Neue CD von Badesalz

Handkäse-Smoothie und Porno in Biblis

 - 12:05

Wenn ein Regisseur einen ambitionierten Porno in einem stillgelegten Atomkraftwerk drehen will und sich eine Darmstädter Stammtischrunde unter dem Deckmantel der Toleranz für die Einführung islamischer Kleidervorschriften stark macht, ist Badesalz nicht weit. Das bekannteste hessische Comedy-Duo hat nach 14 Jahren erstmals wieder eine neue CD aufgenommen. Und die hat es in sich.

Henni Nachtsheim und Gerd Knebel nehmen auf „Mailbox Terror“ mit viel Wortwitz und Gespür für Absurdes den Alltag aufs Korn. Etwa den Hype um Smoothies. Die gibt es nicht nur als Fitnessdrink, sondern in ihrer hessischen Variante auch mit Handkäse, Frikadelle, grüne Soße, Pils und Sambuca - was jedoch fürchterliche Folgen hat. Mitunter derb, oft blödelnd, manchmal auch mit feinem Hintersinn halten die beiden Vollblut-Hessen dem Zeitgeschehen den Spiegel vor und entdecken dabei allerlei Skurriles.

Der rote Faden, der sich durch die neue CD zieht, sind nervende, aufdringliche, mitunter auch unbeabsichtigte Anrufe auf der Mailbox der beiden. So will Regisseur „Pozzi“ Nachtsheim als Darsteller für den Pornostreifen „Der Sex-Reaktor des Dr. Plutonium“ anheuern, der im abgeschalteten Akw Biblis spielen soll - an der Seite von Szenegrößen wie Petra Pussy, Conny Kondom und Hulk Hoden. Oder es meldet sich ein „alter Bekannter“ vom Darmstädter Heinerfest, der ein Benefizkonzert für den vom Aussterben bedrohten Gualamappa-Käfer veranstalten und das Duo zu einem Auftritt überreden will.

Viel Erlebtes hinter dem Konzept

Hinter dem Konzept steckt viel selbst Erlebtes, wie Nachtsheim der Deutschen Presse-Agentur verriet: „Absurde Anfragen haben wir jede Menge erlebt. Beispielsweise Anrufe wie „Guude Henni, hier ist der Dieter aus Butzbach, ruf mich mal zurück, wir haben damals ein Hähnchen zusammen gegessen.“ Und dann kommt eine Pause und er fügt hinzu: 1976.„ Oder Leute, die uns ganz schlechte Sketch-Ideen vorschlagen. Natürlich ist das jetzt auf der CD zugespitzt. Wir dachten uns, das ist eine schöne Idee und jetzt trauen wir uns, eine neue CD aufzunehmen.“

Badesalz-Fans begegnen auf „Mailbox Terror“ auch vertrauten Figuren aus früheren Alben wieder, etwa Ritchie, Headbanger und Anita - und nun auch deren Sohn Kevin. Der 42 Jahre alte Elektroingenieur taucht wie die Familie Headbanger ebenfalls in abgewandelter Form auf - in einem Sketch mit dem vor allem aus der „Bullyparade“ bekannten Comedian Rick Kavanian. Musikalische Hilfe gibt es von zwei namhaften Sängern: Max Mutzke und Andreas Kümmert. Beide scheuen nicht davor zurück, eine von Knebel verfasste und absichtlich grottige Hymne auf Handkäse, Äppler und Grie Soß zu vertonen.

Ein Klick auf die Mailbox oder einfach nur der Gang in die Kneipe um die Ecke: Stoff finden die zwei Comedy-Veteranen reichlich. Sie schauen den Leuten aufs Maul, spitzen zu und entlarven dabei auch geheime Sehnsüchte braver Bürger. Wie beim Sketch „Die Vorteile toleranten Denkens“, der an einem Stammtisch spielt. „Der Islam gehört zu Darmstadt“, ereifert sich einer der Stammtischbrüder. „Was die immer gegen die Burka haben? Die haben doch einen Schuss!“, stimmt ein anderer bei.

Badesalz ist kein Polit-Kabarett

Und der Runde fällt schnell eine ganze Menge Vorteile ein, die strenge muslimische Kleidungsvorschriften für sie hätten: unansehnliche Frauen auf der Straße, die verhüllt wären, oder Töchter, die nicht mehr Hotpants herumlauf, „aus denen die halbe Arschbacke heraushängt“. Ganz zu schweigen davon, dass Männer dann endlich in der Kneipe sitzen könnten, ohne von nörgelnden Ehefrauen zur Heimkehr gedrängt zu werden.

Trotz dieser durchaus vorhandenen gesellschaftskritischen Inhalte ist Badesalz aber kein Polit-Kabarett, stellt Knebel klar. Von dieser Gattung hält er nicht allzu viel: „Wenn ich das manchmal im Fernsehen erlebe, sage ich mir: “Ja, ist gut, ich habe es ja kapiert. Wir sind alle dumm und ihr seid ganz schlau.„“ Nach seiner Beobachtung werde derartige Themen auf Tausenden Ebenen besprochen. „Auf ganz hoher Ebene - das sitzt ein Philosoph wie Richard David Precht bei Maischberger. Aber ganz unten sitzen auch die Spezialisten - am Stammtisch, und die interessieren uns viel mehr.“

„Die reaktionären Arschlöcher zeigen“

„Und es steckt noch eine zweite Idee dahinter, dass nämlich viele konservative, ja reaktionäre Leute den Islam als mittelalterlich verurteilen“, sagt Knebel weiter. „Tief im Innersten aber finden sie das gut und denken: Meine Frau sollte besser auch nicht mehr in die Kneipe dürfen. Die Frau muss vielleicht nicht verschleiert sein, aber in der Küche bleiben und Nichts-zu-sagen-Haben: Das finden die gut. So weit sind die gar nicht voneinander entfernt, würden das aber nie zugeben. Und das Doppeldeutige ist, dass sie sich nach außen progressiv geben.“ Der Sketch mit der Ach-so-toleranten-Stammtischrunde steht laut Nachtsheim in bester Badesalz-Tradition: „Dass wir auch die reaktionären Arschlöcher zeigen, findet man auf jeder unserer Platten.“

Das neue Badesalz-Album „Mailbox Terror“ erscheint am 15. Juni. An diesem Tag geht auch die DVD „Dö Chefs“, die Aufzeichnung der gerade erst abgeschlossenen Live-Tour, in den Handel. Mit dem neuen Programm wollten Badesalz im nächsten Jahr auf Tour gehen.

Quelle: dpa
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