Kommune 2010 in Offenbach

Zwischen Wohnzimmer und Asphaltwüste

Von Elena Witzeck
© Helmut Fricke, F.A.Z.

Wer bei der Kommune 2010 anklopft und eine Bitte äußert, bekommt Hilfe. Zwar nicht immer schnell, denn auf dem alten Offenbacher Fabrikgelände spielt Zeit keine besondere Rolle. Aber es ist immer jemand da, der sich um Gäste und Neue kümmert, durch Hintertüren in das Labyrinth von Gängen, Proberäumen und Hallen führt, Kaffee macht, erzählt. Zum Beispiel der Produzent mit dem weißen Bademantel, der sich Soul nennt und ein Tonstudio auf dem Gelände hat. Oder Daniel, der wie der Bassist einer Metallband aussieht, aber Instrumentenständer baut. Eine Kommune eben. Der Rapper Haftbefehl habe sich bei seinem letzten Besuch gut aufgehoben gefühlt, sagen die Mitglieder. Höflicher Mann, und sehr professionell.

Aber in diesem Frühjahr ist Johannes Persson, Gründer und Organisator der Kommune, nicht gut drauf, deshalb geht es nicht ganz so entspannt zu wie sonst. Es ist Montagnachmittag, auf dem Gelände an der Sprendlinger Landstraße, wo vor acht Jahren noch Fördersysteme für Automobilzulieferer hergestellt wurden, ist nicht viel los. Persson läuft mit weiten Schritten ins Studio, vorbei an einem Schlagzeuger, der sich um die Tonaufnahmen kümmert, und lässt sich in der „Chill-out-Lounge“, einem fensterlosen Raum über dem Tonstudio, auf eines der vielen Sofas fallen. „Überall legen sie einem Steine in den Weg“, schimpft er. Es ist wegen der Konzerte.

Künstlerateliers, Konzerte und Festivals

Vor sieben Jahren hat Persson einen Teil der leerstehenden Gebäude gemietet. Damals war die Firma Fredenhagen insolvent, und das Gelände mit den Backsteinhallen und den vielen kleinen Räumen stand auf einmal leer. Persson war eigentlich nur auf der Suche nach einem Proberaum für seine Band, aber dann wurde der Veranstaltungskaufmann Pächter des Grundstücks, das von der Straße bis zum Wald reicht. Seitdem proben Bands auf dem Fabrikgelände, es gibt Künstlerateliers, Konzerte und Festivals, und seitdem gibt es auch die Kommune.

Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Seit 2010 hat sich viel verändert. Persson hat Wasserleitungen verlegt, Wände eingerissen, Rasen gesät. Ein Wohnzimmer wurde im Laufe der Zeit zum Proberaum umfunktioniert, um mehr Platz für Bands zu schaffen. „Gefühlt 20 Umzüge“ waren das laut Persson. Planungssicherheit gab es keine, zeitweise war von Plänen die Rede, das nur zur Zwischennutzung verpachtete Grundstück solle verkauft werden. Obwohl sich die Kommune zunehmend als Ort für Konzerte und Kreative etablierte, blieb die Unterstützung der Stadt aus.

Wie es dennoch funktioniert? Persson zuckt mit den Achseln. „Solange wir genug Geld für die Miete zusammen bringen, kann es hoffentlich so weitergehen.“ Der 150 bis 200 Euro hohe Monatsbeitrag der Musiker reicht dafür nicht aus. Mit Partys und der Vermietung der Räume für Feiern und Videodrehs verdient die Kommune dazu. Aber dann sollte Persson noch 80 000 Euro für den Brandschutz aufbringen. Völlig unmöglich. Doch es scheint einen Kompromiss gegeben zu haben. 50 Bands proben aktuell auf dem Gelände, zwischen 16 und 60 Jahre alt sind die Mieter. „Ich kann froh sein, dass alle brav ihre Miete zahlen“, sagt Persson. Und dass es immer genug Nachfrage nach Räumen gebe und alle mithülfen.

Wenn Johannes Persson mit Basecap und einem ausgeleierten T-Shirt in seiner Chill-out-Lounge sitzt, sieht er nicht aus wie einer, der jede Woche 500 Leute auf dem Gelände koordiniert. Aber diejenigen, die sich nach großen Open-Air-Konzerten in Offenbach gesehnt haben, bei denen hin und wieder auch jemand wie der Rapper Haftbefehl auftritt, hat er überzeugt. Zu den Festivals kommen junge Leute auch aus Darmstadt, Mainz und Wiesbaden. Die Stilrichtungen sind massentauglich: Beim „All Area“-Festival gibt es Straßenrap, bei „Rock in den Mai“ natürlich Rock, und zum „Kuddelmuddel“-Festival kommen Techno-Fans. Offiziell sind nicht mehr als 500 Besucher auf dem Gelände erlaubt. Wie viele tatsächlich kommen, ist auf Youtube zu sehen: Hüpfburgen, Wasserschlachten, ein wogender Innenhof. Sehr friedlich sieht das aus, aber laut kann es natürlich werden, und das ist das Problem.

Momentan endet jede Veranstaltung der Kommune um 22 Uhr, so will es die Stadt. Wer schon einmal auf einem Festival war, weiß, dass das nicht gerade der ideale Zeitpunkt zum Aufhören ist. Aber Persson sagt, er halte sich daran, obwohl es nicht viel Nachbarschaft gebe, das Gelände liege am Rand der Stadt. Dennoch nimmt das Ordnungsamt immer wieder Beschwerden aus der Nachbarschaft entgegen. „Das sind die Kleingärtner“, knurrt Persson. „Die wissen nicht, wie sich Bässe anhören.“ Er habe nachgefragt, wer sich gestört fühle, und Gespräche angeboten. Dazu sei es nie gekommen.

2016 wurden der Kommune zehn Veranstaltungen genehmigt. In diesem Jahr werden es voraussichtlich fünf, offiziell angemeldet ist erst eine. Für Persson kommen die Genehmigungen oft so spät, dass ihm der Gedanke an die Verluste bei einer Absage schlaflose Nächte bereitet. Die Mitarbeiter im Ordnungsamt argumentieren, dass jede Großveranstaltung wegen der lauten Bässe unter freiem Himmel als Technoveranstaltung gelte. Noch in einem Kilometer Entfernung seien nur Bässe zu hören. Sogar die Kassiererinnen im nahe gelegenen Supermarkt hätten sich beschwert. Das Ordnungsamt hat Richtlinien vorliegen, wie viele dieser Veranstaltungen jedes Jahr genehmigt werden, und sie sind gerade wieder strenger geworden. „Es gab keine Chance, den Lärm auf ein erträgliches Maß zu bringen“, sagt Amtsleiter Peter Weigand.

In den vergangenen drei Jahren ist die Kommune noch einmal deutlich gewachsen. In einer der großen Hallen sollen demnächst Schreiner und Bildhauer einen Platz finden. Lärm, der zu Beschwerden führt, ist von ihnen zumindest nicht zu erwarten. Momentan steht dort noch alles kreuz und quer: Alte Snowboards, die zu Sitzbänken werden sollten und vergessen wurden, lehnen an der Wand, Holzbretter und Werkzeuge liegen auf dem Boden verteilt, wo demnächst einzelne Parzellen für die Handwerker entstehen sollen. Nebenan, in einem hohen Raum, der an die Halle grenzt, hat Daniel Buchalik seit vier Jahren seine Werkstatt. Er baut Instrumentenständer, aber das Geschäft läuft gerade erst an, also ist er froh über die günstige Miete, wie er sagt. Eine Galerie für den Raum hat er selbst gebaut. Jetzt wartet er darauf, dass die Schreiner kommen. „Da kann man sicher noch was lernen“, sagt Buchalik.

Darum geht es in der Kommune: Einer gibt dem anderen weiter, was er weiß. Die Mitglieder lernen voneinander. Und die jungen Bands, für die es schwierig ist, kleine Konzerte zu organisieren, um sich zu erproben, haben in der Kommune die Möglichkeit. „Es gibt genug Jugendliche, die nur herumhängen und zu viel kiffen“, sagt Persson. Es komme darauf an, sie zu motivieren. Es ärgert ihn, dass das Amt für Kultur- und Sportmanagement der Stadt nicht auf sein Angebot hinweist. Aus dem Kulturamt heißt es, Persson habe sich nicht an die Mitarbeiter gewandt und auch keine Fördermittel beantragt. „Alles, was nicht direkt Geld einbringt, wird nicht unterstützt“, kritisiert Persson. „Da fehlt der Mut.“

Als er später hinaus in den Hof tritt, wird der Rasen gesprengt. Nach der nächsten Veranstaltung wird er wieder völlig zertrampelt sein. Gegenüber liegt Sand, zwei Mitglieder der Kommune sitzen auf den Holzbänken der Strandbühne. Ein Schild weist in Richtung „Wohnzimmer“, ein anderes zur „Asphaltwüste“. Persson will es noch zehn oder 20 Jahre lang machen. Dann möchte er die Kommune jemandem vererben. Am besten als privates Kulturzentrum. Mit der Stadt hat er keine Pläne gemacht.

Quelle: F.A.Z.
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