Kiss in der Festhalle

Sensationen im Minutentakt

Von Michael Köhler, Frankfurt
 - 19:07

Mit Tragödien kennen Kiss sich aus. Vor 41 Jahren schon beschrieb das New Yorker Quartett im Song „Detroit Rock City“ eine Katastrophe, die sich tatsächlich in ihrem Umfeld zutrug: Ein junger Fan aus Charlotte befand sich auf dem Weg zur Arena, wo Kiss auf ihrer „Dressed To Kill“-Tournee ein Konzert gaben, als ein nicht mehr ganz nüchterner Autofahrer mit überhöhter Geschwindigkeit dem jungen Leben abrupt ein Ende setzte.

Auch beim finalen Deutschland-Gastspiel in der mit zehntausend Besuchern gefüllten Frankfurter Festhalle, Nachholtermin der im vergangenen Jahr ausgefallenen Europa-Tournee, steht der Fanfavorit „Detroit Rock City“ vom Album „Destroyer“ (1976) auf dem Programm. Als perfektes Finale einer rund hundert Minuten langen Werkschau inklusive Materialschlacht wie bei einem Militärmanöver mit meterhohen Stichflammen, kontrollierten Explosionen, lautem Schussgeböller und übermütigem Trockeneisgepuffe. Ein Heidenspaß für das aus nah und fern sowie zum Teil in ganzen Familienverbänden angereiste Publikum.

Je größer, lauter, dreister und plakativer, desto besser

Dass Kiss an diesem Dienstagabend nach dem Credo „The Show Must Go On“ handeln, muss man ihnen ebenso positiv attestieren wie die nach dem zweitem Song „Shout It Out Loud“ von Sänger und Rhythmusgitarrist Paul Stanley angesetzte Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags am Montag in Manchester. Im Hintergrund prangt auf einer Projektionsfläche „We Stand With Manchester 22/05/2017“. Dass bei sechzig Sekunden geforderter Stille vereinzelte Zwischenrufer meinen, das kollektive Gedenken mit unsinnig Gebrülltem stören zu müssen, lässt sich wohl nicht vermeiden. Nicht verleugnen lässt sich, dass die von der Urbesetzung übrig gebliebenen Mitglieder Paul Stanley (65) und Gene Simmons (67) sich seit der Gründung der Band im Jahr 1973 ebenfalls reichlich der Ego-Kultur mit vollmundiger Selbsterhöhung und gigantomanischen Marketingkonzepten bedienten. Im auf Illusionsinszenierung geeichten Schaugeschäft gehört Klappern nun mal zum Handwerk – je größer, lauter, dreister und plakativer, desto besser.

Bandsprachrohr Stanley verkündet in gewohnt schrillem Stimmtimbre, kaum dass die mit Tommy Thayer (56) und Eric Singer (59) komplettierte Hardrocklegende zu den martialischen Riffs von „Deuce“ vom Debütalbum „Kiss“ (1974) auf zwei hydraulischen Plateaus von der Hallendecke herabgeschwebt war, schon mal in vorauseilender Selbstbeweihräucherung: „You wanted the best, now you got the best, the hottest band in the world, Kiss!“. Stanley kann es noch einen Hauch prägnanter formulieren: „This evening of May the 23rd you will never forget.“ Hernach rocken Kiss auch rabiat los, hauen den Feierwilligen erhöhte Phonwerte nicht nur bei „I Love It Loud“ um die zumeist ungeschützten Ohren, wenn sie, mit jeder Menge Nostalgie gesalbt, tief in der eigenen Vergangenheit wühlen, damals, als die Nachwuchsband Kiss beschloss, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden, indem sie sich als Comic-Kunstfiguren verkleidet, mit verteilten Rollen, skurrilen Kostümen und einer vom japanischen Kabuki-Theater stibitzten Gesichtsbemalung.

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Aus dieser Pionierzeit stammen nicht nur gut abgehangene Klassiker wie „Flaming Youth“ und „God Of Thunder“, sondern auch Show-Attraktionen der besonderen Art: Bassist Gene Simmons in der Rolle eines unheimlichen Dämonen spuckt erst Feuer, dann Blut, saust durch die Lüfte, hat den bösen Dauerblick und stellt permanent seine überlange Züngelzunge zur Schau. Quasi im Vorbeigehen sorgt er auch noch auf vier Saiten für volle Dröhnung oder knurrt ins Mikrofon. Auch Kollege Stanley schwingt seinen Körper durch die Lüfte. Per Stahltrageseil geht es für „Psycho Circus“ auf ein Drehpodest in der Hallenmitte, derweil die übrigen drei Musiker die Hauptbühne frequentieren. Wie demokratisch es bei Kiss zugeht, zeigt sich, als Tommy Thayer erst „Shock Me“ singt, dann beim Gitarrensolo Funken aus seinem Instrument sprühen. Eric Singer wird bei „Black Diamond“ als Sänger in die Pflicht genommen. Zum Höhepunkt gelangt das auf Sensationen im Minutentakt getrimmte Spektakel mit hohem Unterhaltungsfaktor mit der Beschwörungsformel „Rock And Roll All Nite“: Tonnenweise weiße Papierschnitzel feuern die Konfettikanonen ins Auditorium, dass einem angst und bange wird, die Betroffenen könnten daran ersticken. Simmons und Thayer schweben mittels rechts und links plazierter Kranhydraulik noch einmal in luftige Höhen. Als erste Zugabe steht ein längst rehabilitierter Hit an, der einst ob seines Disco-Hardrock-Diskurses bei Puristen als blasphemischer Frevel galt: „I Was Made For Lovin‘ You“.

Quelle: F.A.Z.
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