John Cleese in Frankfurt

Mama, ich lass dich ausstopfen

Von Hannes Hintermeier
 - 18:32

Da Wissenschaftler endlich bestätigen, was der Volksmund lange weiß – dass Lachen gesund ist –, war der Montag in der Frankfurter Alten Oper ein Abend, den die Krankenkassen mit Bonuspunkten belohnen müssten. Zwar erreichte er nicht den weiland von Ephraim Kishon geschilderten, frenetischen Lachpegel englischer Comedysendungen, der Radioapparate zum Implodieren bringt, aber viel fehlte nicht. Dabei hatte John Cleese seine Tour mit einem elegischen Abschiedsmotto unterlegt: „Last time to see me before I die“.

Nächstes Jahr wird er achtzig, ansehen tut man ihm das nicht. In der „Hauptstadt der Geldwäsche“, wie er Frankfurt zu nennen beliebte, gab es, anders als etwa im schwarzhumorigen Wien, keinen Zusatztermin. Ist es mit dem Humor in der „City of the Euro“ doch nicht so weit her? Die Zuschauer, die zum Teil von weit her kamen, spiegelten in ihrer Heterogenität die lange Karriere des John Cleese sowie seine Vorliebe für radikalen Humor – er ist ein Albtraum für Politkorrektler.

Das Bild, das seine dritte Ehefrau beim täglichen Geldabheben zeigen soll – die Scheidung von der dritten Ehefrau hatte Cleese um zwanzig Millionen Dollar erleichtert –, macht das deutlich. Um sein aufreibendes Leben als weltbekannter Humorist begreiflich zu machen, lässt er das Publikum stehend in Sprechchören den Text einer typischen Ein-Fan-trifft-seinen-Star-Begegnung nachsprechen. Die Ovationen des Endes werden also gleich am Anfang abgehakt. Sollte es im Publikum Ansätze von Zurückhaltung gegeben haben: Sie sterben in diesem Augenblick.

Verfolgung bis nach Florida

Rund achtzig Nächte des Jahres verbringt Cleese in Hotels. Aus diesem Erlebnisfundus zimmert er eine Typologie der Rätsel, die jeden Hotelgast weltweit betreffen. Warum verschanzt sich das Rezeptionspersonal immer dann, wenn besonders viele Gäste einchecken wollen? Deswegen. Warum kommt ein Zimmermädchen und schlägt die Bettdecke um? Würden nicht einmal Mütter machen. Warum ist das erste Blatt Toilettenpapier zu einem Dreieck gefaltet? Damit der Gast weiß, das es zuvor nicht benutzt wurde. Warum schreit man das Personal am besten auf Deutsch an? Weil das die Leute wirklich einschüchtert.

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

Die Sketche der Komikertruppe Monty Python, die Cleese 1969 mitbegründete, sind auf Leinwand immer dabei. Und doch wechselt Cleese im Stil eines Conferenciers zwischen historischen Reminiszenzen und aktuellen Ausflügen, es soll keinesfalls Weihrauch wabern. Er erzählt vom rüden Hotelier Donald Sinclair aus Torquay, der ihm als Vorbild für seine Figur des Basil Fawlty diente. Als Cleese zehn Jahre nach Ausstrahlung der Serie in den mittleren Siebzigern das Vorbild preisgab, verfolgte die Presse Sinclair, bis sie ihn in Florida aufspürte.

Bestimmt wird er sie schrecklich vermissen

Was waren das für Zeiten! Mann konnte dem BBC-Unterhaltungschef ohne Plan eine dreizehnteilige Serie für den „Flying Circus“ aus den Rippen leiern, nur mit der Ansage, man wolle ein paar Witze machen, und bevor man einen Politiker interviewe, spräche man lieber mit einer Ente. Oder man kündigt einen Film mit dem Titel „Jesus Christ – Lust for Glory“ an, aus dem später „Das Leben des Brian“ (1979) wird, der beste Film, wie Cleese findet, den Monty Python gemacht hat, weil er sich mit einer durchgehenden Geschichte vom Sketch-Format löst. Außerdem sei es dem Film gelungen, ausnahmsweise sämtliche Weltreligionen zu vereinen – in der Ablehnung dieses Meisterwerks. Vier Jahre später dann die Szene aus „Der Sinn des Lebens“, in welcher der Gourmand nach Einnahme eines hauchdünnen Pfefferminzplätzchens platzt – ein Beispiel, wie weit Cleese und seine Kollegen zu gehen bereit waren. Und heute? Schreckliche Zeiten für Satire. Kim Kardashian im Weißen Haus.

Nach der Pause geht es an die Wurzeln des Gewerbes. Was macht einen guten Witz aus, warum funktioniert er? Vielleicht so: Was ist schwarz und weiß und kriecht auf dem Boden herum? Eine verletzte Nonne. Cleese sattelt sein Ross, lässt das Visier herunter und reitet gegen jedwede Korrektheitsideologie. Die Ermordung der drei Yorkshire-Terrier aus „Ein Fisch namens Wanda“ wird gezeigt, die Hündchen als „stupid fucking hairy mosquitos“ etikettiert. Sogar die eigene Mutter – falls sie es denn wirklich ist auf dem Foto – kommt nicht ungeschoren davon. Sie lebt am Ende, von Depressionen geplagt, in einem Pflegeheim. Der Sohn telefoniert regelmäßig mit ihr, und hört ebenso regelmäßig von ihr, er werde sie nach ihrem Tod schrecklich vermissen. „Vielleicht behält sie ja eines Tages recht“, sagt Cleese über die längst verstorbene Mutter. Er habe ihr damals angeboten, „einen kleinen Mann aus Fulham zu schicken, der dich nächste Woche tötet“. Das fand die alte Dame so komisch, dass der Killer zum Running Gag der Telefonate wurde. Schließlich habe er ihr angedroht, sie ausstopfen zu lassen.

Der unzähmbare Wuchs von Nasenhaaren

Für den Komiker steht fest: Eine Sitcom rund um Franz von Assisi würde nicht zünden, rassistische Witze gehen dagegen immer. Als Beleg zeigt er sich selbst als Sprecher der „Swedish Fun Week“, der dazu aufruft, sich nicht umzubringen. Und warum wohl begönnen weiße Märchen mit dem Satz „Es war einmal“, schwarze dagegen mit „Hey motherfucker you won’t believe this shit“? Cleese plädiert für die jährliche Ausrufung eines Landes durch die Vereinten Nationen, über das die ganze Welt Witze reißen darf. Vom Selbstmord war es dann nicht weit zum Tod, und dort ist es nicht wie bei Monty Python die Lachsschaumspeise, die zum Exitus führt, sondern Herzinfarkt, Krebs, Verkehrsunfall, Behandlungsfehler.

Sterben sei nicht so schlimm, die guten Leute (wie Jesus) seien alle tot, die schlechten lebten, Trump, Putin, Erdogan, Gwyneth Paltrow. Das drängendste Problem aber scheint für Cleese der unzähmbare Wuchs von Nasenhaaren. Und wie man als Monty Python nachruft, hat er 1989 beim Tod seines Kollegen Graham Chapman gezeigt, indem er erstmals in der Geschichte der BBC in einer Trauerrede die Wörter „shit“ und „fuck“ unterbrachte. Jahre später fliegt der Rest der Truppe zu einem Festival nach Aspen – die Urne Chapmans im Gepäck. Für alle, die nicht live erleben konnten, wie das ausgeht: Das Video steht im Netz. Ein umwerfender Rauswerfer zu einem umwerfenden Abend.

Quelle: F.A.Z.
Hannes Hintermeier
Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMonty PythonFloridaUN