Bad Vilbeler Festspiele

Er ist unter uns

Von Claudia Schülke
 - 09:44

Der Firnis unserer Zivilisiertheit ist dünn. Darunter lauert „der Gott des Gemetzels“. So hat die französische Bestsellerautorin Yasmina Reza 2006 eines ihrer Theaterstücke genannt. 2011 von Roman Polanski verfilmt, wurde es, wie zuvor „Kunst“ und „Dreimal Leben“ zu einem großen Bühnenerfolg. Renommierte Regisseure rissen sich um das kleine Schauspiel für vier Personen, die um Anstand und Fassung ringen. Jetzt hat der Wiesbadener Schauspieler und Regisseur Ulrich Cyran den Text im kühlen Theaterkeller der Bad Vilbeler Wasserburg inszeniert: ein köstliches Hors d’OEuvre vor den anstehenden vier großen Freilicht-Premieren in der Burg.

Und ein Wiedersehen mit Susanne Buchenberger, die aus ihrer Zeit am Frankfurter Schauspiel noch in bester Erinnerung ist. Sie ist es, die ihre Figur zuerst aus der Haut fahren lässt. Die kunstbeflissene Veronique, Kämpferin für Menschenrechte vor allem in Afrika, ringt von Anfang an um Fassung. Gemeinsam mit ihrem Mann Michel (Mathias Kopetzki) empfängt sie Annette (Marianne Thies) und Alain (Harald Schwaiger), die Eltern eines Rüpels namens Ferdinand, der ihrem Sohn Bruno einen Zahn ausgeschlagen hat. Allerdings war Bruno auch nicht ganz unschuldig: Er hatte Ferdinand zuvor eine „Petze“ genannt. Nun versuchen die Eltern der beiden, sich zivilisiert zu einigen.

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Das ist gar nicht so einfach, wenn ein renommierter Anwalt wie Alain dauernd ausschert, sobald sein iPhone klingelt. Oder die hypernervöse Annette auf den Kokoschka in Veroniques kostbarem Katalog kotzt. Die Viererbande, kunstvoll arrangiert zwischen stilisierten Sitzgelegenheiten von Bühnenbildnerin Dorothea Mines, steigert sich in einen erst verbalen, dann sogar handgreiflichen Kleinkrieg hinein. Auch die Ehen der beiden Paare stehen unter Hochspannung. Veronique prügelt auf Michel ein, Annette nennt ihn einen Mörder, weil er den Goldhamster seiner Tochter auf der Straße ausgesetzt hat, dann ertränkt sie das Handy ihres Mannes und zerfetzt zuletzt die weißen Tulpen der Gastgeberin.

All das hat der Regisseur auf dem exquisiten Mittelstandsniveau seiner Figuren ausbalanciert, ohne je ins Klamottenfach abzugleiten. Jede Figur verfällt hier ins Gegenteil ihres Selbstanspruchs. Ausgerechnet der vornehme Alain zeigt gesunden Menschenverstand, wenn er die Prügeleien unter Jungen nicht so schwer nimmt. Ausgerechnet die fragile Annette wird nach ihrer hysterischen Erbrechensorgie aggressiv, die um Anstand bemühte Veronique entpuppt sich als primitive Schlägerin, und Michel, der sich am längsten im Griff hat, rastet irgendwann so aus, dass man als Zuschauer geradezu Angst bekommt. Der Gott des Gemetzels ist nicht nur mit der Machete in der Wildnis unterwegs, wie der Weltbürger Alain weiß. Er ist unter uns.

Nächste Vorstellungen am 29. und 30. Juni um 23 Uhr sowie am 1. Juli um 15 und 21 Uhr. Weitere Ende Juli und im August.

Quelle: F.A.Z.
Claudia Schülke
Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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