Kommentar

Nicht abzuschätzen

Von Eberhard Schwarz
 - 23:23

Ob er es will oder nicht: Nach dem Ausgang der Bürgermeisterwahl in Langen vom Sonntag muss der parteilose Kandidat Jan Werner als Favorit für die Stichwahl am 16. Februar gelten. 11,8 Prozentpunkte hat er dem Amtsinhaber Frieder Gebhardt (SPD) voraus, der seit sechs Jahren Bürgermeister ist.

Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Amtsinhaber gleichsam automatisch mit seiner Wiederwahl rechnen konnte - Wiesbaden, Eschborn, Rodgau und Mühlheim legen jüngst davon Zeugnis ab. Gebhardt mag darauf hoffen, in der Stichwahl auch Stimmen von Wählern zu erhalten, die im ersten Durchgang andere Kandidaten unterstützten. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Stefan Löbig, der 16,2 Prozent oder 1880 Stimmen bekam und damit ausschied, deutete schon am Wahlabend an, dass er für die Stichwahl mit einer Wahlempfehlung der Grünen zugunsten von Gebhardt rechne.

Mehrere Streitpunkte

Nicht abzuschätzen ist allerdings, wie viele Löbig-Wähler einer solchen Empfehlung tatsächlich folgen würden. Schließlich gab und gibt es gleich mehrere Projekte, bei denen Gebhardt und die Grünen auf keinen gemeinsamen Nenner kommen: Dazu gehören der 2009 gescheiterte Verkauf der Langener Anteile an der Hessischen Flugplatz GmbH, die den Flugplatz Egelsbach betreibt, der geplante vierspurige Ausbau der Bundesstraße 486 zwischen Langen und der Autobahn A5 und die geplante Erweiterung des Kies- und Sandabbaus am Langener Waldsee, wofür Bannwald fallen müsste.

Doch nicht nur die Löbig-Wähler müssen sich neu orientieren, sondern auch diejenigen, die im ersten Durchgang dem Vorsitzenden der FWG-NEV, Heinz-Georg Sehring, ihre Stimme gaben. Sehring, der 9,3 Prozent oder 1077 Stimmen erhielt, wies am Wahlabend darauf hin, inhaltlich habe Werner ähnliche Aussagen wie er gemacht.

In zehn von 13 Wahlbezirken vorne

Vor sechs Jahren hatte Werner, damals noch CDU-Mitglied, schon einmal versucht, Langener Bürgermeister zu werden. Damals konkurrierten gleich drei Kandidaten um die Stimmen aus dem bürgerlichen Lager. Am Ende lag Gebhardt vorne. Diesmal verzichtete die CDU auf einen eigenen Kandidaten. Auch darauf dürfte zurückzuführen sein, dass sich der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Werner, der als Professor für Volkswirtschaft an einer privaten Fachhochschule in Iserlohn tätig ist, aus dem Stand auf die „Pole-Position“ katapultierte.

Am Sonntag lag Werner in zehn der 13 Wahlbezirke und in den drei Briefwahlbezirken zum Teil mit mehr als 20 Prozentpunkten Abstand vorn. Gebhardt setzte sich nur in zwei Wahlbezirken durch; in einem Wahlbezirk gab es Gleichstand. Ein Start-Ziel-Sieg des Herausforderers Werner oder eine erfolgreiche Aufholjagd des Amtsinhabers Gebhardt: Für Spannung ist bei der Stichwahl gesorgt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schwarz, Eberhard (es.)
Eberhard Schwarz
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für die Stadt und den Kreis Offenbach.
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