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Klassik-Marathon

Dreimal Gold für den musikalischen Nachwuchs

 - 18:09

Knackige Sportlerbeine gibt es hier nicht zu sehen. Dafür überaus agile Finger: Sieben Solisten und ein Kammerorchester musizieren im rustikalen Ambiente des Fürst-von-Metternich-Saals im Schloß Johannisberg den "Klassik-Marathon" - und machen sich fit für die Matinee "Treffpunkt Jugend" einen Tag später, die vom Hessischen Rundfunk aufgenommen wird. Zwei Stunden und zehn Minuten brauchen die jungen Nachwuchskünstler, Pausen nicht eingerechnet, für ihren Marathon - und liegen gar nicht so schlecht, verglichen mit der Bestzeit der Profiläufer in Athen, die nur um wenige Minuten schneller sind.

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Eine Medaille hätten sie alle verdient: Der zwanzig Jahre alte Franzose David Guerrier, der mit weichem Trompetenton, historisch informiert, die Sonate von Giovanni Buonaventura Viviani in sinnige Phrasen gliedert, Töne anschwellen läßt, dynamisch allerdings mehr differenzieren könnte. Das tut er dann am nächsten Tag in dem jazzigen Concertino von Andre Jolivet - gemeinsam mit der koreanischen Pianistin Yeol-Eum Son, die sich mit clusterhaften Einwürfen unterordnen muß. Am Abend zuvor fehlte auch Son noch der Mut zu leisen Tönen: Zwar schüttelte die 18 Jahre alte Pianistin die Stakkatoläufe im ersten und letzten Satz von Bachs Konzert in d-Moll nur so aus den Fingern, von der Zartheit des Adagios ließ sie sich jedoch noch nicht beeindrucken - was auch an der sehr engagierten Begleitung des finnischen Orchesters, der Virtuosi di Kuhmo, und an seinem Dirigenten Jan Söderblom lag. Als sensible Begleiterin erweist sich Son in dem Concerto für Violine, Klavier und Orchester in d-Moll von Felix Mendelssohn: Mit perlenden Akkordbrechungen reagiert sie hier auf die temperamentvollen Läufe der erst 16 Jahre alten Koreanerin Ye-Eun Choi, hält sich zurück, wenn Choi die hohen Lagen ihrer Violine zum Schmelzen bringt. Schon zuvor hat Choi technische Brillanz bewiesen - mit präzise artikulierten Stakkatoläufen im hummelflugartigen Vivace der Suite für Violine und Orchester des Finnen Jean Sibelius.

Was aus den Debütantinnen werden könnte, hat er vorgemacht: Daniel Müller-Schott ist mit seinen 28 Jahren mittlerweile vom Nachwuchstalent zum international anerkannten Künstler aufgestiegen. Als Gastmusiker beider Veranstaltungen taucht der Cellist zunächst das erste Konzert in C-Dur von Joseph Haydn in mal satte, mal zarte Pastell-Klangfarben. Kostet in Schumanns Konzert a-Moll jede Phrase, jede Note aus. Bei ihm reagieren die Virtuosi di Kuhmo prompt: offerieren die zartesten Pianissimi, trumpfen nur in den Tuttipassagen auf - mit exzellenter Deutlichkeit in den schnellen Passagen. So manche imaginäre Goldmedaille wurde Müller-Schott schon überreicht - im Zusammenspiel mit Anne-Sophie Mutter, Andre Previn oder Christoph Eschenbach etwa -, weitere werden gewiß folgen.

Auch bei ihnen stehen die Zeichen auf Gold: Spaß statt Schweiß versprühen der 27 Jahre alte deutsche Geiger Linus Roth und der 22 Jahre alte slowakische Kontrabassist Roman Patkolo im "Gran Duo" von Giovanni Bottesini - mit opernhaft verzierten Kadenzen, expressiven Kantilenen und fulminanten Läufen. Von holziger Behäbigkeit ist bei Patkolo nichts zu spüren, er überzeugt durch Spielfreude, Vielseitigkeit, Eleganz - und einen samtigen, warmen Ton, mit dem er später auch Bottesinis zweites Konzert in h-Moll zum Schwingen bringt.

Bei der Kanadierin Measha Brueggergosman hingegen sitzt das Gold in der Kehle. Ihr rund vibrierender, lyrischer Sopran ist ein Genuß für die Ohren: dunkel im Brustton, obertonreich in mittlerer Höhenlage, strahlend, teils mit metallischer Schärfe, in der Höhe. In einer Arie aus Alfredo Catalanis "La Wally" jagt sie dem Hörer wohlige Schauer über den Rücken, zieht ihn mit Ausdruckskraft in ihre Klangwelt. Zur Matinee hat sie ein Kleinod mitgebracht: Paul Hindemiths Lieder op.23a "Des Todes Tod" - mit minnesangartigen Dialogen zwischen Sängerin und "Bordun"-Bratsche, in denen sie auch mal vibratolos haucht. Fazit: dreimal Gold, viermal Silber - zumindest mit dem musikalischen Nachwuchs ist zu rechnen. URSULA BÖHMER

Ein Mitschnitt des Konzerts ist am 29.August um 20.05 Uhr auf dem Sender HR 2 zu hören.

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