„After Rubens“ in Städelschule

Nachdenken über die Kunst

Von Christoph Schütte
 - 19:30

Johann Friedrich Städel hätte es gefallen. Immerhin steht die Schau für eine Art Nachhausekommen, auch wenn sich die frischgebackenen Absolventen der Frankfurter Städelschule in den vergangenen Jahren sichtlich wohl gefühlt haben im Museum für Moderne Kunst. Dass die Kuratoren Il-Jin Choi und Paula Kommoss die Ausstellung, die mit dem Verlassen der Akademie traditionell verbunden ist, in der Architektur der großen, erst im Juni zu Ende gegangenen Rubens-Schau des Städels eingerichtet haben, mag man allerdings eher einen Kompromiss als vorbehaltlos glücklich nennen.

„White Cube“ jedenfalls ist anders. Nur fiel das vor zehn Jahren, als die Städelschule zum letzten Mal hier gastierte und die Absolventen die Räume der großen Stilllebenausstellung bespielten, angesichts der anders gearteten Umgebung nicht wirklich ins Gewicht. Und doch ist die gestern Abend am Schaumainkai eröffnete Wiederholung des charmanten Coups ganz bestimmt im Sinne des Museumsstifters.

Was den Betrachter überrascht

Weniger, weil die Malerei in diesem Jahr, durchaus überraschend, mal wieder einen bemerkenswerten Auftritt hat oder die „After Rubens“ überschriebene Schau mit der Kunst der Alten Meister oder des Barock kokettieren würde. Vielmehr, weil der kinderlos gebliebene Städel 1815 in seinem Testament nicht nur die Einrichtung des heute weltberühmten Museums, sondern auch die Gründung der international genauso angesehenen Kunstschule verfügt hatte. Bis heute liegen die selbständigen Institutionen keinen Steinwurf voneinander entfernt. Was aus Städels schon damals grundsätzlich jedem offenstehender Akademie geworden ist, überrascht den Betrachter mit jedem Absolventenjahrgang aber doch stets aufs Neue.

Zwar dominieren in diesem Jahr unter den 31 Positionen Film und Video. Arbeiten von Bertrand Flanet, Janusch Ertler und Jonas Brinker, die in der Filmklasse des scheidenden Städelschullehrers Douglas Gordon entstanden sind, hinterlassen bleibenden Eindruck. Bei aller Konzeptlastigkeit der Gegenwartskunst aber haben die traditionellen Medien keineswegs ausgedient. Es wird gemalt, gezeichnet und gebildhauert wie eh und je. In der Kombination unterschiedlicher Disziplinen verleihen Künstler wie Nimrod Karmi, Larissa Mazbouh und Viviana Abelson ihren Arbeiten spürbare Spannung. Vor allem aber reflektieren die Künstler während der Arbeit unablässig ihr eigenes Tun.

Die alte Frage

Zwar lässt die klassisch figürlich sich ausnehmende Malerei von Babette Semmer sich hier ebenso entdecken wie die bescheidenen, in Öl und Gesso ausgeführten Blätter Mikhail Wassmers mit ihrem studienartigen Charakter. Stets aber fällt ein durchaus malerisches Nachdenken über Medium, Kontext, Wahrnehmung, Kunst und Kunstbetrachter auf, das exemplarisch John Heards „Paintings for the Blind and Dyslexic“ vorführen. Dem Schüler von Michael Krebber und Haegue Yang geht es erklärtermaßen darum, eine Auswahl seiner eigenen Bilder, die in der Ausstellung nur als verkleinerte Reproduktionen verfügbar sind, für blinde und sehbehinderte Besucher auf dem Audio-Führer zu beschreiben.

Im Kern geht es mit jeder aufgerufenen Datei um die alte Frage, was es wohl auf sich habe mit der Malerei. Und was das sei, ein Bild. Mag sein, am Ende des Rundgangs ist man auch nicht klüger. Nur kommt es darauf nicht an. Die aktuelle Kunst im Städel stellt wie alle Kunst spätestens seit der Romantik vor allem Fragen. Sich selbst ebenso wie dem Betrachter. Auch das, darf man vermuten, hätte Johann Friedrich Städel gefallen.

Die Ausstellung läuft bis 5. August. Der Katalog kostet 3 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite