Anzeige

Fotoausstellung

Unwiderstehliche Anarchie der Plisseefalte

Von Eva-Maria Magel, Rüsselsheim
 - 19:30
Mit diesem Bild veränderte sich der Blick: Arno Fischer, Berlin, Gasometer, Ost-Berlin, 1962. Bild: Arno Fischer/OSTKREUZ, F.A.Z.

Bitterfeld. Dazu fällt einem so allerhand ein. Chemie, Gestank, Umwelt, Politik sowieso, aber Mode? Als gerade der „Bitterfelder Weg“ Arbeiter an die Kunst und Künstler an die Werkbank rücken wollte, stellte Arno Fischer das Model Barbara, Pagenkopf, weiße Bluse, tailliertes Wollkostüm, mitten in die Chemieindustrie von Bitterfeld. Die Fotografen in der DDR dieser Zeit hatten wenig Möglichkeiten, ihre Kunst zu zeigen und eigenen Stil zu entfalten. Eine davon, ein Hort der künstlerischen Freiheit unter dem schützenden Mantel der Mode, war die Zeitschrift „Sibylle“. Von 1956 bis 1995 erschien sie, erst in der DDR, dann im wiedervereinigten Deutschland, wo sie sich nicht behaupten konnte. Gegründet von der Künstlerin und Modedesignerin Sibylle Boden-Gerstner (1920–2016), die das Blatt 1961 verließ, war „Sibylle“ von den sechziger Jahren an gewissermaßen der Ankerpunkt von Fotografen, die heute als die Aushängeschilder der DDR-Fotografie und darüber hinaus gelten.

Anzeige

Mit Arno Fischer (1927–2011), der an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee lehrte und 1962 zu „Sibylle“ kam, begann der bildsprachliche Aufschwung der Zeitschrift, die jahrzehntelang als maßgeblich in Mode, Kultur, Architektur, Ästhetik galt und das Etikett „Frauenzeitschrift“ eher beiläufig trug. Mit seinen Aufnahmen in Alltagssituationen, oft an von Gebrauch und Industrie zernagten Orten, ging Fischer vorneweg, Dorothea Bertram, Weißensee-Absolventin, sorgte als Moderedakteurin maßgeblich dafür, dass er, Roger Melis, Günter Rössler für „Sibylle“ tätig wurden. Wer sich jetzt in den Opelvillen Rüsselsheim an den wenigen ausgestellten Heftseiten entlangliest, der kann sich öfter ein Grinsen nicht verkneifen, mal wegen der hübschen Anspielungen in den Texten, dann wieder, weil der Geist oder vielmehr der Zahn der Zeit an der ein oder anderen Reportage schon gewaltig genagt hat.

Frauenbilder im Wandel

Unübersehbar aber ist die Qualität dessen, was von einem kleinen Team an Redakteurinnen, Gestalterinnen und Fotografinnen und Fotografen geschaffen worden ist. Kein Wunder, dass die 200.000 Exemplare nach Erscheinen stets rasch vergriffen waren. Das lag nicht nur daran, dass es die Kleider, die „Sibylle“ zeigte, nie zu kaufen gab: Es waren Entwürfe aus dem Deutschen Modeinstitut, die als Anregung oder Handelsmuster dienten. Und die, mit Hilfe der hochbegehrten beigelegten Schnittmuster, nachgenäht werden konnten. Die gesellschaftlichen und geschichtlichen Aspekte des Phänomens „Sibylle“ allerdings beleuchtet die Schau allenfalls am Rande. In der völligen Neugestaltung einer Kooperation mit der Kunsthalle Rostock legt Kuratorin Beate Kemfert, Vorstand der Stiftung Opelvillen, den Schwerpunkt auf „Sibylle – Die Fotografen“. So tritt die Kunst an der Mode ganz und gar hervor.

Denn so schick und bis heute ansehnlich die meiste Mode sein mag, die da zu sehen ist: In einer Zeit, in der die meisten westdeutschen Zeitschriften ihren Leserinnen erst Käseigel, dann „Lifestyle“ und Kulturempfehlungen von maximal fünf Zeilen Länge zumuteten, porträtierten Fotografen wie Werner und Ute Mahler Orte geradeso wie die Models, die oft selbst aus der Künstlerszene stammten, ganze fotografische Essays setzten Theater oder Kunst in Szene, vieles hatte im offiziellen Look der DDR nichts zu suchen: Industriebrachen, U-Bahn-Schächte, Braunkohle-Tagebau. Sibylle Bergemann, die spätere Mitgründerin der Agentur Ostkreuz, inszenierte Bilder, die an Malerei der zwanziger Jahre erinnern. Der damalige Punker Sven Marquardt setzt Schönheiten der Nacht in Szene und Ulrich Wüst Architektur zur Mode. Aus der Not, selten Farbe nutzen zu können, weil Material und Druck oft mangelhaft waren, entstand die Tugend einer ungewöhnlichen Bildsprache, mal ironisch, mal surreal, mal leise Anarchie ausstrahlend.

Frauenbilder im Wandel sind so zu sehen, individuelle Vorlieben der Fotografen ebenso wie der hohe Anspruch, der allenthalben regierte. Zu sehen sind Herbstmode, Blumenmuster oder Badeanzüge. Dass es der Mode dabei doch um viel mehr geht, beschwört sie heute öfter denn je. Man glaubt es ihr nicht oft. Bei den allermeisten dieser Bilder aber tut man es. Die Ausstellung wird morgen um 11 Uhr in Anwesenheit von Künstlern und Kuratoren eröffnet. Sie ist von 30. August bis 26. November jeweils Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr geöffnet. Es wird ein umfangreiches Begleitprogramm angeboten, für das ein gesondertes Programm ausliegt. Der umfangreiche Katalog kostet 39,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Eva-Maria Magel
Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBitterfeldDDRRüsselsheim

Anzeige