beweis breitet sie die Arme aus und spreizt die Beine - ihr Körper ist nun das Zeichen liù - die Zahl sechs. Ein Wort, das die Kinder relativ schnell lernen dürften, ist der Name der Kita: „Jojo“ ist chinesisch und bedeutet „kleines Reh“.

Quelle: F.A.Z.
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