Frankfurter Galerien

Alle machen mit

Von Christoph Schütte, Frankfurt
 - 13:01

Eigentlich ist man als Kunstbetrachter dieser Tage erst einmal vor allem müde. Erschöpft von all der immerhin ganz furchtbar gut gemeinten Kunst, wie sie in diesem Sommer etwa auf der Kasseler Documenta auszuhalten war. Vom Ausflug zur Biennale nach Venedig, den Skulptur Projekten Münster und keineswegs zuletzt vom bei aller Liebe doch ein wenig aufgeblasenen Frankfurter Kunstsommer, im Rahmen dessen man sich fast schon wöchentlich in einem anderen Atelierhaus wiederfand, bloß um zu schauen, was die Damen und Herren Künstler in ihren Stuben wohl den lieben langen Tag so machen. Und doch ist die Vorfreude auf den bevorstehenden Saisonstart der Frankfurter Galerien vom 8. bis 10. September am nächsten Wochenende womöglich größer noch als je zuvor.

Nicht nur, weil es sich gemeinsam und bei Sekt und Häppchen allemal noch schöner staunen, unken, lästern lässt über die Großereignisse dieses zu Ende gehenden Superkunstjahrs. Vielmehr haben sich die Frankfurter Kunsthändler zur 23. Ausgabe der gemeinsamen Eröffnung nach der Sommerpause zu einer alle Eitelkeiten des Betriebs über Bord werfenden Reform des Formats aufgerafft, die nicht mehr, wie so oft in den vergangenen Jahren, vor allem auf die Konkurrenz in München, Düsseldorf oder Berlin schaut, sondern auf die eigenen Stärken zu vertrauen sich fest vorgenommen hat. „Ziel ist es, ein Wochenende der Gegenwartskunst in Frankfurt zu etablieren“, bringen die Organisatoren um Frank Landau, Philipp Pflug, Kirsten Leuenroth und Ralf Seineke von der Galerie Rundgänger die Idee des Neustarts auf den Punkt. Und erstmals seit vielen Jahren ziehen – beinahe – alle auch an einem Strang.

23. Saisonstart: Es wird viel gefeiert

Weniger wegen der großen Party jetzt, zu der am nächsten Samstagabend bei freiem Eintritt alle, wirklich alle, die mit der Kunst etwas am Hut haben in Frankfurt, im Schirn Café zusammenkommen wollen. Und doch, dass die Interessengemeinschaft der Galerien (IG) Museen wie das Städel, die Schirn Kunsthalle oder das Museum für Moderne Kunst zur Teilnahme eingeladen hat, ist mehr als nur eine wohlfeile Geste. Vor allem präsentiert sich der Kunststandort am Main ganz ohne Standesdünkel in seiner ganzen Breite. Auch die nicht organisierten Ausstellungsorte wie die Galerien Parisa Kind und Bernhard Knaus, Jacky Strenz, Das Bilderhaus und Feld+Haus sowie die freien Räume wie Basis, Eulengasse oder Schwalbe 54 sind diesmal nicht nur von manchen unter den Etablierten argwöhnisch beäugter klandestiner, sondern hochoffizieller Teil des gemeinsamen Programms.

Wie gut diese Überwindung von derlei Grenzen dem Profil der Kunststadt Frankfurt tun könnte, das zeigen nicht nur Räume wie der Saasfee Pavillon oder die Ausstellung Corinna Mayers in der Weißfrauen Diakoniekirche. Jener Künstlerin mithin, die gestern erst zum Abschluss des Frankfurter Kunstsommers im Atelierfrankfurt mit dem Atelierstipendium der Stadt ausgezeichnet worden ist. Das zeigen auch die außergewöhnliche Präsentation Maria Thräns im 1822-Forum oder die Schau in der Goldstein Galerie, die freilich, statt am großen Vernissagenabend am Freitag, schon am kommenden Mittwochabend zur Eröffnung mit Adrian Williams und Franz von Saalfeld einlädt. Schon mehrfach in den vergangenen Jahren hat der Ausstellungsraum etablierte Künstler und solche des Atelier Goldstein eingeladen, gemeinsam auszustellen.

Selten aber war man so neugierig auf die Ergebnisse der Zusammenarbeit wie im Fall der amerikanischen, auch und gerade mit ihren performativen Setzungen etablierten Künstlerin mit dem vor allem für seine puppenstubenkleinen Bühnenbilder bekannten Saalfeld. Wie stets aber haben sich auch die namhaften und in der IG organisierten Galerien zum Saisonstart etwas Besonderes einfallen lassen. Das gilt für die fotokünstlerischen Positionen etwa in der L.A. Galerie oder bei Tolksdorf ebenso wie für die in Frankfurt traditionell stark vertretene Malerei, deren Spektrum von Markus Ebners sich weiter am Werk Günter Fruhtrunks abarbeitenden Tableaus bei Jacky Strenz über die Arbeiten des vor vier Jahren gestorbenen Günther Förg bei Grässlin bis zu den erzählerisch motivierten Bildern etwa Fedele Spadaforas bei Leuenroth reicht.

Und für die zahlreichen Gruppenausstellungen gilt es ohnehin. So haben Hübner + Hübner nach Präsentationen zum Thema Landschaft, Stillleben oder Porträt ihre Künstler in diesem Jahr um Beiträge zum Thema Frankfurt gebeten. Und bei Namen wie Ulrich Diekmann oder Heidi Riehl, Thomas Nolden, Johannes Spehr und Nicole van den Plas darf man das allemal ein Versprechen nennen. Derweil feiert Heike Strelow zum Saisonstart unter dem Titel „Expressive Structures“ den zehnten Geburtstag ihrer Galerie mit zahlreichen Frankfurter Künstlern wie Florian Heinke, Il-Jin Atem Choi oder Emilia Neumann, während Kim Behm, die schon immer ein besonderes Faible für Papierarbeiten hat, sich in ihrer Galerie mit Lucie Beppler, Rudolf de Crignis oder Christiane Schlosser einmal mehr vor allem zeichnerischen Positionen widmet.

Überhaupt wird viel gefeiert bei diesem 23. Saisonstart, nicht nur in der Schirn und bei den Vernissagen, die zum Großteil, trotz so mancher Ausreißer, wie eh und je am Freitagabend die Gäste zu Kunst und Wein und Häppchen locken. So hat die Galerie Jörg Schuhmacher am Weckmarkt, den 70. Geburtstag des in Frankfurt geborenen Norbert Thomas zum Anlass für eine Solopräsentation genommen, und auch der Kunstraum Bernusstraße hat dem seit einigen Jahren auch als Bildhauer erfolgreichen Galeriekünstler Michael Morgner zum 75. eine große Einzelschau eingerichtet. Erschöpfung also, mag der geneigte Kunstbetrachter schon im Vorfeld bilanzieren, ist fraglos auch beim 23. Frankfurter Saisonstartwochenende garantiert. Selten aber hat man sich, nach Kassel, Münster und Venedig, so aufrichtig auf sein Zuhause und den Frankfurter Betrieb gefreut.

Der 23. Saisonstart der Frankfurter Galerien findet vom 8. bis 10. September statt. Alle Ausstellungen sind Freitag von 18 bis 22 Uhr, Samstag und Sonntag jeweils von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Ein Faltblatt mit Lageplan liegt aus. Weitere Informationen auch zu den verschiedenen Rundgängen im Internet unter www.frankfurt-saisonstart.de.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Schütte - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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