„Totentanz“ von Mary Wigman

Kleinod der Tanzgeschichte

Von Melanie Suchy
 - 10:45

Die diesjährige Präsentation der Tanzabteilung der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt im Künstlerhaus Mousonturm bietet ein Kleinod der Tanzgeschichte: einen „Totentanz“ von Mary Wigman von 1921. „Ich würde ihn lieber ,danse macabre‘ nennen, einen makabren Tanz“, sagt Katharine Sehnert, die diese sieben Minuten Tanz, zur Musik von Camille Saint-Saëns, den Studenten des zweiten Ausbildungsjahres beigebracht hat.

Man solle ja nicht angemoderte Tote beim düsteren Tanze erwarten, sagt Sehnert, denn dass der Tod nicht schwarz ist, bemerkt man sofort, wenn die vier Figuren mit ihren hängenden Köpfen vom ersten Licht der Aufführung beschienen werden: Sie tragen Farben!

Sinken, Fallen, Stürzen, Taumeln

Jeweils in ein grünes, rotes, hellgraues und blaues Pluderkostüm gekleidet, mit spitzen Hütchen auf dem Kopf und nackten Beinen, erwachen die Wesen zu ihrem kurzen Leben. Zwar zieht es sie immer wieder hinab zum Boden, es gibt ein Sinken, Fallen, Stürzen, Taumeln, doch treibt etwas sie auch in die Höhe, durch den Raum und zueinander und voneinander weg.

Sie haben Charakter, unterscheiden sich in Haltung, Schritten und Dynamik, doch schwappen diese Bewegungsfarben mitunter auf die anderen über. Man sieht eine extrem ausgefeilte Choreographie für Kreaturen jenseits der Weiblich-männlich-Unterscheidung oder der zwischen Märchenzwergen und Menschen.

Bewegungen mit Leben füllen

Da dieses Stück aus der ersten Werkphase der 1886 geborenen Tanzerneuerin Mary Wigman stammt, in der sie „streng formal“ arbeitete, weniger „emotional“, hielt Sehnert es für gut ansehbar für heutiges Publikum und nachvollziehbar für heutige Studenten, so dass sie es der Tanzabteilung ZuKT der Hochschule vorschlug.

Wie schwer jedoch die jungen Tänzer sich mit so etwas tun, merkte die ehemalige Wigman-Schülerin, Jahrgang 1937, als es um Details ging, die nichts mehr mit schnellem Abschauen und Nachmachen zu tun haben. Wigmans Weg sei es gewesen, eine erlernte Bewegung so oft zu wiederholen, dass sie zur eigenen wird, indem ein Tänzer, immerzu forschend, Ursprünge und Zusammenhänge spürt und „die Bewegung mit Leben füllt“.

Wigmans Begriff vom Grotesken

Hinzu komme, dass in diesem „Totentanz“ eine für Heutige schwierige „Überspannung“ gefordert sei, entsprechend Wigmans Begriff vom Grotesken in dem Tanz, „in dem keinerlei Harmonie herrscht, alles aus der Form gerät und nicht weiter zu steigern ist“. Sehnert zitiert Wigman sinngemäß: „Der Tänzer ist eigentlich tragisch, bizarr, indem er sich verausgabt, und das Publikum lacht; es goutiert Tanz gern als Dessert.“

Insofern ist dieser „Totentanz“ mehr als doppelbödig; gut gegen nicht totzukriegende Vorstellungen von „Ausdruckstanz“. Eine erste Version hatte Mary Wigman 1917 aufgeführt, im Kreise der Züricher Dadaisten; 1921 nahm sie ihn wieder vor und zeigte ihn fast drei Jahre lang im Rahmen mehrteiliger „Zyklen“ mit wechselnden Besetzungen, meist mit ihr selbst in der blauen, dominanten Rolle. 1926 wurde er aufgeschrieben, in der von Rudolf von Laban entwickelten Kinetographie, die mit dieser Notation erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Deshalb sei die heutige Aufführung keine „Rekonstruktion“, sondern einfach eine „Wiedereinstudierung“. Sehnerts frühere Kollegin, die Kinetographin Anja Hirvikallio, half ihr dabei. Die beiden hatten in den siebziger Jahren in Frankfurt eine der ersten freien Tanzgruppen, „Mobile“. Wigmans „Totentanz“ ist alt, aber was drin- und druntersteckt, hat noch Kraft zum Leben, und sei es als lehrreicher Kontrast zu den Tänzen, die sich zeitgenössisch nennen.

Aufführungen des mehrteiligen „ZuKT_#Tanz“- Abends im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt vom 25. bis zum 27. Mai. Beginn ist jeweils um 20 Uhr, am Sonntag bereits um 18 Uhr.

Quelle: F.A.Z.
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