Kommentar

Vernunft und Traum

Von Michael Hierholzer
 - 17:17

Die Schocksumme von 900 Millionen Euro für die Sanierung oder aber für Abriss und Neubau der Theaterdoppelanlage treibt viele um, die es billiger haben möchten. Nun liegt eine Stellungnahme des früheren Baudezernenten Hans-Erhard Haverkampf vor, der eine Erneuerung der Städtischen Bühnen für gerade einmal 130 Millionen Euro für möglich hält. Und vehement der mittlerweile fast schon zum städtischen Allgemeingut gewordenen Auffassung widerspricht, das Gebäude sei in einem derart schlechten Zustand, dass dringender und umfassender Handlungsbedarf bestehe.

Setzrisse habe es schon früher gegeben, sagt er etwa, sie hätten sich aber seit den sechziger Jahren nicht verändert. Ein paar Dinge müssten repariert werden. Doch es bestehe kein Bedarf für die ganz große Lösung.

Es gibt keine Vermittlungsmöglichkeiten

Das sehen manche anders. Auf der entgegengesetzten Seite des Meinungspektrums spekulieren sie über ein architektonisches Glanzstück, das der Elbphilharmonie ebenbürtig ist, wenn es sie nicht sogar in den Schatten stellt. Sie glauben daher auch gern an die in der Machbarkeitsstudie erörterte und mit vielen Beispielen belegte These vom maroden baulichen Zustand der Frankfurter Theater. Schließlich scheint das ein zwingendes Argument dafür zu sein, einen Neuanfang zu wagen. Mag er auch hohe Kosten nach sich ziehen.

Wenn Bauherren immer die ökonomische Vernunft hätten walten lassen, gäbe es heute viele Sehenswürdigkeiten, Touristenanziehungspunkte und öffentliche Innenräume weniger. Gegen die bayrische Staatsregierung setzte Ludwig II. den Bau von Schlössern durch, ohne deren bekanntestes, Neuschwanstein, die Fremdenverkehrswerbung für Deutschland nicht denkbar wäre. Und das, obwohl die Königsschlösser ein Produkt des Größenwahns sind.

Davon ist auch Frankfurt nicht frei. Die Devise, dass alles möglich sei, haben hier nicht nur Investmentbanker verinnerlicht. Aber die Stadt gefällt sich ebenso oft in Zerknirschung und Kleinmut. Eine spezifische Mischung, die auch die weitere Diskussion um die Zukunft der Städtischen Bühnen unterfüttern dürfte.

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Zwischen dem Wunsch, die Kosten radikal zu reduzieren, und dem Traum von einer grandios gebauten Kultur für das 21. Jahrhundert gibt es keine Vermittlungsmöglichkeiten. Entweder – oder. Wenn Haverkampf recht hat, wird er viele Unterstützer finden. Aber die Politik wird erst einmal weitere Gutachter zu Rate ziehen müssen, um sich ein abschließendes Bild zu machen. Eines jedoch ist gewiss: Niemanden wird es zufriedenstellen, wenn die Stadt viel Geld in die Hand nimmt, nur um das Bestehende zu erhalten.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hierholzer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hierholzer
Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.
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