Jugendballett

Lieb mich, wie ich bin

Von Eva-Maria Magel
 - 19:52

Das Staatstheater Wiesbaden ist ein bei Jugendlichen extrem beliebter Ort. In jedem Fall draußen. Kein Treppchen, keine Balustrade, wo nicht, sommers wie winters, in kleinen Grüppchen getrunken, gefeiert und geknutscht würde. Was eben so gehört zu dieser merkwürdigen Zeit der Entdeckungen, die „Pubertät“ genannt wird.

Für die Zeit, in der aus Raupen Schmetterlinge werden (aus manchen allerdings auch einfach nur große Raupen), hat Tim Plegge ein wundervolles Bild gefunden: In giftgrünen und grellgelben Schlafsäcken wälzt sich sein Ensemble aus zwölf Tänzern dahin. Bis sie, nach und nach, den Kokon abstreifen. Es stecken schöne junge Menschen darin, manche sehr männlich, manche sehr weiblich. Manche beides.

Und schon ist man mittendrin in „Fake“ , einem „Tanzstück für Jugendliche und ihre Fans“, wie Plegge diese besondere Choreographie für das Hessische Staatsballett, dem er vorsteht, untertitelt hat. Sie richtet sich an alle jenseits von zwölf Jahren, und es geht um die Metamorphosen, die man, ob man will oder nicht, so durchmacht in der Zeit des Erwachsenwerdens.

Es gibt noch mehr gute Bilder: jenes, in dem junge Männer mit Kissen ausgestopft die Muskelmänner geben und junge Frauen in Fatsuits die Angst vor dem Dicksein tanzen, zum Beispiel. Alles, was da so plötzlich unförmig wird, ist eine schaurige, stolze Last, alles löst Assoziationen, Erinnerungen aus. Und dann gibt es noch den Jungen (Jorge Moro Argote), der augenscheinlich einer ist, aber auch alles tanzt, was die Mädchen tanzen. Er wird gepiesackt, und irgendwann schreiben sie ihm „Fake“ auf die Haut. Er ist der erst heimliche, dann offensichtliche rote Faden des Stücks.

Zweifel am Selbst, Zweifel an der Umwelt

Identität, vor allem die geschlechtliche, ist das Thema in Plegges „Fake“, das in der noch kurzen, aber guten Tradition des 2014 gegründeten Staatsballetts steht, in jeder Spielzeit etwas für junge Leute zu bieten. Der Titel „Fake“ klingt beliebig, die Sache ist es nicht: Die Ambition, für junges Publikum exakt dieselben Standards wie an einen großen Tanzabend anzulegen, verdient schon an sich jedes Lob, es gibt sie in ganz Deutschland allzu selten. Plegge hat, auch im Diskurs mit seinen Tänzern, ein dichtes, großartig getanztes, gut einstündiges Stück gemacht, zu einem Soundtrack, der zwar nicht wirklich aktuell ist, aber praktisch für jede Frage des jugendlichen Seins einen Song und Rhythmus vorhält.

Zweifel am Selbst, Zweifel an der Umwelt, Hass und Lust, verliebt sein, nicht verliebt sein – Plegges Eklektizismus passt zu diesem Bilderbogen in Liedern, so intensiv getanzt, dass er manch einen im Premierenpublikum zu Tränen rührt. Die zwölf Tänzer zeigen alles, auch viel Haut und seelische Entblößung, um diesen Jugendgefühlen Ausdruck zu schaffen. Allerdings fehlt „Fake“, was man im Jugendtheater beherzigen würde: bei allem Tempo Zeit für gedankliche eigene Entwicklung zu lassen. Nach den Beifallsstürmen der Premiere muss sich dieses tänzerische Feuerwerk nun vor einem jungen Publikum beweisen. Idealerweise dem, das sonst eher draußen abhängt.

Vorstellungskalender

Nächste Vorstellungen am 9., 19. und 23. Juni am Staatstheater Wiesbaden, dann am Staatstheater Darmstadt.

Quelle: F.A.Z.
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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