Kultur
Romantik

Träum was Schönes

Von Florian Balke, Frankfurt
© Freies Deutsches Hochstift - Frankfurter Goethemuseum, F.A.Z.

Es ist wie mit Tolkiens Zwergen. Sie haben in den Minen von Moria so tief nach Wahrsilber gegraben, dass sie schlafende Ungeheuer geweckt haben. In ähnlicher Weise führt der illusionslose Blick der Aufklärung auf Fähigkeiten und Schwächen des Menschen dazu, dass es mitten im lichten 18. Jahrhundert um das Dunkel des menschlichen Bewusstseins zu gehen hat. Die Romantik ist nicht nur eine Gegenbewegung zum Vorangegangenen, sondern auch eine Radikalisierung des bis dahin geübten Vertrauens auf Verstand, Vernunft und Nachdenken. Wer sich lange genug in den Anblick des Teiches versenkt, erkennt auf dem Grund des klaren Wassers schließlich auch den Schlamm. Und allerlei ekles Getier. Kein Bild steht so sehr für das Auftauchen des Irrationalen in der Kunst wie „Der Nachtmahr“ von Johann Heinrich Füssli, ein Gemälde, auf dem der 1741 geborene Schweizer Maler, der in den Jahren rund um die Französische Revolution in London erfolgreich war, eine seltsame und vieldeutige Interieurszene entwirft. Sie zeigt vielleicht einen Albtraum, ist aber vor allem mit den von Sigmund Freud erst mehr als hundert Jahre später beschriebenen Verfahren der Traumlogik zusammengestellt und soll im Betrachter dieselbe Beunruhigung auslösen wie der böse Traum, aus dem man nachts verzweifelt erwachen will und manchmal zum Glück emporschreckt.

Eine Frau, die vielleicht nur schläft, vielleicht aber auch gerade vor Schreck ohnmächtig geworden ist, gibt sich möglicherweise ihrer eigenen sexuellen Erregung hin, wird vielleicht aber auch gleich vergewaltigt und trifft dabei auf einen Dämon, der sich auf ihrer Brust niedergelassen hat, während ein Pferd die Szene beobachtet, als wolle es das Zusammentreffen eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf dem ebenfalls erst mehr als hundert Jahre später aufgeklappten Seziertisch des Surrealismus bezeugen. Es gibt Bilder, die Altbekanntes abermals durchspielen, und es gibt Gemälde, die zuvor nie Gezeigtes zum ersten Mal in eine völlig neuartige Bildfindung packen. Schlafende Frauen, dem Blick der Betrachter auf und vor der Leinwand schutzlos ausgesetzt, hatte es vor Füssli viele gegeben. Aber niemand hatte einer Schlafenden auf die Brust gesetzt, was das auf Traumpfaden wandelnde menschliche Bewusstsein an abstoßenden, erschreckenden und völlig unbegreiflichen Inhalten alles so ausbrütet. Füsslis Monster weist den Weg. Ohne seine frühe Darstellung dessen, was körperlos durch das Unbewusste spukt, kein Dracula, kein Nosferatu und kein Freddy Krueger.

Erfolgreich als Radierung

Als der Maler die erste Fassung seines „Nachtmahrs“ 1782 in der Royal Academy in London zeigte, erregte das Werk daher großes Aufsehen. „Was er bot, war ungeheuer“, sagt Mareike Henning, Leiterin der Kunstsammlung des Frankfurter Goethehauses, zu dessen wichtigsten Besitztümern Füsslis Hauptwerk seit Jahrzehnten zählt. Das Bild changiere zwischen Boudoir und Höllenfahrt, fügt Hennig hinzu, sei weder Liebesszene noch Horror, sondern irritiere durch seinen Verbleib im unauflösbaren Dazwischen. Nicht übel für einen Maler, der sich daheim in der Schweiz zunächst zum protestantischen Pfarrer hatte ausbilden lassen, ehe er nach Großbritannien ging und zu malen begann. Trotz Füsslis Vorsprung auf die europäische Romantik, die erst Jahre nach dem Maler auf die Idee kommt, welcher Aufschluss über die Psyche sich aus dem literarischen und künstlerischen Nachdenken über ihre Ausnahmezustände ziehen lässt, ist die Frankfurter Ausstellung die erste zum Bild. Zusammengestellt worden ist sie von Hennigs langjähriger Vorgängerin Petra Maisak und dem Berliner Kunsthistoriker Werner Busch. Mit zahlreichen Leihgaben stellen die beiden Kuratoren den „Nachtmahr“ in den Kontext von Füsslis OEuvre und dieses in den Zusammenhang mit der Kunst seiner Zeit sowie mit des Malers Vorbildern und Nachfolgern.

Reproduktionen der seinerzeit in London gezeigten Version, die heute in Detroit zu sehen ist, erlauben den Vergleich mit der Frankfurter Fassung. Im Londoner Bild liegt die Schlafende mit dem Kopf nach rechts, während das Pferd von links in den Bildraum hereinschaut. Im Vordergrund versucht ein Frisiertisch mit Spiegel und Gefäßen mühsam, Aufgeräumtheit und Ordnung zu simulieren. Füssli selbst sorgte dafür, dass das Bild als Radierung schnell weite Verbreitung fand. Vermutlich veranlasste ihn der große Erfolg des Werkes dazu, es in den folgenden Jahrzehnten noch zwei Mal neu zu malen. Die mittlere, 1790 begonnene Fassung ist es, die das Frankfurter Goethehaus 1953 aus einer Schweizer Privatsammlung erwarb. Ernst Beutler, dem Direktor des Freien Deutschen Hochstifts, war das Bild nicht mehr aus dem Kopf gegangen, seit er es 1938 zum ersten Mal gesehen hatte. Damals war es für einen ersten Gastaufenthalt nach Frankfurt gekommen. Beutler, der in den dreißiger Jahren die Idee zum Romantikmuseum hatte, das derzeit neben dem Goethehaus emporwächst, kaufte weitere Werke des Malers und sorgte auf diese Weise dafür, dass sich in den Galerieräumen des Goethemuseums heute die größte deutsche Sammlung von Füssli-Gemälden befindet.

Ein Rest von Alltäglichkeit

Die Frankfurter Fassung seines „Nachtmahrs“ wirkt auf den ersten Blick wie eine bloße Umstellung der Figuren und Requisiten aus der ersten Version, stellt aber auch eine Steigerung dar. Statt der Erdfarben des frühen Bildes herrschen nun Schwarz, Blau und Weiß, die für Darstellungen der Geisterwelt bis heute unverzichtbar sind, auch wenn der Kopf und die Arme der schlafenden Schönen jetzt nach links vom Divan herabhängen und das Pferd von rechts durch den Vorhang blickt. Der ebenfalls von der einen auf die andere Seite des Bildes umgezogene Frisiertisch dient auch an seinem neuen Standort dazu, der rätselhaften Szenerie einen Rest von Alltäglichkeit zu verleihen und das Bild dort festzuhalten, wo nach der Definition des kürzlich gestorbenen französischen Theoretikers Tzvetan Todorov das Phantastische haust – in der unentscheidbaren Doppeldeutigkeit. Begehren? Abscheu? Füsslis trickreiches Bild erinnert in Frankfurt daran, wie eine alte Welt der Klarheit unterging und durch eine erregend ambivalente ersetzt wurde. Von nun an war die Kunst versessen darauf, zu träumen.

Die Ausstellung im Frankfurter Goethemuseum, Großer Hirschgraben 23–25, wird am Sonntag um 11 Uhr aus Platzgründen im Haus am Dom eröffnet. Sie ist vom 20. März bis zum 18. Juni im Arkadensaal des Goethemuseums zu sehen und montags bis samstags von jeweils 10 bis 18 Uhr sowie sonntags von 10 bis 17.30 Uhr zu besichtigen. Weitere Informationen, auch zum umfangreichen Begleitprogramm, gibt es im Internet unter www.der-nachtmahr.info.

Quelle: F.A.Z.
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