Musiktheater am Hafen

Ein Opernhaus für Offenbach

Von Christoph Schütte
 - 14:53

Ein Regenschirm wäre vielleicht nicht schlecht. Und statt der Highheels eher Gummistiefel für die Gattin, Ohrstöpsel womöglich für zart besaitete Gemüter, auch wenn das in der Oper doch ein wenig ungewöhnlich ist. Doch was will man machen? Zwar ist die Lage einzigartig, das Panorama mit dem Main, dem Kraftwerk und der Brücke flussabwärts vor dem Horizont schier atemberaubend. Doch irgendwie ist so ein Opernhaus unter vollkommen freiem Himmel nun einmal auch ein Risiko. Nicht nur weil es ständig schüttet, hagelt und gewittert dieser Tage, dass es eine hochsommerliche Art hat. Wenn im Minutentakt die Flugzeuge über die Bühne donnern, ist das auch nicht unbedingt im Sinne des Musiktheatererfinders.

Wiewohl, in diesem Fall vermutlich doch. Ist die gestern Abend eröffnete Oper Offenbach auf der Hafeninsel doch keineswegs ein Schelmenstück der ein wenig unbedarften Bürger aus einem Städtchen Marke Schilda, sondern ein typisches Projekt von YRD.Works. Das von David Bausch, Yacin Boudalfa und Ruben Fischer begründete Künstlerkollektiv hat schon seit Offenbacher Studienzeiten mit installativen Arbeiten auf sich aufmerksam gemacht, die stets das Verhältnis von Kunst und Raum und Künstler und Betrachter neu verhandeln. Das galt schon für die zur Ausstellungshalle umgebaute Kressmann-Halle im Offenbacher Hafen, für die „1. Offenbacher Seefestspiele“ dort im vergangenen Jahr, und es galt keineswegs zuletzt für „Insight Out“.

Das war ein Hybrid aus Skulptur und Club, Blackbox und White Cube, mit dem YRD.Works im Winter den großen Saal des Mousonturms bespielt haben. Und jetzt, zum Abschluss der zweijährigen, von der Kulturstiftung des Bundes ermöglichten Residenz der jungen Künstler am Frankfurter Künstlerhaus, kommt also tatsächlich eine Oper auf der Maininsel im Offenbacher Hafen. Dabei war das vor zwei Jahren nicht mehr als eine Schnapsidee. Eine flapsige Bemerkung gegenüber dieser Zeitung, was wohl nach all den raumgreifenden Installationen der vergangenen Jahre, nach Fitnessstudio, dem „Holzhausen“ über dem Main und der Kressmann-Halle in Zukunft von YRD.Works zu erwarten sei.

Oper ohne Garderobe oder Dach

„Ein Opernhaus für Offenbach“, entgegnete uns Ruben Fischer prompt. Und musste dann doch selber lachen. Doch siehe da, sie haben Wort gehalten. Nur wie stets bei diesen Künstlern ein wenig anders als gedacht. Zwar traten im Rahmen der „Soirée“ zur Eröffnung gestern Abend tatsächlich die Altistin Dalila Djenic und die Sopranistin Julie Sekinger mit einem Potpourri aus Opern-Melodien auf und begleitete Xi Zhai die beiden live und open air am Klavier. Doch was einmal Bühne und Konzertsaal werden soll, liegt bislang noch ziemlich brach, und den Orchestergraben mag man ebenso vergeblich suchen wie eine Garderobe oder wenigstens ein Dach. Vom Parkett für das Publikum mal ganz zu schweigen.

Nur der Spielplan, der steht von der Premiere bis zum Abschluss der Saison im Offenbacher Hafen fest. So will es das Konzept. Ist doch der Bau dieses Theaters, die Reflexion des Ortes geradeso wie des Kontexts der eigentliche Kern der künstlerischen Inszenierung. Nur zäumen Boudalfa, Bausch und Fischer gleichsam das Pferd von hinten und, statt architektonisch und im Raum verdichtet, Schritt für Schritt gestaffelt in der Fläche auf. Als Skulptur soll jeder einzelne Bauabschnitt für sich im Raum bestehen können. Das klingt aberwitzig, und als Opernhaus im herkömmlichen Sinne ist es das auch. Als im Prozess selbst installativ Form annehmendes Nachdenken über die Bedingungen von Architektur, von Kunst und Theater aber ist das im Gegenteil klug und präzise inszeniert.

Die Eröffnung bietet Mozart, Bizet und Morricone

Es folgt auf den gewaltigen, mit den Designern von Profi Aesthetics und dem Fotografen Simon Keckeisen realisierten, den Genius loci reflektierenden Prospekt zur Eröffnung gestern, nun schon in zwei Wochen ein Konzertprogramm mit Mozart, Bizet und Ennio Morricone im – bis dahin womöglich doch noch ausgehobenen – Graben. Acht Tage später kann man sich eine Loge mieten und die Nacht sanft schlummernd in diesem etwas anderen Opernhaus verbringen. Zum Finale am 13. Juli dann eröffnen die Performer von Baby of Control endlich auch die große Bühne. Und dann fällt, um im Bild zu bleiben, auch schon ein für allemal der Vorhang. Schade eigentlich. Kann es nach diesem Auftakt doch nicht den geringsten Zweifel geben: So eine Mainphilharmonie in Offenbach, das hätte was.

Die Oper Offenbach auf der Spitze der Hafeninsel entsteht bis 13. Juli. Nächste Veranstaltungen am 17. Juni von 12 bis 16 Uhr und am 23. Juni von 16 Uhr an. Die Logen stehen in den Nächten vom 29. auf den 30. Juni, vom 30. Juni auf den 1. Juli sowie am 7. Juli zur Verfügung. Informationen im Internet unter www.yrd.works.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Schütte
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
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