Staatstheater Wiesbaden

Siggi Freud muss ins Exil

Von Matthias Bischoff
 - 18:11

Zwei entzückende alte Damen morden alleinstehende Herren. Die Leichen bestatten sie ordentlich im Keller, streng nach jeweiliger Konfession. Dabei hilft ihnen ihr geistig verwirrter Neffe, der sich für alles Mögliche hält, nicht aber für den Helfershelfer zweier Serienkillerinnen. Ganz in der Familientradition lebt auch ein weiterer Neffe, der nach vielen Morden sein Leben hinter Gittern verbringt, aber leider flüchtet. Der dritte Neffe ist Theaterkritiker, wandelt auf Freiersfüßen und muss in einer langen grausamen Nacht erkennen, in was für einem Haus er da lebt.

Seltsam genug, dass eine Krimikomödie solch simplen Zuschnitts seit ihrer Uraufführung 1941 zu den erfolgreichsten Theaterstücken zählt. Auch auf deutschen Bühnen ist Joseph Kesselrings „Arsen und Spitzenhäubchen“ einer der treffsichersten Pfeile im Köcher, wenn es um hohe Platzauslastung und zufriedene Abonnenten geht. So nun auch in Wiesbaden, wo Ulrike Arnolds im Kleinen Haus des Staatstheaters einen sorglosen Spaß für fast die ganze Familie inszeniert hat.

Trotz Voraussehbarkeit der Gags

Ganz nebenbei zeigt ihre Bearbeitung, weshalb das Stück trotz aller Voraussehbarkeit der Gags noch immer so gut funktioniert. Denn es bietet genügend Freiräume, um eigene Einfälle der Regie und der Darsteller einzubauen, genügend Schnittstellen, um von der grundsätzlich festgelegten Handlung in fröhlichen Exkursen abzuweichen. So heißt etwa der durchgeknallte Neffe Teddy Brewster hier nun Siggi, und er hält sich auch nicht für den amerikanischen Präsidenten Roosevelt, sondern für den Seelenforscher Freud.

Dieser hübsche Grundeinfall wird nun konsequent spaßbringend durchdekliniert. Siggi (Michael Birnbaum) geht nicht in den Leichenkeller, er geht „ins Unterbewusstsein“. Sein Studierzimmer unterm Dach nennt er „Über-Ich“, und wenn ihm etwas im Treiben seines Bruders und der Tanten merkwürdig vorkommt, doziert er treffend: „Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus.“ Am Ende willigt er in seine Verlegung in ein Heim ein: Er glaubt, er begebe sich ins Exil nach London. Die Tanten kommen natürlich mit, das segensreiche Wirken ihres Holunderweins wird dort fortgesetzt.

Köstliches Kabinettstückchen

Als der Theaterkritiker Mortimer (Janning Kahnert) gefesselt und geknebelt zum Zuhören verdammt ist, kümmert sich der Polizist Klein (Maximilian Pulst) nicht etwa um den Täter Jonathan Brewster (Uwe Kraus), sondern nutzt die Gelegenheit, sein selbstgeschriebenes Bühnenstück im Schnelldurchlauf vorzuführen. Unterlegt mit schmissiger Musik wird daraus ein köstliches Kabinettstückchen, eine furiose Theater-im-Theater-Kadenz, die wiederum auch so etwas wie die durchgeknallte Dramaturgie des ganzen Stücks enthält: Jede noch so durchgeknallte Idee ist erlaubt, solange das Publikum lacht.

Vielleicht erklärt dies auch den dauerhaften Erfolg. Befreit von der Forderung nach Bedeutung und Tiefsinn, lassen alle ihrer Kreativität und ihrer Spiellust freien Lauf. Das gilt natürlich zuallererst für Monika Kroll und Evelyn M. Faber, die Abby und Martha Brewster köstlich tüdelig spielen, warmherzig eiskalt und frei von jeder Moral.

Und nicht zuletzt für Reiner Kühn, der seinen Charakterkopf wandelbar und doch immer gleich wirkungsvoll in diversen Nebenrollen einsetzt. Turbulent dargebotener Blödsinn, Slapstick ohne tiefere Bedeutung, professionell enthemmte Schauspieler und kreatives Regiehandwerk machen „Arsen und Spitzenhäubchen“ zur sicheren Nummer für ein volles Haus.

Quelle: F.A.Z.
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