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DJ Bobo in der Festhalle

Tanz wie ein alter Ägypter

Von Michael Köhler, Frankfurt
 - 19:32
Meister der Zeit und der Fans: DJ Bobo in der Festhalle. Bild: Wonge Bergmann, F.A.Z.

Ein uralter Menschheitstraum: Reisen durch die Zeit. In seiner 1895 publizierten Novelle „The Time Machine“ ließ der britische Autor H.G. Wells seinen Protagonisten, einen Erfinder des 19. Jahrhunderts, mit selbstgebauter Zeitmaschine ins ferne Jahr 802701 entschwinden. DJ Bobo, Schweizer Entertainer, ist zwar erst 25 Jahre im Geschäft, aber auf seiner Jubiläumstournee entführt er das Publikum mit „Mystorial“ in gleich vier verschiedene Zeitalter. Eigentlich funktioniert DJ Bobo ja präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Der gelernte Bäcker und Konditor aus Kölliken im Kanton Aargau, bürgerlich Peter René Baumann, gehört zu denen, die gewöhnlich pünktlich auf die Minute ihre Show starten.

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Nach dem Attentat im britischen Manchester ticken aber auch hierzulande die Uhren anders. Weshalb kurz vor dem eigentlichen Beginn immer noch unzählige Partywillige vor den vier Schranken zum Inneren der Frankfurter Festhalle warteten, um Handtaschen vorzuzeigen und am ganzen Körper abgetastet zu werden. So verzögert sich der Reisestart, aber was sind schon ein paar Minuten im Vergleich zu Jahrtausenden? Und wer wartete, konnte schließlich schon mal im Mini-Fanwarenhaus von DJ Bobo shoppen gehen, während drinnen der Eidgenosse samt zehn Flaggen schwingender Tänzer einmarschierte.

Feierwütige in der Großraumdisco

In der gigantischen 3D-Projektionskulisse bewegen Zahnräder Zahlenräder und kommen im Paris des Jahres 1887 zum Stillstand. Ein erst halb errichteter Eiffelturm, typische Architektur-Bauten der Belle Époque und rauchende Schlote. Alles wirkt authentisch, bis auf eines: DJ Bobos in erklecklichen Phonwerten aneinandergereihte Gassenhauer mit Titeln wie „Hypnotized“, „Superstar“ und „I Believe“, unterfüttert durch eine auf oberer Etage plazierte Band, atmen durchweg den Geist von fröhlichem Euro-Dance-Pop der neunziger Jahre. Für die Bobo-Fans das Startsignal. Singend, tanzend und klatschend funktionieren die Feierwütigen die Festhalle in eine Großraumdiskothek um. Wer mag, kann Gesehenes und Gehörtes am Ende auf einem USB-Stick mit nach Hause nehmen.

Mehrere Kameras zeichnen das Spektakel auf, lässt DJ Bobo geschäftstüchtig wissen, und gibt jenen Besuchern, die sich in Begleitung einer Person befinden, mit der sie in der Öffentlichkeit lieber nicht gesehen werden möchten, noch den Tipp, sich in den hinteren Bereich zu verdrücken. Wenig später setzt sich DJ Bobo an den Flügel und bittet um höchste Konzentration: Nichts Geringeres als eine eigene, rund zweistündige Sonate möchte der Tausendsassa zum Besten geben – das Publikum zeigt sich amüsiert bis irritiert. Nach einigen Kostproben von der Klassik bis zum Boogie Woogie, schweben Flügel, Hocker und Bobo wie durch Zauberhand in der Luft.

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Übergangslos in die Zukunft

Mit der Nachdrücklichkeit eines Animateurs beim All-inclusive-Urlaub nimmt der 49 Jahre alte Sänger, Tänzer, Komponist und Produzent sein Publikum ran: Aufstehen, setzen, wieder erheben, La-Ola-Wellen mit und ohne auf Licht geschaltetes Handy, zig „Hey-Hos“ und Fragen müssen auch noch beantwortet werden – DJ Bobos Beschäftigungsroutine will einfach kein Ende nehmen. Als er einen Besucher ausfindig macht, der einem Freund ein Ticket geschenkt hat, bittet der Entertainer den auf die Bühne, damit er einen Text rappt. Da sind die unheimlichen Vampire schon abgehakt, befinden wir uns längst im antiken Ägypten im Jahre 40 vor Christus.

Eindruck hinterlassen nicht nur exaltierte Choreographien, die demonstrieren, wie wohl einst Ägypter tanzten. Nach der Coverversion „What A Feeling“ aus dem Kinohit „Flashdance“ mit einer leider nur im Videoclip präsenten Irene Cara geht es ab in die Steinzeit. Dort herrscht allerdings wohltemperierte „Good Time“ mit elegantem Funk und Disco à la Chic. Zur ausgelassenen Perkussionsorgie lädt die Truppe Greenbeats. Angekommen in den neunziger Jahren lauten die Befehle dann „Keep On Dancing“, „Take Control“ und „Let The Dream Come True“. Was geradezu übergangslos in die Zukunft weist: Zum Finale im Jahr 2032 herrscht überall „Freedom“ und „Love Is All Around“. Schöne neue Welt.

Quelle: F.A.Z.
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