Produzent Artur Brauner

Zwischen Tralala und bitterem Ernst

Von Eva-Maria Magel
 - 18:55
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Aus „Papas Kino“ ist „Opas Kino“ geworden. So lang ist es her, dass mit dem Schlachtruf „Papas Kino ist tot“ 1962 der „junge deutsche Film“ ausgerufen wurde. Der sieht inzwischen auch schon alt aus, dafür guckt man wieder anders auf die frühe Nachkriegszeit. Die einen, indem sie sich genüsslich den rosafarbenen Heimatkitsch jener Jahre ansehen, in dem alles so wirkt, als habe es nie einen Nationalsozialismus gegeben und als müsse sich niemand mit den Mühseligkeiten der Gleichberechtigung herumschlagen.

Die anderen konzentrieren sich in jüngster Zeit auf das, was es jenseits des Mainstreams damals auch gegeben hat. DVD-Editionen, Filmreihen, neue Forschung und Tagungen beschäftigen sich mit dem frühen deutschen Nachkriegskino. Mit „Morituri“ zum Beispiel, entstanden 1948. Ins Kino kam er, als sein Produzent gerade einmal 30 Jahre alt wurde. In den meisten Kinos lief „Morituri“, wenn überhaupt, nur einen Tag lang. In manchen wurde die Einrichtung demoliert. Es hagelte Proteste, der Regisseur Eugen York erhielt Drohbriefe.

Brauners Filme arbeiten NS-Verbrechen auf

Das kann man auch in Frankfurt nachlesen, in einem gut gesicherten Depot, wo das Archiv von Artur Brauners Central Cinema Compagnie, kurz CCC, lagert. 1948 hatte es so ausgesehen, als ob das erste Herzensprojekt des jungen Filmproduzenten Artur Brauner auch sein letztes werden würde, so viel Geld hatte er dafür versenkt. 40 Jahre später gab es die CCC immer noch - und es gibt sie bis heute.

1990 hatte das Deutsche Filmmuseum Frankfurt mit einer großen Ausstellung und einem begleitenden Buch auch versucht, schon früh diesem merkwürdigen Phänomen nahe zu kommen: Dass mitten in all den „Tralala-Filmen“, wie er sie selber nannte, Artur Brauner und seine CCC immer wieder und stetig auf das Erinnern gesetzt haben. An den Nationalsozialismus und an den Holocaust.

Noch mehr verborgene Fäden will nun das Wiesbadener Filmfestival Go East aufzeigen. Es widmet von diesem Freitag (22. April) an sein diesjähriges Symposion ganz dem Werk Artur Brauners unter dem Titel „Der Produzent als Brückenbauer und Grenzgänger“.

Dass das renommierte Festival des mittel- und osteuropäischen Films seine internationale Tagung einem Berliner Einzelkämpfer widmet, hat viele Gründe. Stapelweise, reihenweise, kiloweise sind sie, Papier geworden, seit 25 Jahren in Frankfurt zu sehen. Im Rödelheimer Depot des Deutschen Filmmuseums, mittlerweile eingegangen in das Deutsche Filminstitut, lagert die Geschichte von Artur Brauners CCC. 15 bis 20 Wissenschaftler, sagt Claudia Dillmann, die Direktorin des Deutschen Filminstituts, arbeiteten jedes Jahr mit dem Material. Am Frankfurter Lehrstuhl für Filmwissenschaft entstehe derzeit auch eine Dissertation zur CCC.

Produktionen sind Teil der osteuropäischen Filmhistorie

Dass das ein großer Teil der bundesdeutschen, der westdeutschen Filmgeschichte sei, hat man früh hervorgehoben. Dass Brauners Produktionen ein Teil der internationalen und zumal osteuropäischen Filmgeschichte sind, die sich mit Namen wie Agnieszka Holland („Hitlerjunge Salomon“) oder Andrzej Wajda („Eine Liebe in Deutschland“) verbindet, mit den ersten deutsch-polnischen Koproduktionen nach dem Krieg und einem der in Polen am längsten verbotenen Filme, „Der achte Wochentag“ (1958), das will nun das Symposion näher beleuchten.

Dillmann, damals noch freie Filmwissenschaftlerin und Kuratorin, hat 1989/90 gewissermaßen ihren Einstand mit einer großen Ausstellung und einem bis heute maßgeblichen Buch über Artur Brauner und seine CCC gegeben. Nun wird sie das Symposion des Festivals eröffnen, das für sie ein besonderes Highlight ist.

Für das damals erschienene Buch hatte sie intensive Gespräche geführt, in einer Zeit, als Brauner erwog, seine Filmproduktion zu verkaufen. „Spontan“ habe er damals auf ihre Nachfrage das Archiv angeboten, erinnert sie sich. Seither ist viel geforscht worden, und die Renaissance, die derzeit eine ganze Epoche und Brauners Werk erlebt, begrüßt Dillmann ausdrücklich: „Es ist gut, dass eine neue Generation seine Verdienste anders bewertet.“

Dillmann erinnert sich noch lebhaft an die Debatten rund um „Hitlerjunge Salomon“ (1990), der von deutscher Seite nicht für den Oscar vorgeschlagen worden war, obwohl er ein internationaler Erfolg war. Brauner war, ein weiteres Mal, verletzt, wie damals, als „Morituri“ geächtet wurde und das deutsche Nachkriegspublikum sie nicht sehen wollte, die an wahren Motiven orientierte Geschichte einer kleinen Gruppe von KZ-Insassen, die schon für den Tod selektiert sind, als ihnen ein Arzt zur Flucht verhilft.

Das Kauern im Wald, mit angespannten Sinnen, ob nicht ein Wehrmachtssoldat durch das Gras schleicht, hat Artur Brauner selbst erlebt. Der junge Mann, geboren 1918 in Lodz, entkam dem Getto und der Deportation, versteckte sich und konnte überleben. 49 seiner Verwandten wurden von den Nazis ermordet. Seine Eltern und Geschwister gingen nach Israel. Brauner ging, ausgerechnet, nach Deutschland. In Berlin begann er gleich nach dem Krieg als Filmproduzent zu arbeiten. Mit Unterhaltungsfilmen und Krimis, „Tralala“, wurde er berühmt und erfolgreich.

Am Herzen lag ihm anderes, von Anfang an. Heute laufen in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem von ihm produzierte Filme in einer eigenen Mediathek. „Die weiße Rose“ oder „Der 20. Juli“ oder eben „Morituri“. Es hat lange gedauert, bis auch diese Seite Brauners bekannter wurde. Die meisten kennen die Fotos von dem mit Grandezza auftretenden Herrn im weißen Abendanzug, mit funkelnden Augen und schwarzem Menjou-Bärtchen, der auf Bällen und Galas mit Filmschönheiten plaudert: reradezu der Inbegriff des Filmmagnaten. Und viele, auch daran erinnert Olaf Möller, der Kurator der Go-East-Tagung, haben auch damals unter der Hand antisemitische Witze über den in ihren Augen so unnatürlich erfolgreichen Juden gemacht.

Brauner hat sich nicht irritieren lassen. „Er war einer der großen unabhängigen Produzenten, die weiter an das Kino geglaubt haben“, so Dillmann. „Er ist eine Ausnahmeerscheinung. Für mich schon einer der Größten“, sagt sie. Die Größe bestand, das zeigt nun die Auswahl von gut einem Dutzend Filmen aus 50 Jahren, auch darin, im Grunde durchaus massentaugliche Filme zu den Themen des Nationalsozialismus zu produzieren - gegen das Vergessen. Dass sie bisweilen künstlerisch nicht so anspruchsvoll gerieten, wie Brauner sich das erhofft haben mag, gehört auch zu dieser Geschichte.

Es sind daraus eine ganze Reihe großer Filme hervorgegangen, die bis heute im Gedächtnis sind und immer wieder gezeigt werden. Einige Raritäten hat Go East nun zusammengestellt. Jeder der Filme zeigt auch das Unbeirrbare, das Brauner ausgezeichnet hat und das in den vielen Dokumenten seines Archivs nachzulesen ist.

Filmreihe zeigt, wie international seine Filme waren

„Künstlerisch“ und „anspruchsvoll“ sollten die Produktionen sein, ließ er seinen Teams ausrichten und fuhr ihnen auch in die Parade, wenn ihm etwas nicht gepasst hat. Dass er, der Jude aus Polen, die großen Emigranten nach Deutschland geholt hat und mit Fritz Lang oder Robert Siodmak arbeitete, gehört genauso zur Geschichte Brauners wie seine Selbstinszenierung im ganzen Filmzirkus - national und international. „Dass der westdeutsche Nachkriegsfilm nicht international gewesen sei, stimmt einfach nicht“, sagt Dillmann. Dass er auch, trotz des Eisernen Vorhangs, in den Osten offen war, zeigt nun die Filmreihe.

Unter anderem ist „Zu Freiwild verdammt“ zu sehen, eine Produktion von 1984, die ebenfalls nicht sehr erfolgreich war. Doch sie ist, wie „Morituri“, Teil von Brauners Geschichte: Ruth, das Mädchen im Film, erinnert an seine Frau Maria. Es ist jene Ruth, die nun von Hannelore Elsner als alte Dame gespielt wird: Brauners Tochter Alice, mittlerweile ebenfalls Produzentin, hat die Geschichte fortgesetzt, mit „Auf das Leben“. Auch dieser Film, 2014 fertig gestellt, wird nun zu sehen sein.

Brauner und Go East

Das Filmfestival Go East findet von 22. bis 28. April in Wiesbaden statt, Hauptspielort ist das Kino Caligari am Marktplatz, weitere Spielstätten in Wiesbaden und im Deutschen Filmmuseum Frankfurt.

Das Symposion zu Artur Brauner findet von 24. bis 26. April im Haus der Casino-Gesellschaft Wiesbaden, Friedrichstraße 22, statt.

Die Filmreihe beginnt am 23. April um 20 Uhr mit „Eichmann und das Dritte Reich“ im Murnau Filmtheater. Alice Brauner ist zusammen mit Hannelore Elsner und dem Film „Auf das Leben“ am 26. April im Deutschen Filmmuseum zu Gast.

Weitere Informationen und ein Programmheft gibt es unter www.filmfestival-goeast.de

Quelle: F.A.S.
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Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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