Museum für Kommunikation

Von der Pferdepost und dem Luxus der Abwesenheit

Von Michael Hierholzer
 - 21:52

Es gibt viel zu sehen. Und zu erfahren. Und auszuprobieren. Das Frankfurter Museum für Kommunikation hat seine Dauerausstellung komplett umgebaut. Von nächster Woche an ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich, einige Kleinigkeiten werden dieser Tage noch ausgebessert. Nach 13 Jahren bietet das Haus am Sachsenhäuser Schaumainkai nun einen neu gestalteten umfassenden Überblick über die Geschichte der Kommunikation und faszinierende Einblicke in die Mittel und Formen, derer sich Menschen bedienen, um sich untereinander auszutauschen. Es gibt keinen Parcours, der zu bewältigen wäre, keinen eindeutigen Weg, der etwa historisch von früheren zu späteren Ereignissen führte, sondern 41 thematische Inseln, denen sich der Besucher je nach Interessenlage widmen kann.

So mag der eine durch die Schau mäandern, sich treiben lassen, sich da und dort intensiver einem Thema widmen, während der andere sich beraten lässt von den freundlichen Damen und Herren, die sich zwischen den Objekten und Schautafeln, Displays und Installationen verteilen und im Unterschied zu Museumswächtern, wie Museumsdirektor Helmut Gold gestern sagte, vorwiegend als Informanden dienen. Sie kennen sich aus. Und können etwa Familien empfehlen, was in dieser Schau besonders für Kinder geeignet ist. Oder wo das graue Telefon steht, das man schon lange einmal wieder betrachten wollte.

Beschleunigung und Effizienz

Diese Präsentation macht es möglich, spielerisch Wissen zu erwerben oder aufzufrischen, selbst eine Kopie des „Rosetta Stone“, dank dessen Jean François Champollion einst die Hieroglyphen entziffern konnte, findet sich unter den Exponaten: Der Text desselben Inhalts ist darauf in Hieroglyphenschrift, in Hieratisch, der altägyptischen Schreibschrift, und in Griechisch zu lesen. Die Themeninseln haben jeweils Titel wie „Die SMS von gestern Nacht“ oder „Strom statt Hafer“. Da gibt es „das Duell der Old-School-Tastaturen“ aus der Vorgeschichte des Smartphones, als es noch keinen Touchscreen gab: Ein rosafarbenes und ein hellblaues Telefon laden zum Wettstreit ein. Und man lernt etwas über den Abschied der Postillione in Nürnberg am 31. März 1922. Einst trugen die Pferde die gesamte postalische Last. Noch im 19. Jahrhundert lebten auf dem Gebiet des heutigen Deutschland etwa fünf Millionen Rösser, die jegliche Art von Dienst verrichteten, heute sind es noch etwa 300 000, vorwiegend Zuchtpferde.

Von der Frühgeschichte der Beschleunigung und Effizienz zeugt die Themeninsel, die sich mit der 1490 vom König und künftigen Kaiser Maximilian I. eröffneten ersten Poststrecke befasst, an der zahlreiche Relaisstationen eingerichtet wurden, um dort die Pferde zu wechseln. Speyer verwehrte der Thurn- und Taxis-Post, nachts in die Stadt zu kommen, der Rat wollte die Mauern zur Schlafenszeit geschlossen halten, was dazu führte, dass Speyer postalisch abgehängt wurde und stattdessen das nahegelegene Rheinhausen prosperierte.

Allerlei Kurioses findet sich in dieser Ausstellung, so geht es unter anderem auch um „Musik auf Knochen“: In der stalinistischen Ära wurden in der Sowjetunion Röntgenbilder als Tonträger benutzt, um darauf vom Staat nicht gebilligte Kompositionen zu pressen. Womit wir bei einem der vier Phänomene sind, denen die einzelnen kleinen Abteilungen dieser Ausstellung zugeordnet sind: Kontrolle. Bei den drei anderen handelt es sich um Beschleunigung, Vernetzung und Teilhabe. Wobei die Schau auch darauf hinweist, dass es im Zeitalter der ständigen Erreichbarkeit schon einen „Luxus Abwesenheit“ gibt. Wie das bei luxuriösen Dingen der Fall ist, können sich das nur wenige leisten.

Geräte, die Daten sammeln, ohne dass wir es oft wissen, gehören ebenso zu den Exponaten wie der schon länger ausgestellte erste Bus zur Personenbeförderung, aber erst im Zug der Ausstellungs-Neukonzeption wurde herausgefunden, dass einst auf ihn geschossen wurde: Wutbürger des Jahres 1906 wollten den Fortschritt verhindern, der ihnen wohl zu heftig stank. Wie aber sieht die Kommunikation der Zukunft aus? Dazu gibt es Statements von 21 Fachleuten, die jeder Besucher an audiovisuellen Stationen abrufen kann. Und auch die Kunst kommt nicht zu kurz: Die Kunstsammlung des Museums, die immerhin Werke von Dalí und Beuys enthält, wird in einem Teil der Ausstellungsräume präsentiert, zusammen mit drei Positionen von zeitgenössischen Künstlerinnen, die sich mit dem Thema des Museums beschäftigen. Es gibt viel zu entdecken. Ein Nachmittag reicht nicht dafür.

Quelle: F.A.Z.
Michael Hierholzer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Hierholzer
Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.
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