Kunsthalle Darmstadt

Gesichter und Ruinen

Von Christoph Schütte
 - 08:41

Lourdes. Das Oktoberfest. Der Eiffelturm, die Fifth Avenue und das Brandenburger Tor. Havanna, der Bosporus und die Kasseler Documenta. 33 Städte, Denkmäler und markante Orte in aller Welt hat Hans-Jürgen Raabe, der 1952 geborene, im Kunstkontext erst mit dieser Serie bekanntgewordene Fotograf für „990 Faces“ ausgewählt. An jedem dieser Orte, so sieht es sein Konzept vor, sollen im Laufe der Jahre genau 30 Aufnahmen entstehen.

Bilder von Menschen. Gesichter, um genauer zu sein, steinalt, blutjung, von Frauen und Männern, Touristen und Bauern, Mönchen und Geschäftsleuten, Flüchtlingen, Einheimischen und Obdachlosen. Friedlich nebeneinander, Bild für Bild. Raabe, dessen „990 Faces“ in dieser Breite nun erstmals in der Kunsthalle Darmstadt zu sehen sind, verweigert jede Inszenierung. Konzeptuell erinnert das vage an berühmte Vorbilder wie August Sanders „Menschen des 20. Jahrhunderts“ oder die epochemachende, 1955 in New York eröffnete Ausstellung „The Family of Man“. Und in der Tat scheint Raabes Anliegen zunächst vor allem ein humanes. Das mag man engagiert nennen, kitschverdächtig oder eine ins Bild gesetzte Utopie.

Präsentation ist nicht konsequent

Als Ausstellung überzeugt „990 Faces“ dabei nur bedingt. Weniger, weil es sich um ein „Work in progress“ handelt, das längst nicht abgeschlossen ist oder man über die Abgebildeten kaum etwas erfährt und sich vor den Gesichtern seine eigenen Geschichten erzählen muss. Dass man mit der Schau nicht recht glücklich wird, hat eher einen anderen Grund.

Die Präsentation ist schlicht nicht konsequent. Während die bislang realisierten 540 Porträts im großen Saal der Kunsthalle in Endlosschleife über Bildschirme laufen, ohne dass zu sagen wäre, wo sie aufgenommen wurden, rückt die Ordnung in den Gartensälen den Entstehungsort absichtsvoll in den Fokus. Mal sind lediglich neun, mal ein Dutzend und mal sogar 18 der jeweils 30 Aufnahmen zu sehen. Zudem haben Raabe und Kunsthallendirektor León Krempel sich hier für ein durchaus stattliches, dort für ein mittleres und etwas weiter gar für ein kaum postkartengroßes Format entschieden.

„Veduta 4“ präzise inszeniert

Dagegen ist Ulrich Horndashs die gesamte, durch die Glasfront einsehbare Schauseite der Kunsthalle einnehmende Installation „Veduta 4“ außerordentlich präzise inszeniert. Und an einem anderen Ort in dieser Form kaum denkbar. Zwar hat der Münchener Künstler frühere Versionen der Arbeit in München und Edinburgh gezeigt. „Veduta 4“ aber lebt von der Auseinandersetzung mit dem Kontext. Horndash nimmt in der Arbeit, die er eine „Ruinenphantasie“ nennt, das Raster der Fassade des Gebäudes auf, um es auf der Wand in malerischen Farbflächen zu spiegeln.

Vor allem aber verweisen seine nach Pressefotos entstandenen Siebdrucke in sich zusammenfallender Gebäude und Straßenzüge auf die Ruinen der im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs untergegangenen Stadt Darmstadt und das mutwillige Entsorgen der Architektur der Moderne. Womit der Künstler das 1957 auf den Ruinen eines Vorgängerbaus errichtete und erst unlängst aufwendig sanierte Ausstellungsgebäude selbst in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt.

Dabei, sagt Horndash, sei er mehr an der Schönheit der Zerstörung interessiert als am Denkmalschutz. Was wohl auch den Titel der Arbeit erklärt, der kaum zufällig auf das 18. Jahrhundert und insbesondere die „Vedute di Roma“ Piranesis verweist. Allein, romantisch mag man diese installativ verdichteten Ansichten vom Verschwinden einer ganzen Epoche dann doch nicht nennen, bleiben doch von der Moderne nicht einmal Ruinen. Und aus den Fundamenten einer Architektur, die einmal ein Versprechen war, wachsen bald schon allenthalben Lochfassaden in den bleichen Himmel.

Die Ausstellungen in der Kunsthalle Darmstadt, Steubenplatz 1, sind bis zum 8. Juli zu sehen und dienstags bis freitags von jeweils 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr sowie am Wochenende und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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