Frankfurter Planungspolitik

Kleiner Stadtteil, wichtiges Signal

Von Matthias Alexander
 - 18:28

Wenn nicht alles täuscht, dann markiert das vergangene Wochenende einen Epochenwechsel in der Frankfurter Planungspolitik. Darauf deutet die Entscheidung im Ideenwettbewerb um das Innovationsquartier im Nordend hin. Die Jury hat sich für den Entwurf entschieden, der sich am stärksten an den klassischen Städtebau des 19. Jahrhunderts anlehnt. Die Sieger setzen auf eine hochverdichtete Bebauung mit einem zentralen Platz und spannungsreichen Straßenräumen. Zu den Grünflächen der Umgebung, die wegen der hohen Verdichtung größer ausfallen, wird eine klare Kante gezogen.

Keine Chance dagegen hatten Entwürfe, die auf eine starke Durchdringung von Bebauung und Grün setzten. Zum Glück. Oft genug lassen sich nicht nur Politiker und Bürger, sondern auch Fachleute von Wortgeklingel wie „Grüne Urbanität“ oder „Gartenstadt“ beeindrucken. Doch was auf den Plänen der Architekten so freundlich und organisch aussieht, führt in der Realität zu konturlosen Vorstadtsiedlungen ohne Zentrum. Wo lauter Zwischenräume entstehen, von denen nicht klar ist, ob sie privat oder öffentlich sind, kann kein urbanes Leben entstehen.

Die Wettbewerbsentscheidung ist offenbar vom neuen Planungsdezernenten Mike Josef maßgeblich beeinflusst worden. Auch seine sonstigen Absichten für das Innovationsquartier stimmen optimistisch. Der Sozialdemokrat will die einzelnen Blöcke nicht an Großinvestoren vergeben, sondern kleinteilig parzellieren.

Noch längst keine Retroarchitektur

Der Lohn dafür wird ein doppelter sein, nämlich abwechslungsreiche Gestaltung und eine vielfältige Bauherrenschaft. Wenn es Josef jetzt noch gelingt, das Joch des Passivhausstandards abzuschütteln, dann könnte sogar ansprechende Architektur bei niedrigeren Baupreisen herauskommen. Es wäre schön, wenn man endlich wegkäme von den tristen Kisten und die Schönheit plastischer Fassaden wiederentdeckte. Es muss deshalb noch längst keine Retroarchitektur entstehen.

Hoffentlich wird Josef seine Prinzipien in weiteren Neubaugebieten zur Geltung bringen, vor allem im geplanten Riesenstadtteil beidseits der A5, der aufgrund seiner problematischen Lage besonderer Sorgfalt bedarf. In weiten Teilen des Riedbergs, des Europaviertels, des Rebstocks und anderer Großprojekte der vergangenen Jahrzehnte lassen sich die Defizite beobachten, zu denen schematische Vorstellungen von Stadt führen, die ohne Liebe zum Detail exekutiert werden.

Es besser zu machen kostet kein Geld, es braucht nur städtebauliches Grundlagenwissen, Phantasie und Überzeugungskraft. Wenn dann seitens der Politik noch die Konfliktbereitschaft hinzukommt, Investoren zu Qualität zu zwingen, dann können Neubaugebiete entstehen, deren Attraktivität nicht hinter jener der allgemein begehrten Gründerzeitviertel zurückbleibt. Nie waren die Voraussetzungen dafür so günstig wie in der aktuellen Marktlage.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Alexander - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Alexander
Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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