Burgfestspiele Bad Vilbel

Ein Fenster führt heimlich Regie

Von Von Matthias Bischoff
 - 20:35

Wehe, wenn es an der Tür klopft! Für den Staatsminister Richard Willey (Thomas Dehler) bedeutet jedes Klopfen eine Verschärfung seiner Lage. Eigentlich wollte er nur mit der entzückenden Jane Worthington (Alice von Lindenau), dummerweise Sekretärin des Oppositionsführers, eine Liebesnacht im Luxushotel verbringen. Doch ein vermeintlich toter Einbrecher, erschlagen vom willkürlich herabkrachenden Fenster, verhagelt ihm seinen Seitensprung. Der Tote muss weg, ein Skandal um jeden Preis vermieden werden.

Dieser Preis wird mit jedem Eintretenden höher, alle fünf Minuten ändert sich die Lage, und immer, wenn man denkt, nun kann es schlimmer nicht kommen, spitzt sich alles noch einmal zu, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. In Ray Cooneys irrwitziger Komödie „Außer Kontrolle“ kann man zusehen, wie Lügen Lügen gebären, wie groteske Ausreden eine gefährliche Eigendynamik entwickeln und schließlich selbst den gewieftesten Profi-Lügner an seine Grenzen bringen. Mitleid muss man deshalb mit dem vor Selbstbewusstsein strotzenden Willey nicht haben, eher darf man ihn für seinen genialen Einfallsreichtum bewundern.

Immer neue Falschaussagen

So macht er aus dem Toten den Bruder seines zur Hilfe herbeigeorderten Assistenten George Pigden (Felix Bold), setzt ihn in einen Rollstuhl, um den angeblich Betrunkenen aus dem Hotel zu schaffen. Janes wütender Ehemann Ronnie (Steffen Wiexler), der seiner Gattin misstrauisch gefolgt ist, wird mit immer neuen Falschaussagen durchs Hotel gejagt, der Hotelmanager (Thorsten Danner) mit immer abstruseren Erklärungen vertröstet und der italienische Kellner (Sebastian Zumpe) durch reichlich Trinkgeld zum stillschweigenden Helfershelfer gemacht.

Ray Cooneys 1990 uraufgeführte Farce zählt zu den erfolgreichsten Stücken des englischen Comedy-Autors. Adelheid Müthers auf Tempo und Slapstick setzende Inszenierung ist ein wuchtiges Ausrufezeichen für den Beginn der 32. Spielzeit der Burgfestspiele Bad Vilbel. Nach den Kinder- und Jugendstücken im Mai beginnen mit „Außer Kontrolle“ nun die eigentlichen Festspiele, und wenn die Begeisterung des Premierenpublikums nicht täuscht, dürfte die Verwechslungs- und Vertuschungsorgie einen großen Anteil an den Zuschauerzahlen übernehmen.

Das wichtigste Requisit

Kathrin Kegler hat eine bewusst nicht stilsichere Luxus-Suite mit grünlicher Blumentapete und roten Sesseln in die Bad Vilbeler Burg gestellt, der Blick durch die Fensterfront zeigt das Parlament, wo Willey angeblich gerade an einer wichtigen Debatte teilnimmt. Das wichtigste Requisit ist der nach dem Zufallsprinzip zuschlagende Fensterrahmen, der im Lauf des Abends mehreren Akteuren auf den Hinterkopf donnert, die aus verschiedensten Gründen den Raum nicht durch die Tür verlassen wollen oder können. Es ist, als wollte das heimtückische Fenster den armen Willey und seinen über sich hinauswachsenden George in den Irrsinn treiben.

Ein Stück dieser Art kennt kein Happy End, die Menge der Fäden ist nicht mehr entwirrbar. Ohnehin ist im zweiten Teil nach der üppig bemessenen Bad Vilbeler Trink- und Vesper-Pause kaum noch eine Steigerung des Chaos möglich, wenn ein Toter aufersteht, eine Ehefrau überraschend zum Kontrollbesuch kommt und mit jedem Öffnen der Tür eine weitere Drehung der Wahnsinns-Schraube erfolgt. Man kommt bei diesem präzise getimten Gag-Feuerwerk als Zuschauer wahrhaftig kaum aus dem Lachen heraus. Dankbarer Jubel für sämtliche Darsteller.

Quelle: F.A.Z.
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