Kommentar

Kreatives Konfliktpotential

Von Werner D’Inka
 - 17:49

Roland Kochs politische Ansichten für falsch zu halten ist möglich. Sein Handeln als Ministerpräsident zu kritisieren ist vom Grundgesetz gedeckt. Er selbst wäre der Letzte, der das anders sähe. Zu bestreiten, dass er zu den prägenden Figuren der hessischen Politik zählt und Verdienste um das Land hat, das hat allerdings etwas Kindisches. Koch hat die Wilhelm-Leuschner-Medaille verdient.

Etwas anderes ist es zu fragen, ob Politiker Politikern Auszeichnungen zuerkennen sollten. Wer denn sonst, könnte die Gegenfrage lauten. Politiker genießen – zu Unrecht – kein hohes Ansehen. Also müssten sie einander auszeichnen, sonst tue es ja niemand. Müssen sie wirklich? Wer in die Politik geht, setzt sich von Berufs wegen für die Ziele ein, denen die Leuschner-Medaille gilt: für die demokratische Gesellschaft und ihre Institutionen. Politiker tun also, wie andere auch, nur ihre Arbeit. Warum sollten sie dafür ausgezeichnet werden? Lehrer bekommen schließlich auch keine Medaille.

Bouffier entscheidet allein über die Vergabe des Preises

Andererseits spricht viel dafür, besondere Verdienste besonders zu würdigen. Dass Vertreter bestimmter Berufsgruppen ihresgleichen auf den Schild heben, kommt dabei nicht nur in der Politik vor, sondern auch in anderen Erwerbszweigen. Handwerker verleihen Handwerkern Ehrennadeln, Schriftsteller zeichnen Schriftsteller aus und Journalisten vergeben Journalistenpreise.

Kritik entzündet sich daran, dass der hessische Ministerpräsident allein über die Vergabe der Leuschner-Medaille entscheiden kann. Das hat allerdings nicht Volker Bouffier (CDU) eingeführt, sondern Georg August Zinn (SPD), und alle bisherigen Ministerpräsidenten haben es so gehalten. Dem Ansehen des Preises hat es nicht geschadet. Jurys und Kuratorien, besetzt von fraglos klugen Leuten, geben gelegentlich der Neigung nach, sich vor einer Entscheidung so vorsichtig nach allen Seiten umzusehen, dass am Ende immer nur ausgezeichnet wird, wer dem jeweiligen Zeitgeist am stromlinienförmigsten entspricht, derzeit wahrscheinlich ein alleinerziehender evangelischer Pfarrer mit Migrationsgeschichte.

Kann man machen, ist aber langweilig. Koch sagte in seiner Dankesrede, er glaube an „das kreative Potential des Konflikts“. Darauf müssten sich doch eigentlich alle verständigen können.

Quelle: F.A.Z.
Werner D'Inka - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Werner D’Inka
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