„Dreigroschenoper“

Buchstabenspiele

Von Guido Holze
 - 08:44

Drei Mal setzt Mackie Messer durchatmend an, um die ihm gewidmete Moritat zu singen, zwei Mal verpasst er zur fortlaufenden Begleitung den Einsatz. Wie kann man da auch so einfach anfangen? Gleich mit diesem Song vom Haifisch, der seine Zähne nur allzu bekanntlich im Gesicht trägt. Dass er sich schwer getan hat, mit all dem Ballast des Meisterwerks, das wohl eher wider Willen in diesen Adelsstand gehoben wurde, stellt der Regisseur Philip Tiedemann gleich mit dieser Anfangsidee seiner Neuinszenierung am Staatstheater Darmstadt heraus.

Das ist verständlich, zumal er viele Jahre am Berliner Ensemble, Brechts altem Haus- und Hoftheater, arbeitete und unter Claus Peymann Oberspielleiter war. Das Ringen mit Werk und Tradition setzt sich so als dezent und anregend ausgeführter Leitgedanke der Produktion fort mit der Ausstattung von Norbert Bellen. Anfangs ist die Bühne ganz vollgestellt mit mannshohen Buchstaben: „Die Dreigroschenoper“ steht da in riesigen Lettern zu lesen. Die Sicht auf die Bühne, auf das Stück selbst, scheint durch das ewige Nachbuchstabieren schon verstellt.

Doch wie dann Mackie als sein eigener Moritatensänger vom langsam stockenden Sprechen bald in einen immer flotteren, freieren und schneller swingenden Gesang übergeht, so nimmt auch die Inszenierung bald Fahrt auf. Die anfangs quasi nackten, nur mit hautfarbenen Trikots, dann aber im Sinne der Tradition „klassisch“ kleidenden Darsteller räumen die Buchstaben teils weg und spielen mit ihnen. Aus einem großen, quer gelegten C wird etwa eine Mondsichel oder eine Art Schaukelbett, in der Polly (Louisa von Spies) wie in einem Rhönrad turnend mit stimmlich größter Intensität im Song vom Nein-Sagen ihren Eltern ihre Heirat mit dem Räuber Mackie andeutet. Alles läuft dann durchaus „werktreu“ und wie am Schnürchen, woran neben den Darstellern das im Bühnenhintergrund sitzende Orchester unter der Leitung des Ersten Kapellmeisters Michael Nündel gewaltigen Anteil hat: Es spielt in den Tempi ungemein flexibel, mit Beschleunigungen und Verlangsamungen aller Art, bald im bewusst unsauberen Blaskapellen-Klang, bald im wilden Jazzband-Sound, bald großorchestral und quasi-opernhaft – ganz wie es die es die Musik von Kurt Weill erfordert. Brechts desillusionierende Regieanweisungen kommen dazu in altem Dampf-Radio-Ton aus Lautsprechern.

Kein leichtes Spiel für Martin Bruchmann

Martin Bruchmann hat allerdings als Mackie wahrlich kein leichtes Spiel gegen Hubert Schlemmer als Peachum: Gegen diesen rauhen, dunklen, miesen und weltweisen Schwiegerpapa, der die Hochzeit seiner Tochter Polly mit ihm, dem anderen Halunken, ungeschehen machen will. Dagegen hat dieser nicht clever, cool und dominant genug auftretende Mackie von Beginn an keine Chance. Teils ist es der Regie, teils dem Darsteller geschuldet, dass Mackie oft zu weich und weinerlich, zu sehr als Opfer und zu wenig als Täter erscheint.

Polly ist hingegen genau das, was Brecht sich wohl vorstellte: mal die Tochter des Ehepaars Peachum und mal die Braut von Mackie, mal naiv, mädchenhaft kleinlaut, mal rauhbeinig abgebrüht singend und sprechend. Alle anderen Darsteller fügen sich ausgezeichnet ins Spiel: allen voran Béla Milan Uhrlau als Polizeichef Tiger-Brown und Katharina Abt als Celia Peachum.

Der reitende Bote des Königs, der zum dritten Dreigroschen-Finale durch Begnadigung Mackie vor dem Tod am Buchstaben-Galgen bewahrt, schwebt am Ende als Deus ex machina ganz nach Art einer Händel-Oper zu Pferde vom Schnürboden her ein. Und Peachum spricht dazu dunkel gewichtig die Moral von der Geschicht’ vom Leben der Ärmsten der Armen: dass man das Unrecht nicht zu sehr verfolgen solle. Eine verheißungsvoll starke Premiere.

Quelle: F.A.Z.
Guido Holze
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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