Michael-Riedel-Ausstellung

Fast wie im richtigen Kunstbetrieb

Von Michael Hierholzer
 - 09:11

Mit größtmöglicher Präzision und Perfektion verfolgt Michael Riedel ein fortschreitendes Projekt von zunehmender Rätselhaftigkeit. So klar alles scheint, so sehr zerrinnt einem doch jede Gewissheit zwischen den Fingern. Er speist Zeichnungen, Postkarten, Wandtapeten, Künstlerbücher, Kataloge, Textsammlungen, Poster, Tonbandaufnahmen, Videobildsequenzen und vieles andere in den Kunstbetrieb ein, ohne dass diese Medien und Materialien, Ausdrucksformen und Objekte den Zweck erfüllen würden, den man von ihnen erwartet, oder einen Sinn enthüllten, wie wir ihn traditionellerweise darin zu sehen gewohnt sind.

So sind etwa seine Plakate nicht plakativ, weisen auf nichts anderes hin als auf sie selbst, bedienen sich aller möglichen Stilmittel und der Methode der Collage, sind aber ebenso wie Einladungskarten oder andere Werbemittel ihrer ursprünglichen Bedeutung enthoben. Alles, was Riedel anfasst, wird Teil einer Parallelwelt, die so wirkt, als gehöre sie zum Kunstbetrieb, tatsächlich aber reproduziert sie seine Mittel nur.

Erstmals Frühwerk in vollem Umfang

Riedels Werk ist schwer zu fassen, aber geeignet, einen nachhaltig zu beeindrucken. Wie in der Schau mit seinen Arbeiten im Museum Angewandte Kunst, die seit Freitag zu erleben ist. Neben neueren Werken wird in den Hallen des Richard-Meier-Baus, die überraschenderweise wie geschaffen scheinen, das OEuvre des 1972 geborenen Künstlers auf angemessene Weise zu präsentieren, erstmals das „Signetische Zeichnung“ genannte, 1994/95 entstandene Frühwerk in vollem Umfang gezeigt. 2016 wurde es vom Städelschen Museums-Verein erworben.

Dass es nun im Museum Angewandte Kunst gezeigt wird, mag manche überraschen, aber womöglich hätte es in den Räumen der Graphischen Sammlung im Städel seine eigentümliche Ästhetik nicht in dem Maße entfalten können, wie das jetzt in dem ein paar Schritte entfernten Haus geschieht. Es hier auszustellen lässt sich damit legitimieren, dass es sich zunächst einmal vornehmlich um Graphikdesign handelt, was den Besuchern begegnet. Und dafür unter anderem ist dieses Museum zuständig.

Die Urzelle Riedels künstlerischer Arbeit

Die „Signetische Zeichnung“ besteht aus etwa 1000 Zeichnungen, darunter auch ungezeichnete Zeichnungen. Leerstellen. Unbeschriebene Blätter. Dergleichen gehört zum Humorrepertoire dieses Künstlers, der einmal nach einem Vortrag in der Städelschule eine Papiertüte mit seinem Namen darauf aufsetzte und so tat, als sei er verschwunden.

Die „Signetische Zeichnung“ ist so etwas wie der autobiographische Gründungsmythos Riedels, die Urzelle, der Kern, der Nullpunkt seiner künstlerischen Arbeit. Aus dem „M“ seines Vornamens entwickelte sich eine Kunst, die sich gleichsam stets aus sich selbst vorantreibt, durch ständige Transformation, ein work in progress, das keine natürliche Beschränkung und Begrenzung kennt, sondern als eine Art ästhetisches Perpetuum mobile gedacht werden muss, das, einmal angestoßen, immer weiter läuft. So ist die „Signetische Zeichnung“ auch noch nicht wirklich abgeschlossen, sondern wirkt fort und fort in allem, was Riedel tut. Aus dem großen „M“ ergaben sich vielerlei Formen und Figuren.

„Perspektivisch entkleidet“

Das ursprüngliche Signet von 1994, mit Stempel- und Goldfarbe auf Velinpapier gesetzt, erfuhr zunächst eine Übersetzung in Grate und Ebenen, sodann eine Reduzierung der Übersetzung, danach eine Reduzierung der Reduzierung der Übersetzung, Riedel fügt hinzu: „perspektivisch entkleidet“. Dieser Vorgang lässt sich noch einigermaßen nachvollziehen, wenn man vor den einzelnen Blättern steht. Schwieriger wird es bei den folgenden Zeichnungen, in denen, ausgehend vom ursprünglichen Signet sowie seinen Übersetzungen und Reduzierungen, etliche weitere Gebilde aus Linien und Flächen entstehen, mittels Streckung und Stauchung, Drehung und Achsenverschiebung.

Ein endloser Prozess ist in Gang gesetzt, die Zeichnungen wirken einerseits konstruktivistisch, andererseits in der Zusammenschau überbordend, ein Reich unendlicher Möglichkeiten, Verwandlungen, Metamorphosen. Mehrere Zeichnungen sind zu Wachsbüchern zusammengefasst, die aus Blättern bestehen, die mit Wachs überzogen wurden. Auch eine Animation ist zu sehen, in denen Linien sukzessive zu komplexen Gebilden werden, denen es aber an linearer Strenge nie gebricht. Und auch ein Zeichenschrank ist Teil der Ausstellung, der für die signetische Zeichnung in all ihren Variationen vorgesehen ist.

Riedel schafft ein System an selbstreferentiellen Arbeiten, das auf nichts hindeutet, was außerhalb existiert. Man denkt an die écriture automatique der Surrealisten, auch wenn bei Riedel die Formen nicht wuchern, sondern sich eine aus der anderen mit einer technischen Logik ergibt. Eine schwierige Schau. Aber es muss ja nicht immer alles einfach sein.

Bis 14. Oktober: „Michael Riedel. Grafik als Ereignis“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst

Quelle: F.A.Z.
Michael Hierholzer
Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.
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