Kommentar

Kovac in der Bredouille

Von Marc Heinrich
 - 07:53

Für jemanden, der seinen Traumjob gefunden hat, gibt Niko Kovac eine ziemlich unglückliche Figur ab. Sein ungeschickter Umgang mit der Wahrheit und die kritikwürdige Kommunikationspolitik seines künftigen Arbeitgebers haben den Noch-Trainer der Eintracht in die Bredouille gebracht. Er ist angeschlagen. Seine Rhetorik, die üblicherweise zum Besten gehört, was die Liga zu bieten hat, wirkt derzeit nicht sonderlich überzeugend. Das, was ehedem analytisch und pointiert klang, hörte sich rund um das 1:4 in Leverkusen nach Durchhalteparolen an.

Verlernt hat Kovac sein Handwerk von heute auf morgen gewiss nicht, doch er ist abgelenkt. Der 46-Jährige hat gerade mehr, als ihm und der Eintracht lieb sein kann, mit sich selbst zu tun, um die Turbulenzen, die von seinem bevorstehenden Wechsel ausgelöst wurden, nicht noch größer werden zu lassen.

Frankfurter Fußballwelt aus den Fugen

Dem Team, das es in dieser Form nur gibt, weil viele der Spieler von Kovac und seiner Idee des Fußballs angelockt wurden, kann er so nur bedingt eine Hilfe sein. Und die ist eigentlich dringend nötig, um nicht all das aus den Händen gleiten zu lassen, was man sich in den Monaten zuvor gemeinsam aufgebaut hat. Seit Donnerstagabend, als aus München mit kühlem Blick auf eigene Interessen bewusst lanciert wurde, dass Kovac dem Werben des Meisters erlegen ist, sieht sich die Eintracht mit einer problematischen Sachlage konfrontiert: Kovac soll das Team an ein Ziel führen, das für ihn selbst nicht mehr die größte Anziehungskraft ausübt.

Die Frankfurter Fußballwelt ist auch deswegen derart aus den Fugen geraten, weil ausgerechnet der, der bis dahin mit glaubwürdigem Eifer alle Mann auf die gemeinsame Sache verpflichten konnte, sein eigenes Interesse in dieser heiklen Phase der Saison in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellte. Für den Klub kann das fatale Folgen haben.

Schweres Restprogramm

Einfach wird es nicht, die Unruhe so zu kanalisieren, dass das Geschehen auf dem Rasen wieder in den Mittelpunkt rückt. Zumal das schwere Restprogramm Pläne noch durchkreuzen kann. Rund um die Mannschaft gab es schon vor Kovacs Abschiedstournee genügend Baustellen. Die Mannschaft ist vom Maximum ihrer Schaffenskraft weit entfernt: Haller leidet unter Torschusspanik, Rebic ist verletzt, Hradecky wirkte schon wesentlich sicherer. Die Niederlage in Leverkusen war die fünfte auf fremdem Terrain in Folge. Da scheint sonderlich viel Optimismus vor dem Pokalhalbfinale am Mittwoch „auf“ Schalke nicht angebracht zu sein.

Dem Trainer ist es in der Vergangenheit gelungen, die Spieler in schweren Momenten starkzureden. Er kann nur hoffen, dass ihm dieses Kunststück auch in diesem Ausnahmezustand gelingt. Ein Herausrutschen aus den internationalen Plätzen wäre für alle Beteiligten verhängnisvoll. Es würde den bleibenden Eindruck Kovacs bei den Fans nachhaltig verschlechtern und seinen Kredit bei denen, die ihn in München schon jetzt als Notlösung bewerten, weiter verringern. Maximal sechs Spiele bleiben, um zu retten, was noch zu retten ist. In der Sprachregelung des Klubs war zuletzt davon die Rede, dass die Eintracht in diesem Frühjahr etwas erreichen will, woran man sich lange erinnert. Das kann klappen. Nur eben auch ganz anders als bis vor kurzem gedacht.

Quelle: F.A.Z.
Marc Heinrich
Sportredakteur.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenNiko KovacLeverkusen